Der Philosoph und Autor Wolfram Eilenberger Foto: picture alliance/dpa/Markus C. Hurek

Einen Bestseller hat der Philosoph Wolfram Eilenberger schon geliefert: „Zeit der Zauberer“. Im Stuttgarter Literaturhaus stellte er sein neues Werk vor: „Feuer der Freiheit“. Und auch das hat das Zeug zum großen Erfolg.

Stuttgart - Wie erklärt er sich seinen eigenen Erfolg, mit einem philosophiegeschichtlichen Werk zum Bestsellerautor zu werden? Wolfram Eilenberger, der vor zwei Jahren „Zeit der Zauberer“ veröffentlichte und damit die Verkaufscharts stürmen konnte, sieht einen Schlüssel im Reiz, den das philosophische Denken für den einzelnen haben könne: „Es ist eine Form der Sprache, die den Menschen ernst nimmt.“ In einer Zeit, da Kirche, Wirtschaft und wohl auch Politik scheinbar unabänderlich an Ansehen verlieren, sei die Philosophie ein „Instrument gegen die Banalisierung“, die überall sonst um sich greife, „eine Erziehung des einzelnen zum Erwachsenwerden“. Oder noch stärker: das philosophische Denken sei „ein Kampf gegen die eigene Selbstbanalisierung, die täglich droht“ – schon allein deswegen, weil jeder sich eingestehen müsse, auf die wesentlichen Fragen „keine einfachen Lösungen zu haben“.

 

Am Mittwochabend war Eilenberger zu Gast im Stuttgarter Literaturhaus, um sein jüngstes philosophisches Sachbuch vorzustellen, den Folgeband „Feuer der Freiheit“. Ging es ihm in „Zeit der Zauberer“ um die deutsche Philosophie in den 1920er Jahren, die er anhand der vier Denker Ludwig Wittgenstein, Ernst Cassirer, Walter Benjamin und Martin Heidegger auffächerte, wendet er sich nun dem Jahrzehnt von 1933 bis 1943 zu, einer Zeit von Faschismus und Totalitarismus, dem „Kampf zwischen Individuum und Kollektiv“ – und dem Werk von vier Philosophinnen, deren Lebenswege von Verfolgung, Flucht und Exil bestimmt waren: Hannah Ahrendt, Simone de Beauvoir, Simone Weil und Ayn Rand.

Viel zu gut für philosophische Fachartikel

In dem perfekt von der SWR 2-Literaturredakteurin Katharina Borchardt strukturierten Gespräch ging es zum Glück nie explizit um die Frage, warum Eilenberger sich nun ausgerechnet vier Frauen als Repräsentantinnen des damaligen philosophischen Denkens ausgesucht hat. Stattdessen wies er lieber darauf hin, dass noch vor 25 Jahren den vier Denkerinnen gar nicht der Rang von Philosophinnen zugesprochen worden sei: „Hannah Ahrendt galt als Journalistin, Simone de Beauvoir als Feministin, Simone Weil verbuchte man als Sozialrevolutionärin und Ayn Rand als Autorin von Romanen und Drehbüchern“. Alle vier hätten unakademische Werke geschaffen, „alle vier experimentierten mit verschiedenen literarischen Formen, um ihrem Denken Ausdruck zu verleihen“. Alle vier seien Erzählerinnen in ihrer Zeit, meilenweit davon entfernt, „Denksysteme“ entwickeln zu wollen, die den Anspruch auf Eindeutigkeit erheben – und gerade deswegen seien sie zu „Stimmen des Denkens“ geworden. Oder noch stärker: „Sie waren einfach viel zu gute Autorinnen, um philosophische Fachartikel schreiben zu wollen“.

Und damit gibt Eilenberger natürlich indirekt viel auch vom Anspruch an seine eigene Arbeit preis. Auch in „Feuer der Freiheit“ wird wieder viel erzählt; der Autor scheut sich nicht vor der Zuschreibung Borchardts, sein Buch habe erneut stark romanhafte Züge. Das gerade macht die Lektüre bei allem Anspruch des Stoffes zum Vergnügen. Und Eilenberger unterstreicht diesen Eindruck noch im Vorlese-Teil – sehr knackig ist ihm die Schilderung geraten, wie die gerade 24-jährige Simone Weil 1934 den vor Stalin geflohenen Weltrevolutionär Leo Trotzki in der elterlichen Wohnung in Paris empfängt und ihn prompt in eine Debatte verstrickt, wie viel Opfer so ein Arbeiterstaat denn nun fordern dürfe, ohne seine Ideale auf ewig zu verraten. Oder anders gesagt: „Wie viele Eier dürfen für das revolutionäre Omelette zerschlagen werden?“

Ob Donald Trump sie wirklich je gelesen hat?

Mutig Verbindungen schaffen, wo die Dinge auf dem ersten Blick weit auseinander liegen; Verbindungen zwischen Biografie und Denken aufzeigen, ohne dass das eine zum bloßen Produkt des anderen wird; die vier Philosophinnen als Spiegel ihrer Zeit beschreiben, deren Gedanken aber zum Teil weit voraus und bis in unsere Tage reichen; all das macht Eilenbergers Buch interessant und beschert auch den Besuchern im Literaturhaus einen inspirierenden Abend.

Für deutsche Leser am spannendsten ist zweifellos das Kennenlernen der bei uns wenig bekannten Ayn Rand. Geboren 1905 in St. Petersburg, flieht sie 1926 vor dem Kollektivierungswahn der Bolschewisten nach Hollywood und schafft fortan Romane und Filmdrehbücher, die von einem radikal gedachten Egoismus als Denk- und Lebenskonzept, als „radikale Ich-Befreiung“ künden. Im heutigen Amerika ist Rand die Lieblingsautorin vieler ultrakonservativer Republikaner – verkennend, dass sich Rands libertinärer Geist mit dem klein karierten Bibelglauben evangelikaler Kreise kaum vereinbaren lässt.

Donald Trump zitiere in seinen Reden gern einmal Ayn Rand, berichtet Eilenberger. „Gelesen hat er sie aber vermutlich nie“, denn sonst wüsste er, wie wenig seine eigene Person dem Ideal eines Egoisten à la Ayn Rand zu tun habe. „Rand sagt, der wahre Egoist dürfe nie die Frage an einen anderen richten: Was denkst Du von mir. Wenn Donald Trump aber überhaupt etwas verkörpert, dann diese völlig Hohlheit der eigenen Persönlichkeit, die ständig nur danach strebt, von anderen bewundert zu werden“. Ein wunderbares Beispiel für die bekannte These, dass nicht nur manche Denker, sondern auch Denkerinnen in Schutz zu nehmen sind vor jenen, die sich später als ihre Jünger gerieren.

Wolfram Eilenberger: Feuer der Freiheit. Die Rettung der Philosophie in finsteren Zeiten 1933-1943. Klett-Cotta, Stuttgart. 400 Seiten, 25 Euro.

SWR 2 sendet einen Mitschnitt des Abends am 13. Oktober 2020 ab 22.03 Uhr.