Mit viel Leidenschaft an der Seitenlinie: Wolfgang Wolf, der Trainer und Sportdirektor von Lok Leipzig. Foto: imago/Picture Point

Auf was kommt es an bei Spielen vor leeren Rängen? Wie stehen die Chancen des VfB Stuttgart beim Wiederbeginn? Geisterspiel-Experte Wolfgang Wolf, früher Stuttgarter Kickers, gibt seine Einschätzung.

Stuttgart - Er war Spieler, Trainer und Manager bei den Stuttgarter Kickers und in der Saison 2003/04 Auslöser für das erste Geisterspiel im deutschen Fußball. Inzwischen bringt Wolfgang Wolf den Nordost-Regionalligisten Lok Leipzig wieder auf Trab. Gespannt blickt der 62-Jährige auf die Geisterspiele an diesem Wochenende und äußert sich auch über die Aussichten des VfB Stuttgart.

Herr Wolf, schön, dass uns der Geisterspiel-Experte zur Verfügung steht.

(lacht). Ja, ich hatte zweimal das – allerdings sehr zweifelhafte – Vergnügen dabei zu sein.

Dass es überhaupt zum ersten Geisterspiel der Geschichte in Deutschland kam – daran waren Sie direkt beteiligt.

Das kann man wohl sagen. Es war der 24. November 2003 und ich spielte als Trainer des 1. FC Nürnberg mit dem Club in der zweiten Liga bei Alemannia Aachen. In der zweiten Halbzeit wurde ich von einer Metallkugel am Kopf getroffen. Zwei Zentimeter näher an der Schläfe dran – und ich wäre heute wahrscheinlich nicht mehr da. Ich wurde behandelt, bekam eine Infusion, blieb in der Kabine und war enttäuscht von mir selbst: Aber ich konnte damals wirklich nicht mehr aufstehen, hatte Schüttelfrost und einen Kreislaufkollaps.

Das Spiel wurde zu Ende gespielt, Aachen gewann mit 1:0, gegen die Wertung des Spiels wurde erfolgreich Protest eingelegt und es gab tatsächlich Stimmen, die Ihnen Schauspielerein vorwarfen.

Der Witz des Jahrhunderts! Wir haben während des Spiels zwei Eimer voll mit Nägeln und Schrauben eingesammelt. Es stellte sich heraus, dass vor allem Fans aus Kerkrade für den Metallregen verantwortlich waren. Die verbindet mit den Club-Fans offenbar eine innige Feindschaft.

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Bevor das Spiel am 26. Januar 2004 vor leeren Rängen wiederholt wurde, gab es ein Wiedersehen zwischen dem 1. FC Nürnberg und der Alemannia im Trainingslager im türkischen Belek.

Oh ja. Kurzfristig hatten wir erfahren, dass wir sogar im gleichen Hotel waren. Und die Atmosphäre war mehr als frostig. Die Aachener haben uns keines Blickes gewürdigt. Der damalige Alemannia-Trainer Jörg Berger hat sich nicht gerade fein benommen, dafür hat er sich aber später bei mir entschuldigt.

Das Wiederholungsspiel haben Sie mit Ihrem Team dann verloren.

Ja, 2:3. Aber das Rückspiel in Nürnberg haben wir gewonnen und sind dann auch aufgestiegen. Alles war gut.

Im Dezember 2011 waren Sie dann erneut an einem Geisterspiel beteiligt.

Wegen Fan-Ausschreitungen musste ich mit Hansa Rostock gegen Dynamo Dresden vor leeren Rängen spielen. Das Spiel endete damals 2:2.

Was läuft denn anders, wenn keine Zuschauer da sind?

Vieles. Sehr vieles. Zum Beispiel die Ausrede „Trainer, ich hab Dich nicht gehört“ kann ein Spieler nicht mehr bringen (lacht). Jeder bekommt alles mit. Auch die Fernsehzuschauer über Außenmikrofone.

Wie haben Sie Ihr Team darauf vorbereitet?

Wir haben zwei-, dreimal vor dem Geisterspiel den Ernstfall simuliert. Mit einem Trainingsspiel im leeren Stadion in unseren Trikots, die wir auch im Spiel tragen.

Auf was kommt es auf dem Platz an?

Du brauchst Typen. Typen, die Dich auf dem Platz puschen können, die verbal dazwischen grätschen. Denn von außen kommt kein Druck, kommen keine Impulse, weder positive noch negative. Die Mentalität ist entscheidend.

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Aber Qualität …

…ist natürlich auch wichtig, doch Geisterspiele werden im Kopf entschieden.

Ist es für den Favoriten VfB Stuttgart dann ein Nachteil, dass im Auswärtsspiel am diesem Sonntag beim SV Wehen Wiesbaden keine Zuschauer da sein werden?

Nein, das ist ein Nachteil für Wehen. Sie haben ein Heimspiel und könnten sich in Ihrer Außenseiterrolle mit Zuschauern im Rücken viel besser wehren. Diese Hilfe haben sie nicht. Dennoch wird es für den VfB nicht leicht. Er muss von Anfang an dagegenhalten und die nötigen Emotionen auf den Platz bringen.

Kann ein Trainer dies im Vorfeld beeinflussen?

Das ist schwer. Die Abläufe werden wie immer sein, doch auf dem Platz ist dann alles ganz anders. Ich bin sicher, es wird viele überraschende Ergebnisse geben.

Wer steigt auf?

Arminia Bielefeld schafft es, sie haben das beste Mannschaftsgefüge. Vom VfB Stuttgart erwarte ich in Anbetracht seiner Qualität im Kader eigentlich viel mehr, aber zum zweiten Platz wird es reichen. Der Hamburger SV muss in die Relegation.

Und Sie selbst stehen als Trainer und Sportdirektor in Personalunion von Lok Leipzig vor der Meisterschaft in der Regionalliga Nordost.

Das kristallisiert sich so heraus. Wir sind nach der Quotientenregel Tabellenführer und würden dann Ende Juni/Anfang Juli in den Relegationsspielen gegen den Meister er West-Regionalliga um den Aufstieg in die dritte Liga spielen. Wenn wir denn spielen können.

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In der dritten Liga könnte es ein Wiedersehen mit dem 1. FC Kaiserslautern geben, Ihr zweiter Ex-Club Stuttgarter Kickers ist weit davon entfernt.

Leider, leider. Ich verfolge die Blauen immer noch mit viel Herzblut, mein Freund Ralf Vollmer bringt mich immer auf den neuesten Stand. Jammerschade, dass die Kickers nun sogar einen dritten Anlauf nehmen müssen, um aus der Oberliga aufzusteigen.

Nochmal zu Ihnen selbst: Bleibt es in der kommenden Saison bei Ihrer Doppelrolle?

Wenn wir mit Lok aufsteigen, möchte ich gerne ein neues Trainerteam verpflichten und mich auf die Rolle als Sportdirektor konzentrieren.

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