Wolfgang Niedeckens Bap in Stuttgart Cocktail aus Kölsch und Southern Comfort

Von Christof Hammer 

Niedeckens Bap gefallen in der Stuttgarter Liederhalle mit einer musikalischen Reise von der Kölner Südstadt in die amerikanischen Südstaaten.

Stuttgart - Wenn’s mal wieder etwas mehr sein soll: einfach zu Bap gehen. Auftritte an oder über der Drei-Stunden-Grenze sind bei Wolfgang Niedecken& Co. nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Garantiert viel Musik und viele Evergreens aus über vierzig Jahren Bandgeschichte bekommt der Konzertgänger hier also seit Jahr und Tag – auch in der Liederhalle stehen der Ehrenvorsitzende der Kölschrockszene und sein Ensemble am Mittwochabend handgestoppte einhundertdreiundneunzig Minuten auf der Bühne.

Niedecken spielt etliche weniger bekannte Stücke

Doch trotz dieser an sich attraktiven Kombination verblasst die Strahlkraft der Marke Bap von Tournee zu Tournee einen Tick mehr – mit zweitausendzweihundert Besuchern ist der unbestuhlte Beethovensaal nur zu zwei Dritteln besetzt. Die, die gekommen sind, erleben allerdings ein Konzert, dass deutlich mehr Spielfreude und musikalische Überraschungen bietet als das Gastspiel in der Porsche-Arena vor zwei Jahren. Kräftig durchgewürfelt hat Niedecken das Programm, etliche weniger bekannte Songs mitgebracht und, erstmals in der Bandgeschichte, einen mehrköpfigen Bläsersatz. Doch der Posaunist ist, ebenso wie der zweite Gitarrist, in Stuttgart kurzfristig eingesprungen, und so dauert es ein wenig, bis sich die Truppe warmgespielt hat. Ergänzt um Bassist, Keyboarder, Schlagzeuger und um die multiinstrumentell sattelfeste Alleskönnerin Anne de Wolff spielt sich das Oktett nach etwas steifem Auftakt aber schön munter durch Rock, Boogie-Woogie, Reggae, Jazz und Weltmusik bis hin zu Niedeckens neuem Werk „Familienalbum“, für das der „Südstadt-Dylan“ in New Orleans alte und neue Songs in das Klanggewand des amerikanischen Südens steckte.

Es liegen Welten zwischen Kölner Südstadt und den amerikanischen Südstaaten

Das Bühnendesign visualisiert dieses Thema mit Plastikpalmen und einer Empore mit Flügeltüren im Stil einer Südstaaten-Villa; auf der Videowand wechseln dazu Impressionen aus New Orleans, Kölner Szenen von einst und jetzt sowie fast etwas leutselig ausgebreitete Fotos aus Niedeckens Familienchronik, während die Band mit Fiddle, Waschbrett, Akkordeon und Bottleneck-Gitarre durch Country, Blues und Cajun streunt.

Doch obwohl die Bläser manchmal quaken wie die Ochsenfrösche in den Sümpfen des Mississippi: So richtig nach räudiger Southern Music klingt das nicht – eher wie eine Band, die dieses Genre nachspielt. Es liegen halt doch ein paar kulturelle Welten zwischen der Kölner Südstadt und den amerikanischen Südstaaten, zwischen Kölsch und Southern Comfort. Im Idealfall verdichtet sich dieser Sound aber zu einem komplexen Crescendo oder reduziert sich ins Kammermusikalische aus, aus dem sich dann Lieder wie „Jupp“ herausschälen dürfen. Im bewährten kölschen Slang dokumentieren diese Bap-Klassiker auch jene warmherzige, ungebrochene Liebe Niedeckens zu den Figuren seiner Heimatstadt, zum Lebensgefühl zwischen Chlodwigplatz und Rheinufer.

Als Zugabe ein rockiges „Verdamp lang her“

Dass das mit dem Kölner Dialekt überhaupt so lange gut gegangen sei: Darüber schüttelt Wolfgang Niedecken auch heute noch ungläubig den Kopf, dankt für jahrzehntelange Fantreue und spendiert als letzte Zugaben rockig-intensive Versionen von „Verdamp lang her“ und „Jraaduss“. Dabei ist die Sache ganz einfach: Nicht Mundartrock sind die Bap’schen Lieder, sondern Milieumusik – nicht der Sound, sondern das Lebensgefühl eint seit vierzig Jahren Band und Publikum. Das Milieu aber, es schrumpft.

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