Weltkünstler aus Oberschwaben – das ist der bei Biberach lebende Praemium Imperiale-Preisträger Wolfgang Laib seit den 1980er Jahren. Jetzt feiert ihn das Kunstmuseum Stuttgart.
Kaum sichtbar deuten auf einem Din-A-5 Blatt unten rechts zwei Linien Halbovale an. Darüber mittig in leichtem Gelb die Ahnung einer Blüte, eines Etwas, das alles sein kann, in jedem Fall aber mehr als eine auch denkbare Architekturahnung. Zu sehen ist das Blatt im zweiten Stock des Kunstmuseums-Kubus in Stuttgart. Eine Selbstvergewisserung mehr, denn ein Zuruf – und doch ein Anker inmitten der Ausstellung „Wolfgang Laib. The Beginning of Something Else”.
47 Jahre nach einer ersten Ausstellung in der Galerie Mueller-Roth ist Wolfgang Laib zurück in Stuttgart. Wieder kniet Laib bei der Vorbesichtigung seiner großen Schau vor einem weißen Steinquadrat und überzieht die Oberfläche mit einem Milchfilm. Anderes entsteht – wieder ein Etwas, das alles sein kann. Und doch hat der Milchstein die Rolle gewechselt: Er markiert eine auch formale Unbedingtheit in Laibs Schaffen, für die in den Kommentar-Ringen, die sich gerne höhenfliegend um seine „Reisfelder“, „Blütenfelder“ und längst auch um die „Treppen“ und „Zikkurat“-Arbeiten legen, nicht wirklich Platz scheint.
Katalogbuch als Impuls und Echo
Kunstmuseumsdirektorin Ulrike Groos und Kuratorin Anne Vieth reagieren auf eigene Weise. Im Taschenformat, aber dieses qua Seitenzahl (360) doch wieder sprengend, versammelt ein Buch (Hirmer Verlag) Texte, die Wolfgang Laib wichtig sind. Ein Gesang hebt an, in vielen unterschiedlichen Sprachen. Unmissverständlich spricht Laib mit diesem Buch die Weite in uns an – und macht den Band damit gleichermaßen zum Impuls wie zum Echo. Mehr als es viele Aufsätze vermögen, wird so die Idee jener aus der Vergangenheit begründeten Zukunft greifbar, die Wolfgang Laib noch immer und immer wieder neu wichtig ist.
Ulrike Groos und Anne Vieth nehmen diesen Gedanken ernst, wenn sie das Publikum zunächst in das dritte Kubus-Geschoss bitten. Von den Architekten des 2005 eröffneten Kunstmuseumsneubaus, Rainer Hascher und Sebastian Jehle, einst als offene Halle für Skulpturen gedacht, nimmt der Raum nun ein großes „Reisfeld“ auf, leicht aus der Mitte versetzt deuten drei Skulpturen – zwei Treppen und eine auf mesopotamische Tempeltürme verweisende Zikkurat – denkbare Fortführungen möglicher Wege im Raum an. Das „Reisfeld“-Quadrat bewusster Ungenauigkeiten schärft die Aufmerksamkeit – ein Willkommen, wie es nur die Kunst zu bieten vermag.
Bühne der Möglichkeiten
Ein Stockwerk tiefer wird es für einen Moment feierlich: Archetypische Behausungen, aus Bienenwachs gefertigt, fügen sich zu einer „Stadt des Schweigens“. Dabei emanzipieren sich die von Laib immer wieder in den Blick genommenen Bestattungstürme ebenso von ihrer ursprünglichen Bedeutung wie aller Widerhall von in Höhlen getriebenen Behausungen. Im Raum ganz für sich und damit auch ganz bei sich erweist sich Laibs „Stadt des Schweigens“ als Bühne der Möglichkeiten – verlassen, um neu belebt zu werden oder besser: nur scheinbar verlassen, tatsächlich aber voller Leben.
Ein „Blütenstaubfeld“ darf bei einem großen Laib-Auftritt nicht fehlen. Und auch hierfür erweist sich der Kunstmuseums-Kubus als Idealbühne. Auf dem Grund des sich über zwei Stockwerke erstreckenden offenen Oberlichtsaals platziert, ist die Aufsicht so selbstverständlich wie die Ansicht – und in der Logik der Ausstellungsführung nähert man sich betont langsam dem eher tiefen denn strahlenden Gelb des in Oberschwaben gesammelten Kiefernblütenstaubs.
Dem Staunen vorgeschaltet aber ist die Annäherung an die landschaftlichen und architektonischen Bezüge in Laibs Schaffen. 1950 in Metzingen geboren und in der Nähe von Biberach in einer der Kunst verpflichteten Familie aufgewachsen, zieht es Laib, der zunächst Arzt werden will wie sein Vater (und das bald als „rein naturwissenschaftlich“ empfundene Medizinstudium auch abschließt), früh hinaus in andere Kulturräume.
Fotografien, die befragen
Ob italienische Kirchen, längst verlassene Wohnhöhlen im Iran oder Tempel in Indien – immer bestimmt ein fragender Blick die auf den Reisen entstandenen Fotografien. Die Ausstellung mischt diese Blicke mit Zeichnungen – und der so begründende Charakter der Werkstatt entspricht durchaus der Idee Wolfgang Laibs, dass die Zeichnung ebenso etwas zuvor Geschautem folgen könne als auch ein Foto mitunter erst aus einer Zeichnung heraus denkbar sei.
Noch einmal geht es einen Stock tiefer und erneut mitten hinein in eine poetische Behauptung künstlerischer Kraft wie sie in dieser Klarheit vielleicht nur noch im Werk des Belgiers Panamarenko (1940–2019) und des Israelis Absalon (1964–1993) Gestalt wurde. Wachsschiffe und ein „House with Windows“, allesamt aus Bienenwachs, stehen auf einer Holzkonstruktion. Mögliche Fahrten finden über unseren Köpfen statt. Wir bleiben derweil aufgerufen, unsere Wege genau zu wählen.
Im Kunstmuseum und bei Wolfgang Laib führen sie nahe an den Zauber des Blütenstaubfeldes und danach und damit auch buchstäblich als ganz und gar gegenwärtig erlebbar aus dem Kubus hinaus in die Sammlungsräume. Dort kann man zuletzt gar allein sein mit Wolfgang Laib – in einem von sieben weltweit realisierten Wachsräumen. Vielleicht begründet auch dies die eigene Konsequenz von „Wolfgang Laib. The Beginning of Something Else“ – dass der Anspruch, die Weite in uns zu entdecken, mit Laibs Wachsraum seit der Eröffnung 2005 unausgesprochene Leitlinie im Kunstmuseum Stuttgart ist.
Laib-Film von Maria Anna Tappeiner
Die Ausstellung
Sei es das Sammeln des Blütenstaubs für seine minimalistischen, leuchtend gelben Bodenarbeiten oder die langwierige Bearbeitung seiner Skulpturen aus Bienenwachs – der Respekt gegenüber der Natur ist die treibende Kraft des Künstlers Wolfgang Laib. Das Kunstmuseum Stuttgart zeigt von 17. Juni an bis zum 5. November (Di bis So 10 bi 17 Uhr, Fr 10 bis 20 Uhr, Eintritt inklusive Sammlung 11 Euro, ermäßigt 8 Euro). Arbeiten der wichtigsten Werkkomplexe aus allen Schaffensphasen, unter anderem Laibs „Reishäuser und Zikkurats“, eine Auswahl von Zeichnungen sowie ein Blütenstaubfeld. Auch die jüngsten Werke, die „Türme des Schweigens“, sind Teil der Präsentation. Eröffnet wird „Wolfgang Laib. The Beginning of Something Else“ am 16. Juni um 19 Uhr.
Der Film
Wolfgang Laib wurde 1950 in Metzingen geboren und hat seit über 30 Jahren seinen Lebensmittelpunkt in der Nähe von Biberach. Erstmalig begleitet ein Film den Künstler bei seiner Arbeit in Oberschwaben und auf seinem Zweitwohnsitz in Südindien. Zu sehen ist der Film „Wolfgang Laib – Here, now and far beyond“ von Maria Anna Tappeiner von 20. Juli 2023 an im Kunstmuseum Stuttgart, als Premiere am 17. Juli um 19 Uhr in der Rathauspassage Stuttgart im Rahmen des Sommerfestivals des Vereins Haus für Film und Medien Stuttgart.
Das Buch
Das Katalogbuch zur Ausstellung ist als Künstlerbuch angelegt – „Wolfgang Laib führt darin Texte und Bilder zusammen, die für sein Denken und Schaffen von besonderer Bedeutung sind“. Der Band (Hirmer Verlag) kostet in der Ausstellung 37 Euro.