2019 haben die Esslingerinnen und Esslinger per Bürgerentscheid festgelegt, dass ihre Stadtbücherei im Bebenhäuser Pfleghof bleibt und dort modernisiert und erweitert wird. Der Initiator des Referendums, Wolfgang Drexler, sieht die Stadt in der Pflicht.
Der 10. Februar 2019 hat in Esslingen ein Stück Stadtgeschichte geschrieben: Ein trüber Sonntag war’s, und obwohl der Deutsche Wetterdienst riet, ob des stürmischen Wetters zuhause zu bleiben, zog es 19 557 Esslingerinnen und Esslinger an die Wahlurnen, um über den künftigen Stand ort ihrer Stadtbücherei abzustimmen. Das Ergebnis war eindeutig: 15 321 Stimmen gab es für die Modernisierung und Erweiterung der bisherigen Bibliothek im Bebenhäuser Pfleghof, 4236 für einen Neubau in der Küferstraße. Erst war vom Baubeginn 2021 die Rede, dann sollten die Arbeiten spätestens Mitte 2022 beginnen. Doch auch das ist längst nicht mehr zu halten. Zu den Initiatoren des Bürgerentscheids gehörte der Esslinger Ehrenbürger, ehemalige SPD-Landtagsabgeordnete, Stadt- und Kreisrat Wolfgang Drexler. Im Gespräch mit unserer Zei tung plädiert er für die zügige Umsetzung der Büchereipläne, um dem Willen der Esslingerinnen und Esslinger gerecht zu werden.
Herr Drexler, der Bürgerentscheid war 2018 und 2019 das beherrschende Thema in Esslingen. Wie präsent sind Ihnen die damaligen Ereignisse noch?
Sehr. Was unsere Stadt damals erlebt hat, war einzigartig. Mir fallen nicht viele Themen ein, die die Esslingerinnen und Esslinger so beschäftigt haben und die so viele unterschiedliche Menschen mit einem gemeinsamen Ziel vereint haben. Das zeigt, welche Wertschätzung unsere Bücherei genießt. Mehr als 15 000 Bürgerinnen und Bürger haben sich für den Pfleghof ausgesprochen. Und auch die, die für den anderen Standort waren, sind zur Abstimmung gegangen, weil ihnen die Bücherei am Herzen liegt. Der große Rückhalt, der damals viele überrascht hat, ist bis heute zu spüren. Ich bekomme immer noch Post und Anrufe von Menschen, die sich damals engagiert haben und die die Entwicklungen weiterhin sehr genau beobachten.
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Viele hätten einen rascheren Baubeginn erwartet. Werden Sie ungeduldig?
Es gibt eine starke moralische Verpflichtung, den Bürgerwillen umzusetzen. Das Bekenntnis zum Pfleghof war auch ein Bekenntnis dafür, dass die Modernisierung der Bücherei endlich realisiert werden muss. Der Bürgerentscheid war eine Sternstunde kommunaler Demokratie. Ihn umzusetzen, muss selbstverständlich sein. Die neue Bücherei muss zügig kommen. Wir dürfen sie nicht immer weiter aufschieben.
Was spricht für die neue Bibliothek?
Wenn wir die neue Bücherei rasch bauen, bauen wir ein Stück Zukunft für unsere Stadt. Man darf nicht unterschätzen, wie aktuell dieses Thema ist. Wir fragen uns, wie wir die Leute in die Innenstadt bekommen, wenn immer mehr Fachgeschäfte verschwinden. Eine wichtige Antwort ist eine attraktive Bücherei. Was wir im Pfleghof planen, ist allein schon architektonisch eine tolle Sache. Diese Verbindung von Tradition und Moderne passt zu unserer Stadt. Und ich bin sicher, dass die neue Bücherei nicht nur viele in Esslingen ansprechen wird, sondern auch Besucherinnen und Besucher von außerhalb. Das kann ein wichtiger Standortfaktor werden, für den wir noch dankbar sein könnten.
Bibliotheken haben ihr Profil immer weiter geschärft, viele neue Aufgaben sind hinzugekommen. Fehlt es am Bewusstsein, was Büchereien leisten?
Diesen Eindruck habe ich tatsächlich. Es geht schon lange nicht mehr bloß darum, dort Bücher und andere Medien auszuleihen.
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Können Sie das konkretisieren?
Bibliotheken sind zutiefst demokratische Einrichtungen, weil sie ungehinderten Zugang zu Informationen ermöglichen und Kompetenzen im Umgang mit ihnen vermitteln. Sie sind Kristallisationspunkte der Stadtgesellschaft und stärken den Zusammenhalt. Sie sind Orte der Bildung, der Kultur und der Begegnung. Sie bieten Lernräume und haben eine wichtige soziale Funktion, weil dort jeder Besucher und jede Besucherin gleich wichtig ist. In unserer Bücherei steckt so viel Potenzial. Wir müssen ihr allerdings auch die Voraussetzungen bieten, die sie braucht, um dieses Potenzial auszuschöpfen. Das muss man viel klarer kommunizieren und deutlich machen, dass sich das investierte Geld auf unterschiedliche Weise und für ganz verschiedene Menschen auszahlt. Wenn wir die Pläne für unsere Bibliothek wie geplant umsetzen, wird sie noch für viel mehr Besucher, als sie es bereits jetzt ist, der viel zitierte dritte Ort der Identifikation.
OB Matthias Klopfer hat im Wahlkampf betont, dass sich die Esslinger mit der neuen Bücherei das schönste Geschenk zum Stadtjubiläum 2027 machen ...
Wir sollten alles dafür tun, dass es dabei bleibt. Wenn ich an die vergangenen 30 Jahre zurück denke, hat man die Bücherei immer wieder aufgeschoben, weil jedes Mal, wenn es vorwärtsgehen sollte, gerade kein Geld da war. Das kann man nicht ewig so machen. Man muss auch in schwierigen Zeiten die Zukunft bauen – vielleicht gerade dann und mit einer Bibliothek. Und man muss Prioritäten setzen. Viele im Gemeinderat haben betont, dass wir an das Projekt endlich rangehen müssen. Diese Erwartungen darf man nicht enttäuschen. Wenn wir die Bücherei jetzt nicht bauen, verpassen wir eine Chance, die vielleicht so rasch nicht wiederkommt.
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Manche meinen, der Bürgerentscheid sei nur ein kurzer Hype gewesen. Was antworten Sie?
Wenn das bloß ein kurzer Hype gewesen wäre, hätten wir nie diesen Erfolg gehabt, den viele nicht erwartet haben. Es gab zunächst das Bürgerbegehren – mitten in den Sommerferien blieben uns lediglich drei Monate Zeit, um die erforderlichen 4900 Unterschriften zu sammeln. Am Ende waren es 12 485. Und dass das Engagement für den Bürgerentscheid über viele weitere Monate hinweg eher noch größer geworden ist, zeigt, dass das Thema vielen ein wichtiges Anliegen ist.
Der Bürgerentscheid hatte im Gemeinderat nicht nur Befürworter. Fürchten Sie, dass versucht werden könnte, das Projekt zu verzögern oder zu kippen?
Es ist eine tolle Sache, dass sich so viele für eine Bücherei engagieren. Das schafft eine ungeheuere Identifikation, von der man dauerhaft profitieren kann. Es wäre ein schlechtes Signal für die kommunale Demokratie, wenn die Stadt die neue Bücherei erneut verschieben würde. Die vielen Menschen, die sich für den Bürgerentscheid engagiert haben, hätten das Gefühl, dass man tun kann, was man möchte – am Ende macht die Politik doch, was sie will. Diesen Eindruck hatten viele schon bei der ersten Standortentscheidung. Seither ist das Thema noch sensibler. Indem man den Bürgerwillen nicht irgendwann, sondern zügig umsetzt, wirbt man dafür, sich kommunalpolitisch zu engagieren, weil man dann etwas bewegen kann.
Ein SPD-Urgestein
Wolfgang Drexler
wurde 1946 geboren und gehörte von 1975 bis 2021 dem Esslinger Gemeinderat an. Hinzu kommen 50 Jahre im Kreistag und mehr als 30 Jahre als SPD-Abgeordneter im Landtag. Er ist Vorsitzender des Fördervereins Esslingen-Nord und des FC Esslingen und war Präsident des Schwäbischen Turnerbundes. Mit Klaus Hummel und Ulrike Gräter war Drexler 2018 Initiator des Bürgerentscheids zur Stadtbücherei, der die Standortentscheidung des Gemeinderats korrigiert hat. Jüngst wurde Drexler zum Ehrenbürger Esslingens ernannt.