Im Mittelpunkt einer langen Konzertnacht: Jazzpianist Wolfgang Dauner Foto: Martin Stollberg

Wolfgang Dauner, Stuttgarts großer, innovativer Jazzer, hat am Samstagabend im Theaterhaus einen großen Preis bekommen: Ausgezeichnet für sein Lebenswerk spielte er ein langes Konzert mit vielen Gästen.

Stuttgart - Ob er noch etwas sagen möchte, fragt sich Wolfgang Dauner und antwortet selbst: „Nein, ich spiele lieber.“ Er leiht sich diesen Satz von Charlie Parker, fügt hinzu: „Und das machen wir jetzt auch.“ Der Abend ist fortgeschritten, fast alles ist gesagt, Zeit für das Wichtigste, für das, was sein Leben ­bewegt hat: die Musik. Wolfgang Dauner hat am Samstagabend, beim ersten von zwei Konzerten, mit denen er im Theaterhaus ­seinen 80. Geburtstag feiert, den Jazzpreis des Landes Baden-Württemberg erhalten, den Sonderpreis für sein Lebenswerk.

Dauners Jubiläumskonzert ist ein langer Abend mit vielen Gästen. Mehr als vier Stunden vergehen, bis auch die Musik endet. Der große Saal des Theaterhauses ist voll ­besetzt, als Wolfgang Dauner und seine Frau Randi Bubat in der ersten Reihe Platz ­nehmen, brandet bereits Applaus auf. Theaterhauschef Werner Schretzmeier begrüßt das Publikum. 24 Tage, sagt er, sind am Abend des ­Jubiläumskonzertes vergangen, seit der ­Musiker seinen 80. Geburtstag feierte.

Dann huschen „Filmische Impressionen über Wolfgang Dauner“ über die Leinwand. Ein kurzer Film, der in der Tat mehr sagt als alle Worte. Er reiht Szenen aus Dauners ­langem Musikerleben aneinander. Die ­Bilder zeigen die Vielseitigkeit seiner künstlerischen Arbeit ganz unmittelbar, lassen die Zeitgeschichte nebenherlaufen: Dauner, der junge Jazzer, der Experimentator, der ­Provokateur, der ausgelassene Musikclown, der ernsthafte Arbeiter mit großem Orchester; Dauner im Fernsehen, mit der anarchisch-witzigen „Glotzmusik“; Dauner auf der Bühne mit Eberhard Weber oder Albert Mangelsdorff; Dauners opulent inszenierte Hochzeit mit Randi Bubat.

Lebensratgeber Jazz

Dem österreichischen Jazzmusiker und Hochschullehrer Dieter Glawischnig bleibt, als er die Laudatio auf Wolfgang Dauner hält, vor allem eines: die vielen Auszeichnungen aufzuzählen, die Dauner in seinem Leben bereits erhielt, bis hin zum Bundesverdienstkreuz der 1. Klasse im Jahr 2005.

Zuvor aber tritt Nils Schmid, Landesminister für Finanzen und Stellvertreter Winfried Kretschmanns, ans Pult und spricht kurz über Wolfgang Dauner, den musikalischen Innovator von Weltruhm, geboren im Land der Tüftler. Schmid überbringt die Grüße der L-Bank, die den Jazzpreis ­mitträgt und ihre Warteschleife mit nichts bespielt als „tollem Jazz aus Baden-Württemberg“. Jürgen Walter, Staatssekretär für Kunst, würdigt Dauner mit spürbarer ­Zuneigung und einem Blick auf die Tagespolitik: „Der Jazz ist ein guter Ratgeber“, sagt er. „Wir müssen heute mehr improvisieren als früher, vielleicht wird der Jazz auch die Musik des 21. Jahrhunderts sein.“ Und auch Stuttgarts OB Fritz Kuhn fasst sich kurz, sagt aber alles, was gesagt werden muss an diesem Tag: „Wir Stuttgarter, lieber Wolfgang, sind sehr stolz auf dich.“

Glawisching spielt am Klavier auf den Spuren des Jazzfans Ernst Jandl ein Loblied auf den kreativen Eigensinn, Schmid und Walter übergeben den Ehrenpreis für ein Jazz-Lebenswerk an Dauner; auch der dankt Stuttgart, zeigt seine Urkunde stolz vor und wirbt für den Jazz, der Förderer braucht und noch immer im Schatten der klassischen Musik steht. Dann schließlich lösen Taten die Worte ab, die Musik beginnt.

Neuauflage einer berühmten Band

Wolfgang Dauner hat das Jubiläumskonzert in zwei Abschnitte geteilt: Im ersten tritt er zunächst solo, dann begleitet von wichtigen Weggefährten, als Pianist und Komponist auf; im zweiten wird er zum Bandleader, führt das Jazz and Rock Ensemble Second Generation, die Neuauflage der berühmten Band, die er 1975 gründete, angeregt von Werner Schretzmeier.

Die große Überraschung: Nicht nur Dave King, Bassist der Urformation, ist mit von der Partie. Auch der Schlagzeuger Jon Hiseman, Mitbegründer der britischen Jazzrockband Colosseum. Er sitzt hinter einem gewaltigen Drumset, ist in bester Form und wird sich mit dem zweiten Schlagzeuger der Band, Dauners Sohn Florian, die Bälle zuspielen. Noch ein Überraschungsgast: Die Saxofonistin Barbara Thompson, seit langem an Parkinson erkrankt, kommt auf die Bühne. Sie grüßt Wolfgang Dauner und sein Jubiläumspublikum, bevor die Band eine ihrer Kompositionen spielt: „Ode To Sappho“, ein Stück, das orientalisch anmutet, mit starkem Rhythmus.

Mit seiner großen Band spielt Dauner auch den „Wendekreis des Steinbocks“ – ­ Minimal-Music für das Piano, über das die Musiker ihre Soli legen; und das Ensemble spielt ein Stück, das Albert Mangelsdorff und Jon Hiseman gemeinsam schrieben. „Ganz schön heiss mann“ heißt es, berauschender Schlagzeugeinsatz und Bläser prägen es. „Capriccio Funky“ und „South Indian Line“, das Charlie Mariano nach einem Indienaufenthalt schrieb, folgen. Adrian Mears beginnt das letzte Stück auf dem ­Boden der Bühne, er sitzt dort und bläst auf dem Didgeridoo. Klaus Graf, Claus Stötter, Bobby Stern, Frank Kuruc, Tobias Weidinger und Stephan Zimmermann sind mit Vater und Sohn Dauner, Hiseman und Mears auf der Bühne, beim United Jazz and Rock Ensemble der zweiten Generation.

Im ersten Teil des Konzertes wurde Dauner begleitet von Sohn Florian, vom jungen Posaunisten Nils Wogram, vom Saxofonisten Christof Lauer, von Klaus Doldinger, Manfred Schoof und Larry Coryell – wunderbare Auftritte mit alten Wegbegleitern und jungen Musikern. Wogram spielte Albert Mangelsdorffs „Wheat Song“, Schoof und Doldinger spielten „Horizons“. Wolfgang Dauner und Larry Coryell begegneten sich mit sehr langem Atem bei „Hong Kong Fu“ und „Trans Tanz“. Bevor das Konzert endet, reicht der Jubilar Randi Bubat einen Strauß Rosen und dankt ihr für ihre Unterstützung. Dann kommen alle Musiker noch einmal auf der Bühne zusammen, um, fast ist es Mitternacht, ein großes Finale zu spielen.

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