Der Wohnungsmarkt in der Landeshauptstadt ist angespannt. Wer sich auf die Suche begibt, kann jedoch ganz unterschiedliche Erfahrungen machen – vom unverschämten Abzock-Angebot bis hin zur großen menschlichen Geste. Und mancher will sogar Putin anrufen.
Es könnte die Gelegenheit sein. Eine Drei-Zimmer-Wohnung in netter Gegend von Bad Cannstatt. Gut 60 Quadratmeter. Sie soll zwar 880 Euro Kaltmiete kosten, doch preislich liegt sie damit in Stuttgart nicht am obersten Rand. In der Anzeige wird an einem Samstagvormittag zur freien Besichtigung geladen. Also hin.
Vor der Tür warten an diesem sonnigen Tag gleich zwei Überraschungen. Zum einen gibt es keine lange Schlange an Interessenten. Stattdessen kommen nur vereinzelt Leute. Ob sie richtig sind, wissen sie zum anderen nicht, denn nirgendwo weist etwas auf die Besichtigung hin. Alles schaut sich an. Bis plötzlich doch ein Mann auftaucht. „Kein Englisch, kein Schwäbisch“, teilt er mit – die Geflüchteten aus der Ukraine, die auch dabei sind, verstehen kein Wort. Eine Stunde lang sei er jetzt da, lässt der Mann, der sich als Bevollmächtigter des Vermieters, einer Immobilienfirma, entpuppt, das kleine Grüppchen wissen.
Die Sache wird kurios. Es geht hinauf in den dritten Stock. Dort stellt sich heraus, dass die Wohnung möbliert ist und deshalb einen Zuschlag von weiteren 140 Euro kostet. Die Einrichtung ist nicht ganz neu. In der Küche hängt ein Schild. „Herd nicht voll belasten. Nicht mehr als 2 Herdplatten“, steht darauf. Was bei Nichtbeachtung passiert, kann man sich nur vorstellen.
Keine Antworten auf Fragen
Fragen kann der Bevollmächtigte nicht beantworten. Noch nicht einmal die nach dem möglichen Einzugstermin. „Ich bin nur zum Zeigen hier“, sagt er und verteilt an Interessierte einen Fragebogen. Den sollen sie ausfüllen und inklusive Personalausweisnummer und Gründen für den Umzug an die Immobilienfirma schicken. „Wie wird entschieden, wer die Wohnung bekommt?“, fragt einer. „Ich weiß nicht. Wenn ich dem Chef sage, er soll jemand Bestimmten nehmen, dann ist das, wie wenn ich Putin anrufe: Auf der einen Seite rein und auf der anderen raus“, sagt der Mann.
Unten vor der Tür steht ein Paar aus Ostafrika. Auf dem Arm der Mutter schläft das Baby. Sie schauen sich fragend um. „Ist hier die Wohnungsbesichtigung?“, fragt der Mann. Bevor er sich in den dritten Stock aufmacht, erzählt er noch, dass die kleine Familie in den vergangenen Tagen bereits zehn solcher Termine hinter sich gebracht hat. Eine Bleibe hat sie dabei nicht gefunden.
Wie schwer es tatsächlich ist, in Stuttgart eine Wohnung zu finden, lässt sich nicht so einfach sagen. Klar ist: Sowohl Miet- als auch Kaufangebote sind rar und in den vergangenen Jahren immer teurer geworden. Viele sprechen von einem massiven Mangel, andere sehen weniger Probleme. Auch die Erfahrungen von Wohnungssuchenden wie von Vermietern gehen weit auseinander. Manche berichten von Hunderten Anfragen bei einem Angebot, bei anderen wiederum melden sich nur wenige. Und einige Vermieter erzählen, dass der Ansturm noch vor ein paar Jahren größer war, derzeit vor allem Geflüchtete aus Syrien oder der Ukraine vorstellig würden. Stuttgart hat zuletzt auch Einwohner verloren. Ist also der Zenit überschritten, oder flüchten die Leute einfach aus der Großstadt, weil sie nichts mehr finden?
Für Experten steht fest: Vor allem die unteren und inzwischen auch die mittleren Einkommensschichten haben ein Problem. Die Wohnungen, die für sie geeignet wären, sind häufig so teuer, dass zahlungskräftigere Interessenten zum Zug kommen. Und für diejenigen in der unteren Hälfte bleibt dann nichts übrig. Selbst wenn man in Vollzeit arbeitet, aber kein Riesengehalt bekommt.
Einzug bei den Kindern?
Sylvia Arnault kann ein Lied davon singen. Die 50-Jährige ist vor dreieinhalb Jahren nach Stuttgart gezogen. In eine befristete Wohnung, weil sich nichts anderes ergab. Dort fühlt sie sich wohl, doch die Mietzeit ist längst abgelaufen. „Ich müsste schon seit Monaten ausgezogen sein, meine Vermieter dulden mich aber, weil sie wissen, wie die Lage ist“, erzählt sie. Fast ihre gesamte Freizeit verbringt sie mit der Suche auf allen Kanälen, fragt Bekannte und Nachbarn. Bisher ohne Ergebnis.
Sylvia Arnaults Problem: Sie arbeitet als Verkäuferin im Einzelhandel. „Fast die Hälfte der Stuttgarter Vermieter kennt inzwischen mein Gehalt, meine Telefonnummer, meine E-Mail-Adresse, meinen Wohn- und Arbeitsort“, sagt sie mit bitterer Ironie. Die meisten Absagen bekomme sie, weil sie als Verkäuferin nicht genug verdiene. Als Ratschlag höre sie manchmal, sie solle bei ihren erwachsenen Kindern einziehen. „So ausgeliefert ist man“, sagt Arnault. Dabei wolle sie in Stuttgart bleiben: „Ich liebe diese Stadt.“
530 Euro für neun Quadratmeter
Über solche Erlebnisse berichtet so mancher Suchende. Zum Beispiel eine Frau, die für 530 Euro ein nur neun Quadratmeter großes WG-Zimmer angeboten bekommen hat. Direkt an Gleisen und einer Hauptstraße und mit über 1000 Euro Ablöse. Doch nicht alle machen so schlechte Erfahrungen. Letztendlich spielt wohl schlicht das finanzielle Niveau eine Rolle, dazu das Glück – und die Art der Suche.
Viele probieren es über sämtliche Kanäle. Dabei berichten allerdings vor allem Vermieter, mit dem ein oder anderen Internetportal schlechte Erfahrungen gemacht zu haben. Entweder, weil man mit Anfragen völlig überhäuft wird, oder aber, weil viele Leute sich melden, die von vornherein gar nicht infrage kommen, sich aber offenbar einfach überall bewerben.
Eine Familie aus Stuttgart erzählt, wie sie jetzt schon mehrfach erfolgreich vorgegangen ist. Mit einem Zeitungsinserat – eines der Sorte, in der man sich selbst vorstellt, womöglich noch mit Bild. Was auf den ersten Blick irgendwie verzweifelt wirkt, hat zumindest in diesem Fall funktioniert. Denn obwohl die Vermieter im Normalfall eine große Auswahl haben, sind viele Reaktionen gekommen. „Insgesamt sind bei uns 15 Angebote eingegangen, per Mail oder Anruf“, erzählt die Familie. Die Vermieter seien „wirklich alles ganz nette Menschen und die Objekte durchweg ansprechend“ gewesen. Auch, wenn nicht alle in den gewünschten Stadtteilen lagen. Man habe jetzt schon zum zweiten Mal über diesen Weg eine neue Wohnung gefunden.
Überraschende Zusage
Auch andere können von positiven Überraschungen in einem umkämpften Markt berichten. „Meine Erfahrungen zum Thema Wohnen in Stuttgart sind bisher durchweg positiv“, erzählt eine Frau. Wohl aufgrund ihres nicht deutschen Nachnamens habe sie es auf dem Land, wo sie herkomme, bisher immer schwer gehabt, überhaupt Besichtigungstermine zu ergattern. „In Stuttgart ist der Markt zwar heißer umkämpft, aber ich habe immerhin die Chance bekommen, mir die Wohnungen anzusehen“, sagt sie. Und: „Meine jetzige Vermieterin hat sogar explizit gesagt, dass sie mich aufgrund meines Namens genommen habe. Sie hat sich als Urschwäbin in die Lage einer Migrantentochter versetzt, was ich sehr tolerant und herzlich finde.“
Auf so viel Entgegenkommen stößt freilich nicht jeder. In Bad Cannstatt hat die kleine Familie aus Ostafrika genug gesehen. Die Wohnung im dritten Stock ist zu teuer, Fragen konnte der Bevollmächtigte nicht beantworten. Auch der elfte Besichtigungstermin bleibt also ergebnislos. „Wir haben noch weitere“, sagt der Familienvater und holt tief Luft. Immerhin: Das Baby schläft noch immer friedlich auf dem Arm seiner Mutter.
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