Das Neubaugebiet Seepark in Möhringen. Über 500 Wohnungseinheiten entstehen dort. Foto: Peter Petsch

OB Fritz Kuhn hat am Donnerstag im Rathaus sein Konzept fürs Wohnen in Stuttgart vorgelegt, das er im Januar angekündigt hatte. Wie 2012 sollen künftig jährlich 1800 neue Wohnungen sämtlicher Bauherren fertig werden.

Stuttgart - OB Fritz Kuhn hat im Rathaus sein Konzept fürs Wohnen in Stuttgart vorgelegt, das er im Januar angekündigt hatte. Darin bekennt er sich dazu, Wohnungsbauvorhaben im Rahmen des geltenden Baurechts zu beschleunigen. Wie 2012 sollen künftig jährlich 1800 neue Wohnungen sämtlicher Bauherren fertig werden. Bei der Zahl der Wohnungen, die mit öffentlichen Geldern gefördert werden, hat sich Kuhn jetzt auch festgelegt: Rund 600 pro Jahr sollen es sein, darunter mindestens 300 Sozialwohnungen. 2014 allerdings hält man nur rund 200 für erreichbar.

Die Zahl 300 liegt unter den „400 sozial geförderten Wohnungen“, für die Kuhn sich bei einer Veranstaltungder Stuttgarter Nachrichten aus der Reihe „Mittendrin“ im Frühjahr ausgesprochen hatte. Die damalige Aussage will er aber nicht zum Dogma gemacht wissen: „Die anderen 300 geförderten Wohnungen sind auch wichtig.“ Gemeint sind je 100 Mietwohnungen für mittlere Einkommensbezieher, preiswerte Eigentumswohnungen und Wohnungen im Familienbauprogramm. Die städtische Wohnungsgesellschaft SWSG werde „mehr geförderte Wohnungen bauen“ – aber weiterhin im Bauträgergeschäft Geld für Projekte verdienen. Darüber hinaus will Kuhn bestehende Sozialwohnungen nachsubventionieren, um der Stadt diese Belegungsrechte weitere zehn Jahre zu sichern.

Neben diesen bereits früher diskutierten Ansatzpunkten verfolgt Kuhn auch ein paar neue: So soll die Stadt es sich rund 20 Millionen Euro im Jahr kosten lassen, Grundstücke preisgünstiger zu verkaufen und im Gegenzug mehr Einfluss auf die Wohnbauprojekte zu nehmen. „Konzeptvergabe“ nennt sich das. Dadurch möchte der OB den Größenmix und den Schnitt der Wohnungen beeinflussen – und so versuchen, der ständigen Zunahme der Pro-Kopf-Wohnfläche entgegenzuwirken. „Da, wo wir gestalten können, sollten wir es tun“, sagte Kuhn. Das gilt auch für die Wohnungstauschbörse. Sie soll optimiert werden. Die Idee, dass junge Leute zu alleinstehenden Senioren in großen Wohnungen ziehen, hat Kuhn auch im Visier.

Zahl von 600 Wohnungen im Neckarpark umstritten

Etwas anders aufgestellt hat er die Verwaltung auch beim Wohnungsleerstand. Der Kampf dagegen gilt so manchem als aussichtslos. Auch Finanzbürgermeister Michael Föll (CDU) hatte sich bisher skeptisch geäußert. Kuhn sagte jetzt: „Wir werden das auch zum Thema machen und mindestens mit Rat und Tat versuchen, den Abbau zu beschleunigen.“ Beim jüngsten Zensus ergab sich der Verdacht, dass in Stuttgart 11.400 Wohnungen leer stehen. Viele davon werde man dem Markt vielleicht nicht zurückgeben können, räumte Kuhn ein, doch ein Potenzial gebe es. Die 11.400 Wohnungen seien im Verhältnis zu den 1800 Wohnungen, die man jährlich fertigstellen will, recht viel.

Für erhöhte Anteile an geförderten Wohnungen werden acht Gebiete benannt, die bis zu 2130 Wohneinheiten hergeben sollen. Im Fall des Neckarparks ist die Zahl von 600 Wohnungen im Gemeinderat aber noch umstritten. „Ich denke, dafür ist eine Mehrheit zu bekommen, wenn der Lärmschutz eingehalten wird“, sagte Kuhn dazu. Das Gros der geförderten Wohnungen soll durch das Stuttgarter Innenentwicklungs-Modell (Sim) ermöglicht werden. Es verpflichtet Bauherren in Gebieten mit neuen Bebauungsplänen zu 20 Prozent geförderten Wohnungen. Auf bisher städtischen Flächen will man bis zu 30 Prozent vorgeben.

Um den Bau zu beschleunigen, denkt Kuhn an einen Wohnungsbaukümmerer, mit dem die Stadt Bauherren aus einer Hand unterstützt. Zuerst setzt der OB aber auf einen Lenkungskreis mit drei Bürgermeistern und der Wirtschaftsförderung. Kuhn selbst leitet ihn, denn fürs Wohnen gelte wie für das Verkehrskonzept und den Ausbau der Kindertagesstätten: „Das ist Chefsache.“

Die Konzeptidee

Ganz junge, aber auch ältere Menschen sowie größere Familien mit begrenztem Einkommen seien auf der Suche nach bezahlbarem Wohnraum, heißt es. Es fehle besonders an Wohnungen mit ein bis zwei Zimmern sowie mit vier oder mehr Zimmern. Die Preissteigerung bei Neuvermietungen treffe viele. Kuhn betrachtet das auf 14 Seiten formulierte Konzept als Leitplanke für das Wohnen und Bauen. Leitgedanke ist, dass man in einer Stadt mit begrenztem Raum umso intelligenter bauen müsse. Das Konzept fußt auf der Erkenntnis des Statistischen Amts der Stadt, dass in Stuttgart Ende 2012 ein Wohnungsdefizit von 4400 Wohneinheiten bestand, wenn man vom Bestand drei Prozent als Fluktuationsreserve abziehe. Die Haushalte wären dann zu 98,5 Prozent versorgt. Die Zensus-Ergebnisse deuteten aber auf ein höheres Defizit hin. Die einen würden Wohnungsnot dazu sagen, die anderen Wohnungsmangel, sagte Kuhn. Jene, die Stuttgart mangels Wohnung verlassen hätten, würden in keiner Statistik auftauchen. Außerdem sei Stuttgart attraktiv und ziehe weiter Menschen an.

Die Reaktionen

Bei Stuttgarts Eigentümerverein Haus und Grund stößt Kuhns Wohnkonzept auf Kritik. 77 Prozent der Wohnungen in Stuttgart seien in privater Hand, sagt Chef Ulrich Wecker. „Ich hätte es für ein Gebot der Stunde gehalten, alle Akteure in dieses Konzept einzubinden.“ Die Messlatte von 1800 neuen Wohnungen pro Jahr hält Wecker für zu niedrig. „Das ist genau die Zahl, die wir in den vergangenen Jahren ohne besondere Anstrengung auch erreicht haben.“ Außerdem fehle die Verknüpfung mit der Region. Ein Wohnkonzept könne ähnlich wie das Thema Verkehr nicht nur auf Stuttgart beschränkt gedacht werden.

Für Rolf Gaßmann vom Mieterverein Stuttgart ist das Konzept „ein Schritt in die richtige Richtung“. Die Zahl der jährlich zu schaffenden Sozialwohnungen ist mit 300 Einheiten zwar ein gutes Stück von den Forderungen des Mietervereins entfernt, der auf 550 Einheiten gepocht hatte. Berücksichtigt werden müsse jedoch das Niveau, das in den vergangenen Jahren zum Teil bei nur rund 50 Einheiten gelegen habe. Auch von Gaßmann kommt Kritik. Ein „Bündnis für Wohnen“ sei angekündigt worden, aber eine „Bürgermeisterrunde“ daraus geworden. Er vermisse die Einbindung von Vertretern der Wohnungswirtschaft, von den Stadtbezirken sowie von Mieterverein und Haus und Grund.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: