Nicole Razavi soll ein neues Ministerium aufbauen und die Wohnungsnot im Land mildern. Wer ist die neue Ministerin mit der Mammutaufgabe?
Stuttgart - Nicole Razavi kann man sich sehr gut auf einer Baustelle vorstellen. Die neue Ministerin für Landesentwicklung und Wohnen wirkt energisch und zupackend. Tough, kann man die Anglistin getrost nennen. Als Fraktionsgeschäftsführerin der CDU im Landtag hat sie in den vergangenen fünf Jahren ihre Abgeordnetenkollegen getriezt und angetrieben. Sie sei ehrgeizig und trete auch mal jemandem auf die Füße, wenn es gelte, die Ziele zu erreichen, heißt es aus der Fraktion.
Und sie nimmt kein Blatt vor den Mund. Das hat allen voran der Grünen-Verkehrsminister Winfried Hermann erfahren müssen. Was hat die Verkehrspolitikerin ihm nicht alles an den Kopf geworfen. „Grünen Filz“ vermutete sie bei der Vergabe von Aufträgen. „Verkehrtminister“ hat sie ihn mit Blick auf Stuttgart 21 sogar geheißen.
Am Kabinettstisch mit dem alten Kontrahenten
Jetzt sitzt sie mit ihm am Kabinettstisch. Sogar direkt neben ihm, erzählt sie lachend von der Überraschung bei der ersten Sitzung. Die Präsidentin des Turngaus Staufen sieht das sportlich. Professionell sei der Umgang, seit Kurzem duze man sich sogar, und vielleicht trete man nun in eine neue Phase des Umgangs.
Neuen Umgang hält auch Hermann für notwendig. Er hat die häufigen, heftigen Angriffe der CDU-Opposition in der grün-roten Legislaturperiode gegen ihn als neuen Minister nicht vergessen. „Und die Abgeordnete Nicole Razavi hat dabei als Verkehrspolitikerin alle Register gezogen“, erinnert er sich. In der ersten grün-schwarzen Regierungsperiode hätten sie dann „themenbezogen kooperiert und uns an der Sache orientiert auseinandergesetzt“, berichtet er eher kühl. Jetzt blickt er nach vorn: „Es gehört zur Professionalität in der Politik, dass man persönliche Empfindungen im Interesse der Sache zur Seite schieben kann. Mit dem Start der zweiten grün-schwarzen Koalition und einem neuen Kabinett war klar, dass ein positiver Neuanfang nur gelingen wird, wenn man alte Auseinandersetzungen hinter sich lassen kann.“
Altes hinter sich lassen und doch das Beste daraus mitnehmen, das kann Nicole Razavi. Vier Jahre war sie im Verkehrsministerium, Stefan Mappus war ihr Chef, der später bei vielen in der CDU in Ungnade fiel. Razavi rekapituliert pragmatisch: „Ich will die Zeit am Umwelt- und Verkehrsministerium nicht missen.“ Sie habe dort fachlich wie organisatorisch viel gelernt. „Das war eine gute Zeit.“
Migrationshintergrund? Kein Thema
Sie mag sich nicht über andere definieren lassen und sich in keine Schublade stecken lassen. Mit dem 32 Jahre alten konservativen CDU-Fraktionschef Manuel Hagel kann die 56-Jährige gut, sie hat dafür geworben, ihn an die Spitze der Fraktion zu stellen. Ist sie konservativ? Als wertkonservativ bezeichnet sie sich selbst. „Christlich, konservativ, liberal, sozial, das bin ich“, sagt sie, „so wie die CDU“, für die sie seit fast 25 Jahren an führender Stelle engagiert ist.
Schon ihre Vita erlaube nicht, sie in ein Schema zu pressen. Als großen Eintopf, als „Grande Minestrone“, habe eine italienische Bekannte ihren familiären Hintergrund bezeichnet, gibt die frischgebackene Ministerin zum Besten. Die Mutter kam in der Nachkriegszeit aus Danzig in den Kreis Göppingen. Der Vater, dessen Vorfahren aus dem Iran stammten, war Textilmaschineningenieur und arbeitete lange Zeit in Asien. So ist sie in Hongkong geboren. Der Vater wiederum kam in Indien zur Welt.
Zusammengenommen ergibt das für Nicole Razavi, die leicht als Urschwäbin durchgehen könnte, einen Migrationshintergrund. „Das war für mich nie ein Thema“, erinnert sie sich an die Kindheit im Filstal. „In der Art und Weise wie ich aufgewachsen bin, ist das eine große Selbstverständlichkeit.“
„Undankbare Mammutaufgabe“
Jetzt ist sie die oberste Häuslebauerin in Baden-Württemberg und baut neben ihrer eigenen Eigentumswohnung im Ortskern von Salach auch ein neues Ministerium auf, das es so noch nie gab. Sie soll die Wohnungsnot im Land lindern und einen Landesentwicklungsplan aufstellen, der den neuen Lebensbedürfnissen der Bürger gerecht werden soll. Sascha Binder, ihr Abgeordnetenkollege aus dem Wahlkreis Geislingen von der SPD, traut Razavi zwar einiges zu: „Sie ist sehr klar, sehr ehrgeizig und hält Absprachen zuverlässig ein.“ Persönlich könne man gut miteinander, das neue Ministerium sei aber eine „undankbare Mammutaufgabe, inhaltlich und politisch sehr herausfordernd“.
Herausforderungen schrecken Razavi nicht. Sie ist mächtig stolz darauf, dass sie staatlich geprüfte Skilehrerin ist. „Das war eine echte Herausforderung. Sowohl körperlich als auch geistig“, sagt sie. „Wer diese Qualifikation hat, wird sagen, das war die wichtigste Prüfung im Leben.“
Zum Skifahren kommt sie nur noch selten, gerne geht sie auch auf Skitour. „Das Bewegungs- und Naturerlebnis ist für mich das Wichtigste.“ Jetzt soll sie möglichst schnell 140 Mitarbeiter, die meisten aus dem Wirtschaftsministerium, einige aus dem Landwirtschaftsministerium, im neuen Ministerium zusammenführen, das noch nicht einmal Räumlichkeiten hat. Die Gymnasiallehrerin für Englisch, Politik und Sport will die Leute mitnehmen und motivieren. Zurzeit führt sie eine Menge Gespräche: „Ich möchte mit allen Mitarbeitern in jedem Referat sprechen.“ Sie sucht Verbesserungsmöglichkeiten und nimmt Anregungen auf.
Die Sportlerin beweist langen Atem
Hürden sind viele zu nehmen. „Politik war noch nie einfach. Sie braucht einen langen Atem“, hat Nicole Razavi in den 15 Jahren ihres Abgeordnetenlebens gelernt. Sie versteht sich nach wie vor als Parlamentarierin: „Ich bin Parlamentarierin durch und durch, und das bleibe ich auch.“ Sie hat den Wahlkreis Geislingen auch diesmal direkt für die CDU geholt. Doch hat sie im Landtag bei ihrer Vereidigung zur Ministerin gestrahlt wie kein anderes der Kabinettsmitglieder. „Ich habe mich gefreut. Schön, wenn man das auch gesehen hat“, kommentiert sie.
Sie freut sich auf die „Riesengestaltungsmöglichkeiten“. Doch sie sieht auch die Grenzen. Aus der Erfahrung mit der eigenen Baustelle lernt man, dass die Firmen sehr beschäftigt sind, dass die Preise steigen und dass das Material knapp wird. Dagegen kann auch eine Wohnbauministerin nichts tun. Da macht sich Nicole Razavi nichts vor. Nüchtern konstatiert sie: „Wir können die Welt nicht von heute auf morgen verändern. Es geht darum, die Rahmenbedingungen Schritt für Schritt zu verbessern.“ Und daran macht sie sich mit Entschlossenheit.