Wohnen wird zunehmend zum Luxus – zumindest in Stuttgart und auf den Fildern. Foto: Lichtgut/Leif-Hendrik Piechowski

Die guten Gehälter in den Firmen auf der Filderebene sind ein Grund für die steigenden Mieten. Doch es gibt noch mehr Ursachen, weiß Thomas Widder, Makler in Stuttgart-Sillenbuch. Außerdem gibt er im Interview Tipps für Vermieter und Mieter.

Filder - Der Immobilienmarkt ist schnelllebig geworden. Städte verzeichnen mehr Zuwachs als Wegzug. Vor allem Besserverdiener zieht es in die Metropolen– sie können sich die teuren Mieten und Immobilienpreise leisten. Das Nachsehen haben diejenigen mit schmalem Geldbeutel. Makler Thomas Widder erklärt, wie sich der Wohnungsmarkt in den vergangenen Jahren verändert hat und welche Möglichkeiten er sieht, den hohen Mietpreisen entgegenzuwirken.

Herr Widder, was hat sich Ihrer Meinung nach auf dem Wohnungsmarkt in den letzten Jahren am Drastischsten geändert?

Vor 15 Jahren war auf dem Stuttgarter Wohnungsmarkt noch nicht so viel los. Wir Makler haben es daran gemerkt, dass damals eine inserierte Immobilie erst nach rund sechs Monaten wieder verkauft oder vermietet wurde. Wenn heute die Immobilie und der Preis passen, ist das Geschäft nach spätestens drei Wochen abgewickelt.

Weswegen hat sich das so rasant beschleunigt?

Die Landflucht und die dadurch resultierende Zuwanderung in die umliegenden Großstädte sind definitiv zentrale Faktoren für den schnelllebigen Immobilienmarkt geworden. Wir haben in den Städten mehr Zuwachs als Abgang, weswegen die Nachfrage nach bezahlbarem Wohnraum überhand genommen hat. Teilweise kommen auf eine Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung mit einer Kaltmiete von 1200 Euro rund 300 Bewerber.

Die Mietpreise in Stuttgart und im direkten Umland steigen stetig und liegen weit über dem Mietindex. Trägt jemand besondere Schuld daran?

Auf der einen Seite ist die Region daran selbst schuld. Gerade die Filderebene ist schon immer ein attraktiver Industrie- und Wirtschaftsstandort gewesen. Dementsprechend werden die Mitarbeiter hier in den ortsansässigen Firmen überdurchschnittlich gut bezahlt, weswegen sie sich die hohen Mieten leisten können. Meistens sind das dann auch Paare ohne Kinder, die mehr Geld in Wohnraum investieren können und wollen. Bei den Eigentümern ist diese Zielgruppe besonders beliebt, da sie in der Regel finanziell stabiler aufgestellt ist.

Und auf der anderen Seite?

Da hat man auf Bundes- und Landesebene ganz klar verpasst, den Wohnungsmarkt zu subventionieren beziehungsweise attraktiver für Privatpersonen zu gestalten.

Also fruchten Mietpreisbremsen, Zweckentfremdungsverbote und Enteignungen nicht?

Ich denke, das ist der falsche Ansatz. Ich bin da ganz klar dafür, dass der Eigentümer ein Recht darauf hat, seine Immobilie so zu verwerten, wie er es vorgesehen hat. Dafür hat er sie schließlich auch bezahlt. Die Problematik liegt eher woanders. Der Bau von gemeinnützigem Wohnraum muss wieder verstärkt vom Staat übernommen und gleichbleibende Mieten müssen garantiert werden, die sich dann auch eine breitere Masse leisten kann. Außerdem braucht der Immobilienmarkt mehr Wohnraum in privater Hand.

Mehr Wohnraum zu schaffen, ist die logischste aller Lösungen. Haben Sie auch einen Vorschlag, wie man hier nachhelfen könnte?

Gerade beim Bau von Wohnungen oder Häusern könnte man beispielsweise Erstkäufer bei der Grunderwerbssteuer entlasten. Mehrkäufer sollte man im gleichen Zug stärker besteuern, so wären mehr Wohnungen in privater Hand, und dem Horten von ungenutztem Wohnraum könnte man so entgegenwirken.

Sie meinen damit die großen Immobilienunternehmen wie Vonovia?

Richtig. Die Großoffensive, in der Wohnraum vom Bund und den Ländern an solche Firmen verkauft wurde, zeigt nun die negativen Auswirkungen. Moderner Hausbau ist teuer, und die Rendite oft schmal. Man kann keinen Neubau, der 600 000 Euro kostet, für 600 Euro im Monat weitervermieten. Den Eigentümern geht es letztendlich um die Refinanzierung und den Gewinn.

Weil Privateigentümer wohl kaum auf potenziell hohen Profit verzichten werden?

Es existiert nicht nur das Bild vom bösen Miethai. Es gibt auch noch Vermieter, denen es wichtiger ist, an wen sie vermieten, denn letztendlich will man ja auch, dass mit der Immobilie respektvoll umgegangen wird, da ist der Gewinn erst einmal Nebensache.

Und so ein soziales Verhalten erfahren Sie heute immer seltener oder häufiger?

Ich gebe zu, die Momente sind seltener geworden, ja. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass ich seit 20 Jahren ein und denselben Mieter in meiner Wohnung habe. Zweimal habe ich die Miete erhöht, damit sind wir beide zufrieden.

Welchen Tipp können Sie aus Ihrer Erfahrung Vermietern und zukünftigen Mietern geben?

Auch wenn es den Gepflogenheiten widerspricht, auf jeden Fall in die Anzeige formulieren, für welche Personengruppen die Immobilie vorgesehen ist. Ansonsten werden sie die Flut an Anfragen kaum bewältigen können. An die Mieter? Durchhalten und nicht verzweifeln.

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