Bis zu 60 Personen leben in Stuttgart auf der Straße Foto: dpa

In Stuttgart gibt es deutlich mehr Wohnungslose als in fast allen anderen deutschen Großstädten. Weil in der Landeshauptstadt die Infrastruktur für Wohnungslose jedoch sehr gut ausgebaut ist, haben nur die wenigsten kein Dach über dem Kopf.

Stuttgart - Immer mehr Menschen können sich die in Stuttgart stetig steigenden Mieten nicht mehr leisten oder finden erst gar keine Wohnung – und das hat Folgen: In kaum einer deutschen Großstadt gibt es auf die Einwohnerzahl gerechnet so viele Wohnungslose wie in der baden-württembergischen Landeshauptstadt. Das ergibt ein statistischer Vergleich unter den zehn größten deutschen Kommunen.

Im vorigen Jahr waren dem Stuttgarter Sozialamt zufolge in der 600 000-Einwohner-Stadt etwa 3700 Menschen wohnungslos. Davon leben laut Behörde „20 bis 60 Menschen komplett ohne Obdach auf der Straße“. Damit war zuletzt fast jeder 170. Einwohner der Stadt am Neckar ohne eigenes Zuhause. Zum Vergleich: Im 710 000 Bewohner zählenden Frankfurt waren Mitte 2015 laut einer Sprecherin des Sozialreferats nur 2500 Menschen wohnungslos – auf die Einwohnerzahl gerechnet ist die Zahl der Menschen, die von Stadt und Wohlfahrtsverbänden notdürftig untergebracht werden, in Stuttgart um zwei Drittel höher als in der Main-Metropole.

Andere Großstädte liegen statistisch besser

In Hamburg hatten Behörden und Sozialverbände den offiziellen Zahlen zufolge gut jeden 280. Einwohner mangels eigener Bleibe in Notquartieren, Pensionen, Hotels oder Gemeinschaftsunterkünften einquartieren müssen. Auch in Bremen und im teuren Düsseldorf sind auf die Bevölkerungszahl gerechnet deutlich weniger Menschen wohnungslos gemeldet als in Stuttgart. In Essen und Dortmund lag die Zahl der Menschen, die keine eigene Bleibe haben, zuletzt jeweils im dreistelligen Bereich – ebenso in Dresden. Dort waren pro Kopf zehnmal weniger Menschen wohnungslos als in Stuttgart. Im wirtschaftlich prosperierenden Leipzig mussten Stadt und Wohlfahrtsverbände im Frühjahr sogar nur 114 Einwohner in Notquartieren unterbringen.

In München, der Stadt mit den bundesweit höchsten Mieten, hat sich die Zahl der Wohnungslosen seit 2008 zwar mehr als verdoppelt. 4700 Menschen teilten dort Ende April 2015 dieses Schicksal, weitere 550 Menschen lebten sogar auf der Straße. Rechnet man diese sowie die geschätzt weiteren 2000 Wohnungslosen, die bei Freunden, der Familie oder anderswo notdürftig unterkommen sind, hinzu, ist knapp jeder 200. Münchner wohnungslos. Und selbst in Köln gab es mit 51 auf 10 000 Einwohner gerechnet weniger Wohnungslose als in Stuttgart. Ausgerechnet für die Hauptstadt Berlin gibt nur veraltete Zahlen aus 2012.

Gute Infrastruktur für Wohnungslose in Stuttgart

„Die hohe Zahl an Wohnungslosen in Stuttgart ist historisch bedingt“, sagt Isolde Faller, Abteilungsleiterin beim Sozialamt. Eine Ursache hierfür sei „die sehr differenzierte und gute Infrastruktur für Wohnungslose in Stuttgart“. Dank der Arbeit des Landeswohlfahrtsverbands Württemberg-Hohenzollern verfüge Stuttgart schon lange über „eine sehr gut ausgebaute Infrastruktur für Wohnungslose“.

Auch nach Auflösung des Verbands im Jahr 2005 habe die Stadt die Unterbringungsmöglichkeiten gemeinsam mit den freien Trägern weiter ausgebaut. Andere Landkreise hätten dagegen „wenig bis nichts unternommen“, um Wohnungslose zu unterstützen, so Faller. Dies habe eine gewisse Sogwirkung erzeugt. „Viele kommen auch wegen der Arbeitssuche nach Stuttgart, weil sie sich dort größere Aussichten versprechen. Und dann stranden sie hier aufgrund des Mangels an bezahlbarem Wohnraum“, sieht Ulrike Herbold von der Evangelischen Gesellschaft einen weiteren Grund für die Entwicklung.

Die Stadt hatte Mitte vorigen Jahres etwa 400 Stuttgarter in Pensionen und gut 1120 Personen in Fürsorgeunterkünften einquartiert. Hinzu kamen noch 390 Menschen im sogenannten Interimswohnraum und dutzende Notschlafplätze. In Wohnangeboten der Freien Träger der Wohlfahrtspflege wie der Caritas leben etwa 1700 Menschen, die sonst wohl auf der Straße bleiben müssten. „Stuttgart hat diesbezüglich eines der besten Hilfsangebote bundesweit“, sagt Manfred Blocher vom Caritas-Verband.

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