Immer öfter werden auch Kinder aus Rumänien mit nach Stuttgart gebracht. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Roma machen nur einen Bruchteil der Zuwanderer aus Osteuropa aus – aber ihnen schlagen besonders viele Vorurteile entgegen. Dieser Umstand wurde bei einer Veranstaltung für Sozialarbeiter kritisiert. Doch wie sollte man obdachlosen Roma in Stuttgart begegnen?

Stuttgart - Sie kommen aus dem Elend – und leben auch in Stuttgart im Elend: obdachlose Zuwanderer aus Osteuropa. Weil Notunterkünfte sie nicht aufnehmen, da sie keinen Anspruch auf Sozialleistungen haben, schlafen sie im Freien, darunter auch Familien mit Kindern. Wie kann man den Betroffenen helfen, obwohl das System Hilfe erschwert? Was für Lösungsansätze gibt es in anderen Städten? Diese Fragen standen am Donnerstag beim Treff Sozialarbeit im Haus der Diakonie im Fokus.

Roma, das wurde bei der Veranstaltung mit dem Titel „Ich hab ja nichts gegen Sinti und Roma, aber…“ wiederholt betont, machten nur einen Bruchteil der europäischen Zuwanderer aus. Aber den Roma werde mit besonders vielen Vorurteilen begegnet, indem ihnen zum Beispiel Kriminalität und schlechte Elternschaft unterstellt würden. „Es kann nicht die Lösung sein, dass man sie kriminalisiert“, sagte die Sozialarbeiterin Andrea Günther von der Ambulanten Hilfe, die sich um die Zielgruppe kümmert. So sei der verbreitete Eindruck von organisiertem Betteln im Sinne einer „Bettelmafia“ falsch, meinte sie. „Das ist etwas, das wir überhaupt nicht beobachten können“, sagte die Sozialarbeiterin.

Inzwischen ist die Situation laut Ordnungsamt stabil

Sie ärgert es, dass den Menschen unterstellt wird, sie kämen nur hierher, weil sie es auf Sozialleistungen abgesehen hätten. Ähnlich sieht es der Sozialpädagoge Dominik Kladt von der Zentralen Anlaufstelle für neuzugewanderte Unionsbürger: „Sie sind mit der Hoffnung auf ein besseres Leben nach Deutschland gekommen.“ In einer Befragung habe niemand die Hoffnung geäußert, Sozialleistungen zu beziehen – aber die Hoffnung auf Arbeit und Unterkunft.

Andrea Günther geht von rund 80 obdachlosen Osteuropäern in Stuttgart aus. Eine ähnliche Größenordnung nannte die Leiterin des Amts für öffentliche Ordnung, Dorothea Koller. Zwischen 50 und 100 Personen campierten in Stuttgart. Seit zwei bis drei Jahren habe man eine relativ stabile Situation, so Koller – im Gegensatz zu 2015, als es massive Beschwerden von Bürgern und Geschäftsleuten gegeben hatte. Damals hatten sich mehrere Gruppen auf der Wiese beim Theater häuslich eingerichtet. Sanitäranlagen fehlen dort, entsprechend kam es unter anderem zu Geruchsbelästigungen.

Tagesstätte fehlt, die obdachlosen Eltern mit Kindern Schutz bietet

Zum Vorwurf, es gebe gar keine organisierte Bettelei, sagte Koller, ein polizeiliches Lagebild von 2014 habe die organisierte Bettelei festgestellt. Das werde nicht in jedem Einzelfall hinterfragt. Nur bei aggressivem Betteln mit nötigender Wirkung werde eingeschritten. In 2018 habe es 315 entsprechende Anzeigen gegeben. Das vorhandene Geld werde beschlagnahmt – im Schnitt handele es sich um 15 Euro. Es habe sich herumgesprochen, dass man das Geld am besten schnell verschwinden lasse, so Koller.

Der Pfarrer Andreas Hoffmann-Richter, Beauftragter für die Zusammenarbeit mit Sinti und Roma der Evangelischen Landeskirche, wünscht sich, dass man den Roma mit einem stärkenden Ansatz auf Augenhöhe begegnet. Indem man sie zum Beispiel wie in Frankfurt am Main, wo Roma Roma helfen, über einen Verein als Mitarbeiter gewinnt. Auch regte er an, Toiletten aufzustellen und Gästezimmer zu organisieren. Andrea Günther plädierte für eine Öffnung des Hilfesystems, den Zugang zu Unterkünften und Sozialleistungen. Das ist aufgrund einer befürchteten Sogwirkung politisch umstritten. Es fehle eine Tagesstätte, die Eltern mit Kindern Schutz bietet. „Obdachlosigkeit gefährdet das Kindeswohl“, sagte Günther.

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