Mieter aus der gesamten Region Stuttgart äußern harsche Kritik an der Degerlocher Wohnungsbaugenossenschaft. Nun wurden eine Mieterinitiative und ein Mieterrat gegründet. Was wollen die Betroffenen erreichen?
Der nächste Schritt ist gemacht. Der Beschluss, einen Mieterrat einzuführen, wurde gefasst. Sechs Personen haben sich bereit erklärt mitzumachen. Das Gremium soll ein Sprachrohr der Mieterinitiative sein, die im April gegründet wurde. In ihr organisieren sich Menschen, die bei der Wohnungsbaugenossenschaft Flüwo Mieter sind. Was sie eint: Sie sind augenscheinlich unzufrieden und wollen erreichen, dass Mieterhöhungen zurückgenommen werden.
Gabi Conrad trifft einen Nerv
Gabi Conrad hat das Ganze initiiert. Die 63-jährige Elektrikerin lebt seit 14 Jahren mit ihrem Mann im Esslinger Stadtteil Pliensauvorstadt. Sie ist gewählte Vertreterin der Genossenschaft. Nie habe sie etwas auszusetzen gehabt. „Ich war ein Flüwo-Fan“, sagt Conrad, im Februar sei ihr jedoch eine 95-Euro-Mieterhöhung ins Haus geflattert. Kurz zuvor hatte der Esslinger Gemeinderat einen neuen Mietspiegel verabschiedet. Gabi Conrad moniert, dass die Flüwo den Rahmen komplett ausgereizt habe. Einige Mieter im Haus hätten Erhöhungen erhalten, andere nicht. „Es ist ganz seltsam.“ Gabi Conrad hat Kontakt zu anderen Betroffenen gesucht – und offenbar einen Nerv getroffen.
Zu einem ersten Treffen kamen 33 Personen, mit jedem weiteren Termin wurden es mehr, erzählt sie. Seit Februar hat sie rund 400 Unterschriften von Leuten gesammelt, die die Flüwo auffordern, zu einer sozialen Mietpreispolitik zurückzukehren; hinzu kamen etliche Mail-Adressen und Whatsapp-Kontakte. „Es gehen ständig neue ein.“ Zuvor waren Flugblätter im Großraum Stuttgart verteilt worden. Schlagzeilen hat die Genossenschaft schon mehrfach gemacht. Vor Jahren war bekannt geworden, dass drei große Blocks an der Straifstraße in Degerloch abgerissen und durch Neubauten ersetzt werden sollen. Die Mieter wurden aufgefordert wegzuziehen – sehr zum Verdruss mancher Bewohner; die Flüwo bot Alternativen an. Doch das Projekt kam ins Stocken, der Abriss ist in weite Ferne gerückt. Die Stadt hat derweil leer gewordene Wohnungen angemietet, teils wurden Geflüchtete einquartiert. Auch gibt es Probleme mit wildem Müll. Bestandsmieter monieren, dass neue Nachbarn dafür verantwortlich seien, selbst die Stadt bekennt, dass es Probleme gibt. Die Flüwo hat dennoch angekündigt, Reinigungskosten in vierstelliger Höhe auf alle Mieter umlegen zu wollen.
Flüwo mehrfach aufgefallen
Ursel Beck von der Mieterinitiative Stuttgart ist schon mehrfach über die Flüwo gestolpert. So habe man Anzeige erstattet wegen Zweckentfremdung an der Straifstraße. „Es haben sich auch Mieter an uns gewandt, wegen viel zu hoher Heizkostenabrechnungen. Die Flüwo hat auch nicht überall die gesetzlich vorgeschriebenen Wärmemengenzähler eingebaut“, berichtet sie. Sie begrüße es sehr, dass sich nun eine eigene Mieterinitiative gründet habe. Man wolle kooperieren.
Gabi Conrad hat festgehalten, was Betroffene ihr berichten. Die allermeisten sind demnach unzufrieden mit Mieterhöhungen. Von 15 Prozent der Kaltmiete und mehr werde berichtet. Mieter aus Stuttgart-Dürrlewang oder Neuhausen monieren, vor zwei Jahren erst eine Erhöhung erhalten zu haben und nun schon wieder. Jemand aus Ostfildern beklagt sich, seine Garagenmiete sei um 33 Prozent gestiegen. Auch über eine unzulängliche Mängelbeseitigung, über schwer greifbare Hausmeister oder einen Renovierungsstau wettern manche. „Ich bekomme jeden Tag etwa zehn Briefe, Mails oder Anrufe“, sagt Gabi Conrad.
In den Erhalt und die Verbesserung der Bestandsimmobilien werde kontinuierlich investiert, kontert die Flüwo, rund 23 Millionen Euro allein 2023. Gleichwohl seien die Mieten die einzige Einnahmequelle. „Vor dem Hintergrund der enormen Kostensteigerungen für Bau- und Handwerkerleistungen, der hohen Inflation, des Fachkräftemangels sowie der gestiegenen Refinanzierungskosten muss ein Immobilienbestandshalter regelmäßig die Mieten anpassen“, erklärt eine Sprecherin. Man halte sich an den zulässigen gesetzlichen Rahmen und an Mietspiegel. Im laufenden Jahr hätten etwa 36 Prozent aller Wohnraummieter eine Anpassung erhalten. „Die durchschnittliche monatliche Mehrbelastung pro Wohnung betrug dabei rund 50 Euro“, ist zu hören. Im Problemfall könne auch das hauseigene Sozialmanagement unterstützen.
Flüwo liegen kaum Beanstandungen vor
Mutmaßungen bezüglich Geldproblemen weist das Unternehmen entschieden zurück. „Im Gegenteil. Alle wirtschaftlichen Kennzahlen liegen im Branchendurchschnitt oder sind überdurchschnittlich gut“, heißt es in der Stellungnahme. Ob wirklich so viele Mieter unzufrieden sind, zieht man derweil in Zweifel. Der Flüwo lägen kaum konkrete Beanstandungen vor. Die Sprecherin betont: „Die Flüwo darf keine Plattform für politisch oder persönlich motivierte Minderheiten sein.“ Beim Wort Minderheit lacht Gabi Conrad auf. „Wenn man sich den Rücklauf an Unterschriften anschaut, nur aufgrund eines Zettels im Briefkasten, dann ist die Minderheit schon ziemlich groß.“ Das nächste Mietertreffen soll am 28. August in der Pliensauvorstadt sein. Am 9. September sollen die Unterschriften an die Flüwo übergeben werden. „Bis dahin wollen wir noch fleißig sammeln“, sagt Gabi Conrad.
Die Flüwo in Zahlen
Gründung: Die Flüwo Bauen Wohnen eG sitzt in Degerloch. Sie wurde 1948 unter dem Namen Gemeinnützige Flüchtlings-Wohnungsbaugenossenschaft Stuttgart gegründet und ist nach eigenen Angaben eine der größten Wohnungsbaugenossenschaften in Süddeutschland.