Viele Gemeinden veröden in ihrem Inneren. Um Ortskerne zu beleben, will die SPD jetzt zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen – und sieht bei den Kirchen eine besondere Verantwortung.
Leerstand in Ortskernen, ältere Menschen, die in viel zu großen Häusern wohnen – die SPD-Landtagsfraktion fordert eine gezieltere Förderung für die Entwicklung der Zentren in kleinen und mittleren Gemeinden. „Die Förderung muss klar priorisiert werden, hin zum dringendst benötigten, nämlich altersgerechten Wohnen – also die Phase, bevor jemand pflegebedürftig wird“, sagte der Abgeordnete Jonas Hoffmann unserer Zeitung. „Wir haben in Ortskernen in kleinen und mittleren Gemeinden einen hohen Leerstand und ‚fehlbelegte Immobilen’. Da steckt viel Potenzial vor allem für altersgerechtes Wohnen“, sagt er.
Eine gezielte Förderung von altersgerechtem – also auch barrierefreien Wohnraum – läuft bisher ausschließlich über den Bund. Zwar gibt es verschiedene Förderprogramme des Landes etwa zur Innenentwicklung und zur gezielten Förderung von Ortskernen im ländlichen Raum. Zudem soll die Novelle der Landesbauordnung dazu beitragen, dass Umbauten im Bestand einfacher werden. Doch das Thema Nachverdichtung und Bauen im Bestand ist nicht ohne. Nicht nur schwierige Eigentumsverhältnisse und Widerstand aus der Nachbarschaft seien Hindernisse, heißt es vom Gemeindetag. Dazu gibt es auch öffentlich-rechtliche Vorschriften, die bauen schwierig machen. Veraltete Bebauungspläne müssen teilweise erst aktualisiert werden, im ländlichen Raum gibt es noch ein besonderes Hindernis: Der strenge Immissionsschutz bremst Neubauten in der Nähe von Ställen, selbst wenn sie leer stehen.
Bauen im Bestand stößt auf Hindernisse
Der SPD-Abgeordnete Hoffmann sieht vor allem Potenzial bei den Flächen von Kirchen. Er plädiert für einen aktiven Austausch der Landesregierung mit den Kirchen über eine gemeinsame Strategie: „Die Kirchen haben viele Flächen in Ortskernen, die Kommunen sollten über diese Flächen ins Gespräch gehen, bevor sie an Investoren fallen.“ In seinem Wahlkreis in Weil am Rhein ist das schon vor Jahren geschehen. Dort hat eine Gemeinde das Freigelände verkauft. Ein Investor baute dort mehrere Wohngebäude, die Kirche ist erhalten geblieben und hat sich zu einem Anlaufpunkt für junge Menschen entwickelt.
Landeskirchen überprüfen Gebäude und Grundstücke
Dabei sind die Landeskirchen unterschiedlich weit, was die Überprüfung ihrer Gebäude und Immobilien angeht. Die badische Landeskirche hat bereits Gebäude und Grundstücke in den Gemeinden überprüfen lassen. Das württembergische Pendant ist gerade noch dabei. Auch bei den Katholiken läuft der Prozess noch. Die Gemeinden in der Erzdiözese Rottenburg etwa sollen ab 2026 Kooperationen mit lokalen Partnern für gemeinwohlorientierte Nutzungen eingehen, um die Gebäudelast, wie es heißt, für die Kirchengemeinden zu senken.
Bei einem Verkauf spiele die soziale Dimension durchaus eine bedeutende Rolle. In Tübingen werde das Gebäude des ehemaligen Karmel-Klosters der Stadt vermietet, um dort früher geflüchtete, jesidische Frauen beziehungsweise jetzt ukrainische Familien unterzubringen. Die Gemeinden der Erzdiözese Freiburg sind bereits angehalten, ihren Bestand zu überprüfen. „Wenn eine Umnutzung in Erwägung gezogen wird, wird in der Regel eine soziale und caritativ verträgliche Nachnutzung angestrebt – dazu gehören auch Wohnprojekte“, heißt es dort.
Hoffmann sieht in den Gedankenspielen eine Chance für die Landesregierung: „Hier könnten mit dem Land Lösungen gefunden werden, wie einerseits die Flächen genutzt werden können und gleichzeitig im wahrsten Sinne ‚Die Kirche im Dorf bleibt’“, sagt der SPD-Abgeordnete.