Das Baugebiet Schlossfeld in Bönnigheim ist vorbildlich. Foto: factum/Granville

Wenn die Region Stuttgart ihre Spitzenstellung halten will, muss neuer Wohnraum geschaffen werden. Aber wie? Der Regionalverband sucht Antworten.

Stuttgart - Im Verband Region Stuttgart wächst die Sorge, dass der Ballungsraum rund um Stuttgart wegen des Mangels an Flächen für Gewerbe- und Wohnungsbau ins Hintertreffen gerät. „Wenn es nicht gelingt, bezahlbaren Wohnraum und eine leistungsfähige Infrastruktur zu schaffen, dann gelingt es auch nicht, die auf dem Arbeitsmarkt absehbare Lücke durch den demografischen Wandel auszugleichen – und dann ist die Zukunft der Region gefährdet“, sagen Regionaldirektorin Nicola Schelling und ihr Planungsdirektor Thomas Kiwitt. Die Folgen reichten dann weit über die Region hinaus, in der rund 25 Prozent der Einwohner Baden-Württembergs ein Drittel des Bruttoinlandsprodukts erwirtschaften.

Wachstum mit Schmerzen

Der wirtschaftliche Erfolg, so er auch künftig weitergeht, zieht Leute in die Region. Und wird dies auch in Zukunft tun. Die Stadt Stuttgart rechnet bis 2030 mit einem Bevölkerungswachstum um mehr als sechs Prozent auf fast 650 000. In anderen Großstädten der Region werde es eine ähnliche Entwicklung geben, glaubt Thomas Schwarz, Leiter des Statistischen Amts der Stadt. Für die Region, zu der neben der Landeshauptstadt die Kreise Böblingen, Esslingen, Göppingen, Ludwigsburg und Rems-Murr gehören, prognostiziert das Statistische Landesamt bis 2035 ein Plus von 83 000 Einwohnern. Und deutlich mehr als 100 000 Beschäftigte, die in den nächsten Jahren in Ruhestand gehen, müssten ersetzt werden. „Wir verzeichnen ein dynamisches Bevölkerungswachstum. Doch wir leiden auch unter Wachstumsschmerzen“, sagt Regionalpräsident Thomas Bopp. Dazu zählen neben steigenden Wohnungs- und Mietpreisen auch Staus auf den Straßen und überfüllte Bahnen und Busse während des Berufsverkehrs. Die Zahl der Fahrgäste im VVS steigt Jahr für Jahr, seit 2009 um satte 20 Prozent.

Flächen vorhanden

Die Voraussetzungen für mehr Wohnungsbau sind nach Ansicht von Kiwitt gegeben. Im Regionalplan sind 43 regionale Wohnungsbauschwerpunkte aufgeführt, wovon einige noch nicht bebaut sind. „Wir haben in den Flächennutzungsplänen der Gemeinden rund 2000 Hektar für Wohnungsbau. Dort könnten 140 000 Leute wohnen“, sagt er. Aber die Kommunen schaffen dort kein Baurecht. Dabei seien dies „die besten Flächen, die wir haben“. Diese Areale seien gut an den Verkehr, vor allem die S-Bahn angebunden, hätten Umweltprüfungen und Beteiligungsverfahren durchlaufen, seien in Gemeinderäten diskutiert und beschlossen sowie letztlich von den Kreisen und dem Regierungspräsidium genehmigt worden.

Freude am Bauen

„Der Verband Region Stuttgart kann nicht selber bauen, auch wenn die Flächen im Regionalplan für Wohnungsbau vorgesehen sind“, sagt Schelling: „Das ist Sache der Kommunen.“ Er versuche aber seit einigen Jahren, mit einem Aktionsprogramm Hilfestellung zu geben und eine positive Stimmung für den Wohnungsbau zu schaffen. Zwei Drittel der 179 Kommunen in der Region sind aber kleiner als 10 000 Einwohner. „Wir müssen in allen Städten und Gemeinden, auch den kleinen, eine Bereitschaft zum verdichteten Bauen entwickeln“, sagt Schelling. Das bedeute keine Wohnsilos und Betonburgen, sondern „anspruchsvollen und innovativen Wohnungsbau“, für den es in der Region „gute Beispiele“ gebe. „Wir müssen uns aber auch um die emotionale Komponente kümmern, um so etwas wie Freude am Bauen“, sagt die Regionaldirektorin – und erinnert an die Internationale Bauausstellung 2027.

Andere Bürgerbeteiligung

Emotional freilich steht der Wohnungsbau eher vor einem Stopp-Schild. Es genüge eben nicht, gute Standortpolitik zu machen und umfangreiche Gewerbeflächen bereitzustellen, wie dies beispielsweise Renningen, Weissach und Wolfschlugen täten. „Wir brauchen auch den Wohnraum für die Beschäftigten“, sagt Kiwitt, der freilich „eine abnehmende Solidarität in der Bürgerschaft feststellt, für Zuziehende Wohnraum zu schaffen“. Dies wirke sich auch auf die Meinungsbildung in den Gemeinderäten aus, die nah beim Bürger seien. Da viele Menschen nicht in ihrer Wohngemeinde arbeiteten, also „Feierabendbevölkerung“ (Kiwitt) seien, müsse die Bürgerbeteiligung geändert werden: „Neben der Wohnbevölkerung sollten ganz gezielt auch diejenigen einbezogen werden, die dort arbeiten, die Stadt in Anspruch nehmen und von Planungen berührt sind.“ Das gelte sowohl für Wohnungsbau als auch für Infrastruktur. Bisher sieht der Landesgesetzgeber Bürgerbeteiligungsrechte nur auf Ebene der Kommunen und des Landes vor.

Fokus auf Ballungsräume

Und noch etwas nimmt Kiwitt ins Visier – die Forderungen, doch dort Wohnungen zu bauen, wo es viel Platz gibt, mithin in den wenig besiedelten ländlichen Regionen oder im Osten. „Dort zieht aber keiner hin“, sagt der Experte mit Blick auf die Studie zur Lage in den neuen Bundesländern. „Notwendig ist, die Ballungsräume und deren Erfordernisse stärker in den Fokus zu nehmen und sie ebenfalls gezielt zu unterstützen.“ So könnten Leistungen beispielsweise in der Städtebauförderung davon abhängig gemacht werden, dass die Gemeinde auch bezahlbaren Wohnraum schafft. Kiwitt: „Die entscheidende Frage ist: Wie bekommen wir Baurecht an den verkehrlich und ökologisch geeigneten Standorten?“

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