Im Rems-Murr-Kreis lebt nur jeder zweite Mensch in den eigenen vier Wänden. Aus Sicht der Bauwirtschaft ist an der schlechten Eigentumsquote die Politik schuld.
Beim Blick auf den Kontoauszug verschlägt es Normalverdienern immer öfter die Sprache: Durch das hohe Mietniveau im Ballungsraum Stuttgart geht ein beträchtlicher Teil des Gehalts für das Dach über dem Kopf drauf. Bezahlbare Wohnungen sind kaum zu finden. Und selbst Doppelverdiener wenden oft mehr als ein Drittel des Nettoeinkommens für die monatliche Miete auf.
Immobilienexperten sprechen deshalb gern von der sogenannten Großstadt-Problematik. Ähnlich wie in Metropolen wie München, Berlin und Frankfurt wird das Gehalt auch im Speckgürtel um die baden-württembergische Landeshauptstadt von den Kosten für die Unterkunft aufgefressen. Teilweise zahlen Haushalte annähernd die Hälfte ihres Einkommens an den Vermieter, besonders betroffen sind Single-Haushalte und alleinerziehende Personen – und das, obwohl bereits ab einer Quote von 40 Prozent des Nettoverdiensts von einer finanziellen Überlastung gesprochen wird.
Im Kreis gibt es gerade mal 110.400 Wohnungen, für die keine Miete gezahlt wird
Das Problem: Selbst im in weiten Teilen eher ländlich strukturierten Rems-Murr-Kreises bleibt das Wohnen in den eigenen vier Wänden für viele Menschen ein unerreichbarer Lebenstraum. Denn zwischen Kernen und Kirchenkirnberg gibt es gerade mal 110.400 Wohnungen, für die keine Miete gezahlt werden muss. Vom Einfamilienhaus bis zum Eigentums-Appartement werden sie von den Besitzern selbst genutzt. Das geht aus einer regionalen Wohnungsmarkt-Analyse hervor, die das Pestel-Institut im Auftrag des Bundesverbands für den Baustoff-Fachhandel (BDB) gemacht hat.
Für den Rems-Murr-Kreis ermittelten die Statistiker eine Wohneigentumsquote von 54,4 Prozent. Zum Vergleich: Bundesweit liegt die Quote bei 43,5 Prozent. „Damit ist Deutschland ein Mieter-Land und landet beim Ranking zum Wohneigentum im Europa-Vergleich nur auf dem vorletzten Platz“, sagt Matthias Günther vom Pestel-Institut.
Paradox an diesem Ergebnis ist, dass die eigenen vier Wände bei den meisten Menschen zwar immer noch ganz oben auf der Wunschliste rangieren. Bezahlbar ist der Traum für viele Familiengründer aber nicht. „Gerade die Altersgruppe der 25- bis 40-Jährigen kann sich immer seltener ein eigenes Haus oder eine Eigentumswohnung leisten“, sagt Matthias Günther.
Rund 86.900 Menschen dieser Altersgruppe leben nach Angaben des Pestel-Instituts aktuell im Rems-Murr-Kreis. Immer mehr von ihnen seien allerdings gezwungen, dauerhaft zur Miete zu wohnen. „Dabei gehören gerade Jobstarter und Familiengründer zur typischen Klientel für Wohnungskauf und Hausbau. Diese Generation ist zum Verlierer beim Wohneigentum geworden“, sagt der Chef-Ökonom des Pestel-Instituts.
Aus Sicht des Bundesverbands für den Baustoff-Fachhandel fehlt es vor allem an staatlicher Unterstützung: „Der Bund hat zuletzt die Eigenheimzulage und dann das Baukindergeld abgeschafft – und damit die effektive Förderung von Wohneigentum faktisch eingestellt“, sagt die BDB-Verbandspräsidentin Katharina Metzger. Sie fordert von der Politik, schnell ein Programm für Wohneigentum in die Wege zu leiten: „Notwendig sind direkte Zuschüsse.“ Geld vom Bund also, das auch Durchschnittsverdiener im Rems-Murr-Kreis in die Lage versetzt, endlich eine Chance auf die eigenen vier Wände zu haben.
Schon mit Förderung bedeutet der Entschluss, selbst Wohneigentum zu schaffen, erhebliche Abstriche. Mit ein bisschen „Gürtel enger schnallen“ ist es bei überschaubarem Eigenkapital nicht getan, vom Autokauf bis zur Urlaubsreise belastet ein Eigenheim das Familienbudget über viele Jahre. „Dafür lebt man dann aber auch für Jahrzehnte in den eigenen vier Wänden und zahlt keine Miete mehr“, so Katharina Metzger.
Wichtig sei, dass aus Zuschüssen für den Hausbau kein kompliziertes Bürokratiemonster werden dürfe. „Das Startkapital des Staates muss genauso wie zinsgünstiges Baugeld schnell und einfach bereitgestellt werden“, sagt Hannes Zapf, der Vorsitzende des Dachverbands der Mauerstein-Industrie.
Er fordert, der Bund müsse seine Unterstützung für Wohneigentum langfristig garantieren. „Wer sich entscheidet, Geld für ein Haus oder eine Eigentumswohnung zu sparen, muss sich auch in drei, fünf oder sieben Jahren noch darauf verlassen können, dass die Förderung als feste Zusage des Staates steht“, so Hannes Zapf.
Wer in Rente geht, wohnt sich durch die Miete arm
An die Bundestagsabgeordneten von CDU und SPD appelliert die Präsidentin des Baustoff-Fachhandels Wort zu halten: „Im Koalitionsvertrag steht klipp und klar, dass Wohneigentum gefördert werden soll. Aber wann, wenn nicht jetzt?“, fragt Katharina Metzger.
Solange keine Unterstützung vom Bund komme, liege der Traum von den eigenen vier Wänden weiterhin auf Eis. Immerhin sei Wohneigentum auch fürs Alter wichtig: „Die geburtenstarken Jahrgänge der Baby-Boomer gehen jetzt nach und nach in Rente. Damit haben sie deutlich weniger Geld im Portemonnaie. Die Miete aber bleibt oder steigt sogar“, macht Hannes Zapf deutlich.
Die Folge: Immer mehr Neu-Rentner können sich ihre bisherige Wohnung nicht mehr leisten – sie wohnen sich arm“, sagt Matthias Günther. Für den Chef-Ökonomen des Pestel-Instituts ist die „Wohnarmut im Alter vor allem eine Mieterarmut“. Wer Wohneigentum habe, komme finanziell im Alter deutlich besser über die Runden.