Thomas Schuler ist überrascht, dass sich schon so viele Eigentümer Foto: factum/Jürgen Bach

Der Wohnraum-Kümmerer Thomas Schuler will leer stehende Wohnungen im Landkreis Böblingen an einkommensschwache Menschen vermitteln. Im Interview erzählt er, wie viele Eigentümer schon auf das Angebot angesprungen sind.

Landkreis Böblingen - Eine „Mammutaufgabe“ nennt das Landratsamt Böblingen die Wohnungsnot im Kreis. Diese Not soll auch der so genannte Wohnraum-Kümmerer Thomas Schuler lösen. Zwar hat er schon mit Eigentümern gesprochen, aber die Erfahrung aus anderen Kreisen zeigt: Es kann dauern, bis ein Mieter einzieht.

Herr Schuler, im Landkreis Böblingen stehen laut aktueller Zahlen rund 6000 Wohnungen leer. Um wie viel konnten Sie diese Anzahl schon senken?

Jede leer stehende Wohnung ist eine zu viel – angesichts der Not vieler Menschen, im Landkreis ein angemessenes und bezahlbares Zuhause zu finden. Die Zahl 6000 haben wir als Motivation genommen, das Thema anzugehen. Bei jetzigen Überlegungen spielt die Zahl allerdings keine Rolle mehr. Zurzeit ist noch kein Vermittlungsprozess abgeschlossen.

Der Bondorfer Bürgermeister Bernd Dürr sagte, Ziel der Wohnraumbeschaffung sei es, das Angebot an günstigen Mietwohnungen im Kreis möglichst kurzfristig zu erhöhen. Dann müssten ja schon bald erste Erfolge verzeichnet werden, oder?

Das wäre Turbo. Ich gehe davon aus, dass wir dieses Jahr noch was abschließen, kann aber nicht sagen, wie viel. Es zeigt sich in anderen Landkreisen, dass die Arbeit langsam aufgebaut wird, weil man durch Präsenz erst einmal in den Köpfen der Leute ein Bild aufbauen muss.

Der Verband Region Stuttgart hat ausgerechnet, dass bis 2030 zusätzliche 14 600 Wohnungen im Kreis nötig sind. Wie viele davon wollen Sie vermitteln?

Wir betrachten unser Programm als zusätzliche Initiative, nicht als Teil dieser 14 600, bei denen es um Neubauten geht. Alle, die durch unsere Initiative eine Wohnung kriegen, fehlen nachher bei diesen 14 600. Aber es ist jetzt keine Zahl, an der wir uns orientieren müssen.

Mietgarantie, Sanierungszuschuss, ein Ansprechpartner – das sind Anreize, mit denen Sie Eigentümer überzeugen wollen, zu vermieten. Wie viele sind darauf angesprungen?

Es haben sich inzwischen 14 Eigentümer mit etwa 17, 18 Mietobjekten gemeldet. Wir sind angenehm überrascht. Mit so viel Zulauf hätten wir noch gar nicht gerechnet.

Was hat die Eigentümer überzeugt?

In den meisten Fällen ist es der Gedanke, sich sozial engagieren zu wollen. ‚Wir müssen mit dem kein Geld verdienen’ – heißt es meistens. Häufig sind es Angehörige älterer Eigentümer, die jetzt ins Pflegeheim mussten.

Wie stehen die Chancen, dass bald ein Mieter einzieht?

Sehr gut. Ich bin mit allen im Gespräch. Aber das zögert sich durch die Corona-Pandemie alles ein bisschen raus. Bei manchen Wohnungen sind wir am Planen von Sanierungen. Im Moment stehen 24 potenzielle Mietparteien auf unserer Interessentenliste. Von den Personen her sind es viel mehr, weil es viele Familien sind.

Warum lassen manche Eigentümer ihre Wohnungen leer stehen?

Einige haben schlechte Erfahrungen mit Mietern gemacht oder von schlechten Erfahrungen gehört. Und sie brauchen das Geld einfach nicht. Ich glaube, da gibt’s einige bei uns im Schwobaländle.

Können die Eigentümer Forderungen stellen, welche Art von Mieter es sein soll?

Das ist durchaus möglich. Wir brauchen die Eigentümer für diese Arbeit und deshalb beziehen wir sie weitgehend mit ein, wenn es um die Auswahl der Mieter geht. Ich schlage zwei, drei Wohnungssuchende vor, und der Vermieter lernt diese dann kennen und sucht sich einen aus.

Fragen Sie, wie sich die Wohnungssuchenden in der Vergangenheit als Mieter verhalten haben?

Es ist aufgrund des Datenschutzes nicht möglich, dass wir uns zum Verhalten von Mietern erkundigen. Deshalb sind wir darauf angewiesen, dass die Wohnungssuchenden durch unsere Kooperationspartner weitergeleitet werden. Durch Gespräche mit den Kooperationspartnern und den Betroffenen machen wir uns ein Bild von den Bedürfnissen und etwaigen Problemen. Wir fühlen uns den Eigentümern verpflichtet und wollen ihnen ein höchstes Maß an Sicherheit bieten.

Das heißt, Wohnungssuchende, die schon einmal negativ aufgefallen sind, fallen sofort raus?

Das würde ich so pauschal nicht sagen. Ein Teil dieses Projekts ist, dass wir neu entstandene Mietverhältnisse sozialpädagogisch begleiten. Das heißt: Wenn jemand seine Miete nicht bezahlt und deshalb eine Räumungsklage hat, heißt es für mich nicht, dass der nicht ins Programm kommen kann. Da muss man erst einmal schauen: Wie kommen seine Mietschulden zustande? Kann man da was machen? Ist derjenige kooperationsbereit? Kann man demjenigen Hilfe an die Hand geben, die das Problem letztlich dauerhaft lösen kann? Bisher konnte ich mit jedem Eigentümer offen reden, und sie waren auch ganz aufgeschlossen.

Details zum Projekt „Wohnraum-Kümmerer“

Zur Person
Thomas Schuler (60) ist als so genannter Wohnraum-Kümmerer beim Amt für Soziales und Teilhabe beschäftigt. Zuvor hat er zwei Projekte zur Integration von Langzeitarbeitslosen organisiert, die über mehrere Jahre gelaufen sind.

Wer soll profitieren? Menschen, die unter oder um die jährliche Einkommensgrenze von zum Beispiel 12 000 Euro für einen Ein-Personen-Haushalt, 18 000 Euro für einen Zwei-Personen-Haushalt liegen. Ebenso Transferleistungsempfänger, also Menschen, die von Hartz IV leben, und eine Wohnung suchen.

Leer stehende Wohnungen Laut der vergangenen großen Volkszählung 2011 stehen 6000 Wohnungen im Kreis Böblingen leer. Aktuellere Zahlen gibt es nicht. Die nächste große Volkszählung soll 2022 erfolgen.

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