Wohnserie: Baugemeinschaften in Stuttgart Viele Bauherren versüßen das Heim

Von Akiko Lachenmann 

Silke Koch und Rüdiger Arendt zeigen auf der Baustelle des neuen Olga-Viertels den Plan ihres künftigen Heims. Das nimmt bereits Konturen an (siehe hinten). Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth
Silke Koch und Rüdiger Arendt zeigen auf der Baustelle des neuen Olga-Viertels den Plan ihres künftigen Heims. Das nimmt bereits Konturen an (siehe hinten). Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Wer gemeinsam mit anderen seinen Wohntraum plant und wahr macht, der spart nicht nur eine Menge Geld. Am Ende vieler Debatten um Türgriffe und andere streitbaren Themen weiß er genau, wen er sich ins Haus holt. Ein Besuch bei der Baugenossenschaft Olga 07.

Stuttgart - Bauherren mit Leib und Seele statt anonyme Immobilienspekulanten? Kreative und bezahlbare Architektur statt überteuertes steriles Einerlei? Seit einigen Jahren setzen deutsche Städteplaner auf eine Zielgruppe, um die Symptome des überhitzten Immobilienmarktes abzuwenden: Baugemeinschaften – Gruppen aus privaten Bauherren, die gemeinsam den Wohntraum realisieren.

Für Silke Koch und Rüdiger Arendt ist der Traum zum Greifen nahe. Mit glänzenden Augen stehen die beiden Mitglieder der Baugemeinschaft (BG) Olga 07 vor dem ersten Geschoss ihres entstehenden Mehrfamilienhauses in der Breitscheidstraße im Stuttgarter Westen. Olga 07 wird kein Haus von der Stange, sondern ein Designerstück. „Im Erdgeschoss planen wir einen Gemeinschaftsraum mit Teeküche“, erzählt Rüdiger Arendt. „Und auf dem Dach teilen wir uns eine 80 Quadratmeter große Terrasse mit Garten.“

Von der Familie mit Kleinkind bis zur 70 Jahre alten Dame

„Wir“, das sind 13 Parteien, von der Familie mit Kleinkind bis zur 70 Jahre alten Dame, mit unterschiedlichen Budgets und Bedürfnissen, aber alle mit Gemeinsinn. Seit mehr als vier Jahren kommen sie monatlich zusammen, brüten über Plänen, diskutieren auch mal hitzig und müssen sich am Ende per Abstimmung auf Fensterarten, Türgriffe, Geländerformen und Hunderte anderer Details einigen. In heißen Phasen, wenn Eile geboten ist, wird auch mal über die Umfrageplattform Doodle abgestimmt. Die einfache Mehrheit reicht. „Eine Baugemeinschaft ist nur etwas für Leute, die damit leben können, auch mal überstimmt zu werden“, sagt Silke Koch.

Olga 07 ist nur eine von sieben BGs, die das neue Wohnquartier auf dem ehemaligen Gelände des Olgahospitals beleben werden. 2015 entschied die Stadt nach einem komplexen Verfahren, wer auf dem Stuttgarter Filetstück bauen darf. Dass so viele BGs den Zuschlag erhielten, ist vor allem der Bürgerinitiative Olgäle 2012 zu verdanken, die sich nach Bekanntwerden, dass das alte Olgäle abgerissen wird, für ein buntes, lebendiges Wohnquartier verkämpft hat. „Wir haben uns sehr für diese Form des Bauens stark gemacht“, erinnert sich Arendt, der Sprecher der Initiative ist. Damit ein solch komplexes Projekt wie der Bau eines Wohnquartiers gelingt, bedarf es „einer engagierten Bürgerschaft und motivierter Bauherren, die konstruktiv mit der Stadt zusammenarbeiten“, weiß Arendt.

Freiburg und Tübingen gehören zu den Pionieren

2012 richtete die Stadt eine Kontaktstelle eigens für BGs ein, was nicht zuletzt auf den politischen Wechsel an der Rathausspitze zurückzuführen ist. Seither hat die Stadt bei allen größeren städtischen Entwicklungsarealen BGs zum Zuge kommen lassen. Das sei keine Gesetzmäßigkeit, nicht so wie in Hamburg, betont Michael Kunert, der die Kontaktstelle besetzt. Die Hansestadt hat sich verpflichtet, 20 Prozent aller städtischen Grundstücke an BGs zu verkaufen. In Stuttgart wolle man hingegen von Fall zu Fall entscheiden, so Kunert. In der Vergangenheit lag der Anteil der BGs bei bis zu 40 Prozent.

Als Kunert 2012 als Berater bei der Stadt anfing, genoss die Bauform in der Landeshauptstadt noch Exotenstatus, während sie im benachbarten Tübingen schon zur Normalität gehörte. Die Unistadt gehört neben Freiburg zu den Pionieren der Szene: Bereits Mitte der neunziger Jahre vergab sie einen Großteil ihres ehemaligen Kasernengeländes an BGs. In Stuttgart leiste man dagegen noch „Aufbauarbeit“, wie Kunert sagt. Vor allem mangele es noch an Architekten und anderen Experten, die den BGs Unterstützung anbieten können.

Dabei wächst das Interesse unter Stuttgarts Häuslesbauern, gemeinsame Sache zu machen. „Die Nachfrage übersteigt deutlich das Angebot“, berichtet Kunert. Wer zu den Auserwählten gehören will, muss sich daher durch ein Konzept profilieren. Dazu gehören Gemeinschaftsräume, eine Altersdurchmischung, eine soziale Bandbreite an Bewohnern oder ökologische Aspekte. Die Bereitschaft für den Mehraufwand hat nicht zuletzt finanzielle Gründe: „Man kann bis zu 20 Prozent der Baukosten sparen“, schätzt Kunert. Schließlich falle die Marge für den Bauträger weg. „Außerdem verkauft die Stadt ihre Grundstücke an BGs zu Festpreisen, die sich nach dem Verkehrswert richten.“ Vorher verkaufte die Stadt in der Regel zum Preis des Höchstbietenden.

Neutraler Gruppenleiter fördert die Harmonie unter den Bauherren

Auf der Rückseite der Rechnung stehen eine Menge Zeit und Energie. „Man muss mit drei Jahren rechnen“, sagt Silke Koch – eine Geduldsprobe für Familien mit Platznot. Koch arbeitet für das Stuttgarter Architekturbüro Manderscheid und ist auch die Architektin von Olga 07. Die 43-Jährige bereits mehreren BGs zu Wohneigentum verholfen. Nicht immer verliefen die Planungen harmonisch, erzählt sie. Darum empfehle sie jeder Gemeinschaft, sich einen neutralen Gruppenleiter zu leisten, der die Gemeinschaft berät und betreut.

Vor allem bei der Wohnungsaufteilung könne sich rasch Streit entzünden, wenn der Prozess nicht professionell begleitet werde. „Es gibt durchdachte Fragebögen, auf denen jeder seine Wünsche angeben kann, aber auch Prioritäten setzen muss“, erklärt Koch. Jeder werde so gleichermaßen berücksichtigt. Wenn sich nicht alle Wünsche unter einen Hut bringen lassen, könnten Entscheidungen auch über den Preis geregelt werden. „Wer auf das Penthaus besteht, muss dann eben mehr bezahlen“, gibt sie ein Beispiel.

Zeit und Energie kostet aber auch die Suche nach weiteren Mitgliedern. „Wir haben sechs weitere Bauherren gesucht – und 30 Bewerbungsgespräche geführt“, so Koch. Zu den vielen Sitzungen kommen weitere „Hausaufgaben“: Da das Areal auch eine Tiefgarage, einen Innenhof und eine Grünanlage erhält, wurden Arbeitskreise gebildet, in die jede der sieben BGs Vertreter entsenden musste. So beschwerlich der Weg zum Wohntraum ist, so gering ist das Risiko einer „bösen Überraschung beim Einzug“, sagt Koch. „Das ist die beste Feuerprobe für eine gute Nachbarschaft.“

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