Vermieter haben viel Auswahl an Bewerbern, das Nachsehen haben oft Menschen mit mittleren und kleinen Einkommen. Foto: dpa/Oliver Berg

Eigentum ist kaum zu finanzieren, die Mieten steigen, und immer mehr Menschen sind verunsichert. Zwei Personen auf Wohnungssuche in Ludwigsburg berichten von ihren Erfahrungen – und warum sie sich noch glücklich schätzen.

Christian K. und Gabi B. sind Akademiker, haben ein geregeltes Einkommen und schlagen sich aktuell mit der Wohnungssuche in Ludwigsburg herum. Seit Anfang des Jahres lebt Christian bei seinen Schwiegereltern in Sindelfingen. Jeden Tag pendelt er nach Neckarwestheim, um dort beim Rückbau des Kernkraftwerkes den Strahlenschutz anzuleiten. Der 37-Jährige sucht zwar erst seit einigen Woche ein neues Zuhause für seine Frau und sich, findet den Wohnungsmarkt aber schon jetzt absurd. „Da wird der letzte Schund für einen Haufen Geld angeboten, ein Bad aus den 1980er Jahren als modern beworben, und ein Quadratmeterpreis von 18,90 Euro gilt als moderat.“

 

Gabi B. sucht schon seit einem Jahr für sich und ihre drei Kinder eine größere Wohnung, rund 100 Bewerbungen habe sie bereits rausgeschickt. „Auf die meisten Anfragen bekomme ich nicht mal eine Antwort“, sagt Gabi. 15-mal wurde sie für eine Besichtigung eingeladen, jedes Mal war die Konkurrenz riesig, und die Schulsozialarbeiterin ging leer aus. Mittlerweile greife sie schon zu unkonventionellen Mitteln: „Ich werfe Flyer in Briefkästen oder klingele an Häusertüren, wenn eine Wohnung im Gebäude unbewohnt aussieht.“ Raus aufs Land zu ziehen ist keine Option, „meine Kinder sollen auf ihren Schulen bleiben“, sagt Gabi.

Kaufpreise sinken, Interesse aber noch gering

Die beiden Beispiele zeigen, wie enorm die Probleme bei der Wohnungssuche in Ludwigsburg sind. Der Markt der Neubauten bricht zusammen, die Mieten steigen weiter. Christian K. und Gabi B. sehen sich jedoch als privilegiert. Viel schwieriger haben es Menschen mit niedrigem Einkommen – die müssen Ludwigsburg immer häufiger verlassen, die Stadtgesellschaft verändert sich.

Um den Wohnungsmarkt zu verstehen, lohnt ein Blick in den aktuellen Grundstücksmarktbericht für Ludwigsburg und Umgebung. Obwohl die Preise für Eigentumswohnungen innerhalb eines Jahres um 15 Prozent gefallen sind, halten sich Käufer immer noch zurück. Grund sind hohe Zinsen und teure Handwerkerkosten, die den niedrigeren Kaufpreis wieder zunichtemachen. Der Bericht zeigt zudem, wie Neubauprojekte in Ludwigsburg und Umgebung quasi zum Erliegen gekommen ist. Von 716 verkauften Eigentumswohnungen in 2023 waren nur 49 Neubauten. Ein neuer Negativrekord.

Eigentum wird oberflächlich preiswerter, bleibt aber wenig attraktiv. Das hat Auswirkungen auf den Mietmarkt. Denn Personen, die sich theoretisch Eigentum leisten könnten, bleiben in Mietobjekten wohnen, die der Markt dringend benötigt. Die Nachfrage sei immens hoch, das Angebot verschwindend gering, sagen Mieterbund und Wohnbau Ludwigsburg. 1800 Mietinteressenten zählt die Wohnbau Ludwigsburg aktuell, Tendenz steigend. Die Mieten klettern in die Höhe. In Ludwigsburg seit 2017 um durchschnittlich 14,5 Prozent. Auch in umliegenden Gemeinden wie Freiberg und Remseck ist der Anstieg des Mietniveaus ähnlich schnell.

Bezahlbarer Wohnraum ist immer schwieriger zu finden, mit Auswirkungen auf die Menschen. „Viele unserer Mietinteressenten berichten von einer großen Verzweiflung, da sie trotz intensiver Bemühungen oft keine geeigneten Wohnungen finden“, sagt Andreas Veit, Geschäftsführer der Ludwigsburg Wohnbau. „Dies führt nicht nur zu finanziellen, sondern auch zu einer erheblichen psychischen Belastung.“

Obwohl Gabi B. schon seit einem Jahr nach einer größeren Wohnung für sich und ihre drei Kinder sucht, sei sie immer noch optimistisch. Sie werde nicht aus ihrer jetzigen Wohnung geschmissen, habe einen deutschen Namen und sei im öffentlichen Dienst angestellt – leider seien das alles Vorteile, die andere nicht hätten.

„Ich will mir gar nicht ausmalen, wie schwer es Personen haben, die weniger ‚privilegiert’ sind.“ Die Vermieter hätten eine riesige Auswahl an Bewerbern, das mache wählerisch. Ohne perfekten Lebenslauf falle man direkt aus dem Raster.

Christian K. kenne das aus seinem Bekanntenkreis, alleinerziehende Mütter oder Personen mit ausländischen Namen würden sich viel schwerer tun als jemand wie er – mit deutschem Namen und Doktortitel. Die Suche zeige ihm, was für ein soziales Debakel auf dem Wohnungsmarkt entstanden ist. Dabei nimmt er die Vermieter in die Pflicht: „Ich habe bemerkt, dass Vermieter ihre freien Wohnungen gar nicht aktiv anbieten, sondern nur Wohnungssuchende anschreiben, die ihnen passen.“ Die Vermieter hätten offensichtlich keinen finanziellen Druck und würden den Wohnraum in der Hinterhand behalten. „Für die Gesellschaft ist das natürlich nicht gut“, sagt Christian K.

Christian K. ist auf der Suche nach einer Wohnung in Ludwigsburg. Foto: Emanuel Hege

„Die Mittel- und Geringverdiener bleiben in Regionen wie unserer auf der Strecke“, sagt Eckart Bohn, Vorsitzender des Mieterbundes Stadt und Kreis Ludwigsburg. Sie haben es nicht nur schwerer, eine Wohnung zu finden, die Mietbelastung armutsgefährdeter Menschen liegt laut Sozialministerium Baden-Württemberg bei fast 45 Prozent – die der Gesamtbevölkerung bei nur 28 Prozent. Das habe Folgen für die Stadtgesellschaft. Zwar gebe es noch keine gesicherten Zahlen, der Mieterbund merke jedoch, dass Bürger Städte wie Ludwigsburg verlassen müssen, weil sie sich das Leben dort nicht mehr leisten können. Die Ludwigsburger Stadtgesellschaft verändere sich in Richtung Besserverdiener, sagt Bohn.

Lösungen in Sicht?

Förderungen
 Eine Schlüsselfaktor ist die Wohnbauförderung – vor allem die Förderung von genossenschaftlichem und kommunalem Wohnungsbau. So würden wieder mehr Miet- und Eigentumswohnungen zu akzeptablen Preisen entstehen. Das würde wiederum den gesamten Wohnungsmarkt entspannen. Eckart Bohn vom Mieterbund sieht dabei vor allem das Land in der Pflicht.

Leerstand
 Aktuell stehen 5560 Wohnungen im Landkreis seit einem Jahr oder länger leer. Häufig, weil Eigentümer eine aufwendige Sanierung scheuen. Eine Lösung, die schon andere Städte umgesetzt haben: Die öffentliche Hand bietet Eigentümern an, die Sanierung zu übernehmen und die Wohnung dann gemeinsam zu vermieten.