Architekt und Bauherr Guido Böhning (rechts) und Zimmermann Tobias Bolten vor dem Mehrgenerationen-Wohnquartier. Foto: Simon Granville

Wie aus einer Erbschaft Kreatives wächst: Zwei Geschwister bauen in Perouse vier Mehrgenerationenhäuser. Gesucht sind Mieter mit Wir-Gefühl.

Wie wollen wir leben – heute, morgen, im Alter? In Zeiten gesellschaftlichen Wandels und wachsender Vereinzelung suchen viele Menschen nach neuen Formen des Zusammenlebens. So auch Guido Böhning und seine Schwester Andrea Guyénot-Erath. Lange haben sie überlegt, was sie nach dem Tod der Mutter im Jahr 2021 aus dem familiären Grundstück im Rutesheimer Teilort Perouse, wo sie eine idyllische Kindheit und Jugend inmitten der Natur verbracht haben, machen wollen. Die Antwort fanden sie in ihrem persönlichen Projekt eines Mehrgenerationenwohnens.

 

Ein Stück Wand kann geöffnet oder geschlossen werden

Derzeit entstehen in der Wilhelm-Kopp-Straße, am Ende der Henri-Arnaud-Straße und direkt an der Gemarkungsgrenze zu Heimsheim, insgesamt vier zweigeschossige Einzelhäuser mit insgesamt 17 Wohnungen unterschiedlicher Größe. Eine der Besonderheiten dieses Quartiers ist die Modulbauweise, mit der sich die Wohnflächen je nach den Bedürfnissen der Mieter von 32 bis etwa 120 Quadratmetern variabel gestalten lassen. Hierfür kann ein Stück Wand zu einem weiteren Modul geöffnet, oder aber verschlossen werden. Die dänischen Fenster und Türen lassen sich nach außen öffnen und benötigen keinen Platz im Wohnraum. Zwei Häuser sind barrierefrei. Geheizt wird mit Pellets. Charakteristisch für das Quartier ist der Gemeinschaftsraum, der einem offenen Platz zugewandt ist, der später ein Ort des Austausches und auch der Feste sein soll. Darunter befindet sich eine Tiefgarage mit 18 Stellplätzen.

Über die Häuser gespannte Holzbügel verleihen der Konstruktion etwas Archaisches. „Das hat fast einen scheunenartigen Charakter, wir wollten die Baukörper in die Natur einfließen lassen und nichts Fremdartiges ins Dorf bringen“, sagt der Bauherr Böhning. In einem großzügig gen Süden ausgerichteten Garten wurden große und schützenswerte Bäume wie Ahorn und Linde erhalten. Alle Balkone sind mit dem Blick ins Grüne gerichtet.

Dass Erben friedlich und konstruktiv vonstatten gehen kann, dafür sind die beiden Geschwister der beste Beweis. „Wir wollten das Grundstück auf jeden Fall im Besitz der Familie belassen“, sagt der 61-jährige Guido Böhning. Das sei auch der Wunsch der Eltern gewesen, die zudem die Enkelkinder in das Erbe miteinbeziehen wollten.

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Doch: Sowohl Guido Böhning als auch Andrea Guyénot-Erath leben längst nicht mehr in Perouse. Der zweifache Familienvater hat sein Abitur in Leonberg gemacht. Nach dem Zivildienst studierte er in Stuttgart und Graz Architektur, 1993 zog es ihn nach Berlin, wo er nach wie vor lebt. Seine 65-jährige Schwester Andrea Guyénot-Erath lebt mit ihrer Familie, sie hat sechs Kinder, im nahe gelegenen Schwarzwald - in Bieselsberg bei Schömberg. Sie ist Lehrerin an der Walddorfschule in Calw. In das Wohnprojekt hat sie ihren Schwiegersohn Tobias Bolten mit eingebunden, der gelernter Zimmermann ist, sich um alle Holzkonstruktionen kümmert und schaut, dass alles auf der Baustelle läuft. Er arbeitet vorwiegend mit regionalen Handwerkern zusammen.

Die historischen Strukturen des Grundstücks bleiben erhalten. Foto: Simon Granville

Guido Böhning und Andrea Guyénot-Erath sind im Umfeld mehrerer Generationen aufgewachsen. Auf einem großen Grundstück, das ihre Vorfahren erworben hatten, die als Waldenser aus dem Piemont geflohen waren und sich in Perouse angesiedelt hatten. Bis zur Weltwirtschaftskrise Ende der 1920er Jahre hatte der Ururgroßvater, ein gelernter Goldschmied, im Erdgeschoss seines Steinhauses, das noch immer dort steht, eine Werkstatt eingerichtet. Zu Kindheitszeiten des Geschwisterpaares bewohnte es die Großmutter. Die Urgroßmutter hatte dahinter ihren eigenen Anbau. Guido Böhnings Vater erwarb später eine weitere Ackerfläche und baute darauf 1959 das elterliche Haus. „Wir hatten einen großen Garten und kletterten auf die Bäume“, blickt der Architekt zurück. Er kann sich auch noch gut erinnern, wie die Hühner im Garten herumliefen und die Uroma unterm Birnbaum saß und die Bohnen zupfte. Auch wegen dieser geschichtsträchtigen familiären Vergangenheit war es den Erben ein Anliegen, das Grundstück nicht zu verkaufen. „Unser Elternhaus war allerdings energetisch nicht mehr tauglich, da hätte man einiges investieren müssen – warum dann nicht gleich etwas Neues schaffen?“

Vorfahren flohen aus dem Piemont nach Perouse

Ob das Mehrgenerationenwohnen am Ende auch funktioniert, weiß Guido Böhning noch nicht. „Es ist aber unser Herzensprojekt“, sagt der Architekt, der als Bauherr seine Ideen und Vorstellungen einfließen lassen kann. Etwa 30 Interessierte hätten sich bereits gemeldet. „Alle Bewohner sollten nett sein, ein gewisses Wir-Gefühl mitbringen und Spaß in einem gestalterisch ambitionierten Umfeld haben“, sagt Böhning. Treibende Kraft und kreative Ideengeberin der aktiven Gemeinschaft wird seine Schwester sein. Bei allen Aktionen und Veranstaltungen gelte das Motto „jeder kann, keiner muss.“

Mehrgenerationenwohnen in Perouse

Zeitplan
Das Projekt Mehrgenerationenwohnen in Perouse soll noch in diesem Jahr 2025 fertiggestellt werden.

Kontakt
Weitere Informationen und Kontaktdaten gibt es unter www.mehrgenerationenwohnen-perouse.de im Internet.