Ein WG-Zimmer für 375 Euro warm in ökologisch vorbildlichen Gebäuden: Das findet man im Collegium Academicum in Heidelberg. Menschenscheu sollte man aber nicht sein – und bereit, sich einzubringen. Ein Besuch.
Fünf Waschmaschinen und vier Trockner für 250 Personen. Kann das funktionieren? Offenbar schon. Er habe noch nie länger als eine Dreiviertelstunde warten müssen, bis er seine Wäsche reinschmeißen konnte, sagt Lukas Hesche, 26 Jahre alt und Student. Er wohnt als einer von 250 Menschen in dem Heidelberger Wohnheim Collegium Academicum (CA) – wobei er selbst lieber von Wohnprojekt spricht. Denn auf dem ehemaligen Militärareal im Stadtteil Rohrbach passiert viel mehr, als dass dort „nur“ gewohnt wird.
Die Gebäude gelten zum einen unter ökologischen Gesichtspunkten als vorbildlich, zum anderen kann man dort noch zu bezahlbaren Preisen wohnen: Ein Zimmer in einer Wohngemeinschaft kostet 375 Euro warm. Vor dem Einzug haben künftige Bewohner sowie Freiwillige selbst Teppiche rausgerissen, Wände gestrichen und Möbel gebaut, damit die Kosten so niedrig wie möglich bleiben. Heute leben vor allem Studierende und Azubis dort, aber auch Menschen, die Anspruch auf geförderten Wohnraum haben.
Zudem ist das CA ein Ort für Bildung. Gemeinsam malen, Forró tanzen oder eine Diskussion zum Rechtsruck – solche Events gibt es. Außerdem wird ein Orientierungsjahr für junge Menschen nach der Schule angeboten.
Kein Auto an der Ladesäule, dafür etliche Fahrräder
Der Titel Collegium Academicum klingt dabei viel elitärer als die Realität an diesem wolkenverhangen Donnerstag wirkt. Draußen stehen Wäscheständer herum, auf denen Rucksäcke, Hosen und Pullis trocknen. Bei dem Verschenkregal müsste mal wieder jemand aufräumen, sagt Lukas Hesche nach einem kurzen Blick: Ausrangierte Tassen, ein alter Koffer, eine halbvolle Flasche Olivenöl, zerfledderte Bücher. An den E-Ladesäulen parkt kein einziges Auto, dafür sind die Fahrradständer dicht belegt.
Lukas Hesche führt in seine WG und setzt Teewasser auf. Neben der Tür stehen Pfandflaschen aufgereiht, gegenüber hängt ein Flipchart mit zu erledigenden Haushaltsaufgaben. Hesche wohnt hier unter anderem mit Alyena George (22), einer Physikstudentin. Außerdem kommt Mariella Magić (25) von einem Stockwerk obendrüber zu dem Gespräch dazu. Im CA lernt man sich schnell kennen. „Ich kenne zwar nicht alle mit Namen, aber wenn ich jemanden sehe, weiß ich in der Regel, wofür diese Person zuständig ist“, sagt Lukas Hesche.
Denn Engagement ist Pflicht im CA. Egal ob Reparaturen, Buchhaltung oder Mietanfragen: Darum kümmern sich die Bewohner selbst. Hierarchien gibt es nicht, alle tragen Verantwortung.
Alyena George etwa engagiert sich bei der Initiative Awareness, unterstützt also andere bei mentalen Problemen oder Konflikten und kümmert sich darum, dass sich bei Veranstaltungen alle wohl fühlen. Die 22-Jährige bezeichnet sich als queere Person mit Behinderung. Queer ist ein Sammelbegriff für Personen, die zum Beispiel homosexuell, nonbinär oder trans ist. „Im CA kommen viele marginalisierte Personengruppen zusammen: Menschen mit Behinderung oder Einschränkung, Geflüchtete, Queere“, sagt Alyena George. Sie erklärt sich das damit, dass das CA „progressiver und inklusiver“ als ein typisches Studierendenwohnheim sei: „Diese Menschen fühlen sich hier besser aufgehoben.“
Wahlweise 14 oder sieben Quadratmeter hat ein WG-Zimmer
Bevor Alyena George eingezogen ist, hat sie selbst in so einem „klassischen Studierendenwohnheim“ gewohnt. Wenn dort etwas kaputt ging, habe sich niemand zuständig gefühlt. Über Bekannte verbrachte sie immer mehr Zeit im CA – bis sie sich selbst als Bewohnerin dort bewarb.
Alle drei Monate gibt es Auswahltage für potenzielle Bewohner. Dieses Kennenlernen ist für beide Seiten wichtig, sagt Lukas Hesche: „Bevor man hier einzieht, muss man wissen, worauf man sich einlässt.“ Und das heißt auch: Lust auf Gemeinschaft haben.
Zwar kann sich jeder und jede mal zurückziehen im eigenen WG-Zimmer. Aber groß sind diese nicht: Beim Einzug hat man die Wahl, ob das Zimmer sieben Quadratmeter oder 14 Quadratmeter haben soll. Die Trennwände sind als eine Art Stecksystem veränderbar. Entscheidet man sich für mehr persönlichen Platz, schrumpft die Gemeinschaftsfläche für alle anderen. In sieben Quadratmeter passt aber nicht viel mehr als ein Bett und ein Schrank. „Ich wollte das mal ausprobieren bei meinem Einzug – und habe es nie rückgängig gemacht“, sagt Lukas Hesche. Zum Lernen geht er ins Wohnzimmer, „man lernt, sich aufeinander abzustimmen“.
Mariella Magić hat 14 Quadratmeter für sich. „Ich musste alles aus meinem Kinderzimmer mitnehmen“, sagt sie. Und ihr tue der etwas größere Rückzugsort gut. Wobei so ganz alleine ist sie nie; die Wände sind dünn. „Ich singe gerne und spiele Gitarre – das bekommen die anderen mit.“ Zugleich finde sie es schön, dass „immer Leben sei“ und dass sich jederzeit Interessierte für einen Spieleabend oder Backnachmittag fänden.
Ehrenamtliche standen Woche für Woche auf dem Markt
Es klingt ein wenig wie eine Utopie, was da in Heidelberg zehn Jahre gedauert hat von der Idee bis zur Fertigstellung. Doch die Realität war nicht immer so idyllisch, sagt Henrik Eckhardt. Der 34-Jährige steckt gerade in den letzten Zügen seiner Physik-Promotion, 2013 hat er in einer der WGs in der Heidelberger Altstadt gewohnt, in der die Idee für das Ganze entstand. Sie basierte auf dem „alten“ Collegium Academicum, ein bis 1976 existierendes Wohnheim, das sehr politisch geprägt war: „Dort wurde die Uni-Zeitung geschrieben, die Frauen- und Homosexuellen-Bewegung vorangetrieben. Es war einer der kulturellen Hotspots der Stadt“, sagt Eckhardt. Nach dessen Schließung blieben nur die politisch geprägten WGs übrig. Und dort wurde eine Idee immer konkreter: So etwas wie das alte CA solle es wieder geben.
Die Projektgruppe wurde im Gemeinderat vorstellig, besuchte Sprechstunden des Bürgermeisters und Neujahrsempfänge von Parteien, nahm Kontakt zu Vertretern der Internationalen Bauausstellung (IBA) auf und stand zeitweise jedes Wochenende auf dem Markt mit einem Infostand. „Wir haben gezeigt, dass wir es ernst meinen.“
Lieber hätten sie einen Altbau in der Innenstadt bezogen
Schließlich wurden sie in ein Bundesförderprogramm aufgenommen für innovative Wohnideen in dicht bebauten Städten. Parallel steckten die Ehrenamtlichen ihr weniges Geld in eine mögliche Entwurfsplanung. Mit dem Heidelberger Architekturbüro Gerstner + Hofmeister planten sie die Sanierung des Altbaus. Den Neubau konzipierte der Architekt Hans Drexler, dessen Büro DGJ sich auf energieeffizientes Bauen spezialisiert hat.
Und plötzlich wurde konkreter über Flächen diskutiert. Eigentlich hatten sie sich einen Altbau in der Innenstadt vorgestellt, um keine Fläche auf der grünen Wiese zu versiegeln. Doch als ihnen das Gelände des ehemaligen US-Krankenhauses in Rohrbach gezeigt wurde, erkannten sie: Hier wäre vieles möglich. „Wir wollten zeigen, dass ökologisches Bauen und bezahlbarer Wohnraum zusammengeht“, sagt Henrik Eckhardt.
An manchen Stellen mussten sie Abstriche machen: Obschon der Großteil aus ökologisch zertifiziertem Holz gebaut ist – das Treppenhaus musste zugunsten des Brandschutzes aus Beton errichtet werden. Auch von einer Fassadenbegrünung verabschiedeten sie sich. Und sie mussten mehr Parkplätze einplanen, als sie wollten. „Dennoch wurden hier für die ökologische Bauwende Akzente gesetzt“, findet Henrik Eckhardt.
Halb so viel Wohnfläche wie deutscher Durchschnitt
Sowohl die beiden sanierten Altbauten als auch der Neubau des CA sind so gut gedämmt, dass kaum geheizt werden muss. Der Neubau gilt als Plusenergiehaus. Die Photovoltaikanlage mit Speicher und 180 Kilowattpeak auf dem Neubau liefert bilanziell mehr Strom, als verbraucht wird, der überschüssige Strom wird eingespeist. Die Altbauten wurde auf den Energieeffizienzstandard 55 saniert und haben ebenfalls PV-Anlagen. Für die Trockenbauwände im Altbau wurde gepresstes Stroh verwendet, im Neubau wurde weitgehend auf metallische Verbindungen verzichtet.
Das CA hat bereits mehrere Preise erhalten, zuletzt den deutschen Nachhaltigkeitspreis. Ein Grund dafür war, dass die Pro-Kopf-Wohnfläche mit 23 Quadratmetern weit unter dem Bundesschnitt liegt (48 Quadratmeter). „Trotzdem habe ich das Gefühl, als hätte ich viel mehr Platz zur Verfügung“, sagt Lukas Hesche. Denn Garten, Werkstatt oder Aula darf er jederzeit nutzen – es sei denn, die Aula wird für einige Stunden vermietet, um Geld einzunehmen.
Angewiesen auf Spenden und Direktkredite
Die Kosten für den Neubau lagen bei 21 Millionen Euro, die für den Altbau bei acht Millionen Euro. Und zur Selbstverwaltung des CA gehört auch, dass die Bewohner Verantwortung dafür tragen, dass der Kredit rechtzeitig abbezahlt wird. Deshalb werben sie permanent um Spenden sowie um Direktkredite, also dass Menschen dem CA (für einen gewissen Zeitraum) Geld geben.
Einige Bewohner sparen sogar selbst darauf, einen Direktkredit geben zu können – so wie Lukas Hesche. Ihm geht es dabei auch darum, sich selbstwirksam zu fühlen: „Früher hatte ich das Gefühl, es hat keine große Wirkung, wenn ich Bio-Essen kaufe oder Rad fahre“, sagt er. Im CA habe er den Eindruck, wirklich etwas zu gestalten – zum Positiven.