Die Wohnungs- und Dienstleistungsgesellschaft Fellbach hat in den „Wiesenäcker“ ein Projekt mit 72 Obdachlosen-Appartements realisiert. In einem wohnt Hans-Jürgen Lang. Und er ist glücklich darüber.
Es hat nicht viel gefehlt, und er würde jetzt in Spanien sitzen und sich als Radiomoderator versuchen. In die umtriebige Biografie von Hans-Jürgen Lang, der kein Problem damit hat, seinen vollständigen Namen in der Zeitung zu lesen, hätte dieser Job auch gut hereingepasst. Außerdem liebt er das Meer. Aber das Leben hatte dem 74-Jährigen mal wieder einen Strich durch die Rechnung gemacht.
Sein bisschen Hab und Gut hatte er schon in einen Rucksack gepackt, um sich auf den Weg in den Süden zu machen, da ließ er sich zu einem Zwischenstopp in Offenburg überreden. „Ein Bekannter versprach, mich bei ihm wohnen zu lassen, und wollte, dass ich ihn an meinen Weisheiten, die ich als Gewerkschafter gesammelt habe, teilhaben lasse, aber seine Tochter konnte mich nicht leiden und wollte mich loshaben.“
Plötzlich stand Hans-Jürgen Lang ohne Job und Wohnung auf der Straße
Also stand Hans-Jürgen Lang plötzlich ohne Job und Wohnung auf einer Straße in Offenburg. Im dortigen Sozialamt kaufte man ihm ein Rückfahrticket in den Rems-Murr-Kreis, dort landete er erst im Hotel Kernenturm in Fellbach, später in den Obdachlosenunterkünften in der Bruckstraße. Endstation für den mittellosen Senior? Keinesfalls. Weil die Gebäude in der Bruckstraße sanierungsbedürftig waren und Lang auf einen Pflegedienst angewiesen ist, konnte er Anfang des Jahres in eines von 72 Obdachlosen-Apartments im Neubaugebiet Wiesenäcker ziehen. „Das ist so schön hier. Mir gefällt es super. Ich habe Ruhe und kann rumwurschteln“, sagt Lang.
Das Gebiet Wiesenäcker mit den Obdachlosen-Apartments sowie 34 öffentlich geförderten Wohnungen ist wohl in mehrerer Hinsicht beachtlich. Mit einem Investitionsvolumen von knapp 19 Millionen Euro war es finanziell stattlich – und damit das bisher größte Bauprojekt der auf Initiative von Oberbürgermeisterin Gabriele Zull 2017 gegründeten Wohn- und Dienstleistungsgesellschaft Fellbach (WDF). Zudem bietet es denjenigen ein Dach über dem Kopf, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen. „So ein Bauprojekt entsteht nicht einfach so – es bedarf vieler, die mitdenken und ein Ziel verfolgen. Die auch bereit sind, mal quer zu denken und neue Wege zu gehen“, sagt Zull. Ziel sei gewesen, mit dem Projekt Menschen ein Zuhause zu geben, die kaum eine Chance haben. Menschen wie Lang – Überlebenskünstler, die irgendwann den Punkt verpasst haben, sich sozial abzusichern und eine richtige Existenz aufzubauen.
Doch obwohl der 74-Jährige derzeit in einem Obdachlosen-Apartment lebt, Möbel aus Kartons baut, chronisch krank und auf einen Rollator angewiesen ist und einen Pflegedienst braucht, der ihm hauswirtschaftlich zur Hand geht, hat er seinen Humor nicht verloren. „Die Trillerpfeife, die um meinen Hals hängt, kann ich nutzen, wenn ich durch meinen Diabetes einen Notfall habe“, erklärt er, hebt die Pfeife an die Lippen und grinst. Und auch während er prägende Lebensphasen Revue passieren lässt und erklärt, dass er eigentlich mal vorgehabt habe, mit 50 zu sterben, streicht er sich immer mal wieder gedankenverloren durch den zotteligen Bart und muss herzhaft lachen.
Es sind auch beeindruckende Stationen, die der Mann mit dem Käppi und dem Zigarillo erlebt hat. Umso schwerer fällt es wohl, zu verstehen, dass er obdachlos wurde. Scheinbar wie von selbst fielen dem gebürtigen Karlsruher in seinen besten Jahren Jobs und Ämter zu, und er entwickelte sich zum politischen Mann, zum streitbaren Gewerkschafter – aber auch zum Alkoholiker. Doch der Reihe nach: Mit drei Jahren kommt er nach Stuttgart. Die Mama arbeitet in einer Gaststätte, er geht in Kindergarten und Schule, macht den Hauptschulabschluss. „Dann hatte ich viele Ideen, was ich werden will, unter anderem Tierpfleger, aber meine Mutter hat immer nein gesagt.“ Auch als er sich entschied, Liftboy in einem Stuttgarter Hotel zu werden, war sie nicht begeistert.
Lang jobbte als Kellner, als Barmann, als Koch und bei Dieter Hallervorden
Doch der Sohn setzte sich durch. Er jobbte als Kellner, als Barmann, als Koch – seine Spezialität ist Szegediner Gulasch –, er bewarb sich in einem Pariser Hotel, landete aber stattdessen im Berlin der 1960er Jahre. „Irgendwann ging das Abenteuer los. Ich arbeitete und spielte im Kabarett von Dieter Hallervorden.“ Danach startete er in Stuttgart durch. Jobbte in Jazzklubs, entdeckte so die Liebe zur Musik und übernahm Kneipen – irgendwann war er zuständig für das Schlampazius im Stuttgarter Osten und verlor immer mehr die Bodenhaftung. „Alles wurde überschattet vom Alkohol. Eines Tages habe ich Kaffee mit Weinbrand gemixt und wusste, dass ich ein Problem habe.“ Er schmiss alles hin und bewarb sich bei einer Zeitarbeitsfirma. Doch obwohl er in Arbeit kam und anfing, sich als Betriebsrat zu engagieren, schaffte es der Vater eines unehelichen Kindes nie lange, vom Alkohol wegzukommen und ein bodenständiges Leben aufzubauen. Zuletzt lebte er allein in einem Haus in Waiblingen, das abgerissen wurde. Nun wohnt er auf 20 Quadratmetern. Doch er hadert nicht, sondern hat es sich dort schön gemacht. Pflanzen sind ihm wichtig, und der Fernseher. „Ich habe das Gärtnern angefangen, betreibe eine Facebook-Seite und habe auch sonst viele Ideen, die ich umsetzen will. Hier ziehe ich nicht mehr aus.“
Als Dauerlösung ist das Wohnen in den Obdachlosen-Apartments nicht gedacht
Das wird sich laut Patricia Bordt von der WDF aber nicht verhindern lassen. „Das hier ist als Zwischenstation gedacht, um die Leute aufzufangen. Es ist kein Mietverhältnis, sondern eine Einweisung.“ Langfristiges Ziel sei es, die Menschen in einer eigenen Wohnung oder im Pflegeheim unterzubringen. Damit das klappt, wird eng mit der Erlacher Höhe zusammengearbeitet. „Wir sind für Beziehungs- und Vertrauensaufbau zuständig“, sagt Christina Spaich vom Sozialdienst der Erlacher Höhe. Und was meint Hans-Jürgen Lang? Der lässt die Dinge auf sich zukommen, genießt sein neues Leben und sagt: „Für mich ist jeder Tag ein Geschenk.“
Neues Wohngebiet Im Wiesenäcker
Bauprojekt
In der Ernst-Heinkel-Straße in Fellbach sind auf einer Fläche von knapp 5000 Quadratmetern 72 Obdachlosen-Apartments mit jeweils circa 20 Quadratmetern, 34 öffentlich geförderte Wohnungen zwischen 45 und 100 Quadratmetern sowie 37 Tiefgaragenplätze entstanden. Dazu kommen Fahrradstellplätze. Die Obdachlosen-Apartments wurden bereits belegt, und die ersten Mieter werden ab August in die Wohnungen einziehen. Das Projekt schließt unter dem geplanten Kostenrahmen von 19 Millionen Euro ab.
Sozialprojekt
Das Bauprojekt ist ein Vorhaben, das Beachtung über die Stadtgrenzen hinaus findet. Denn damit wird Fellbach seiner Verantwortung für Menschen gerecht, die dringend eine Wohnung suchen. Und das Wohngebiet wird mit modernstem Energiekonzept versorgt. Mit der Erlacher Höhe wurde ein Sozialkonzept entwickelt, das auf Unterstützung und Perspektiven setzt.