Nur Schüler der Berufsfachschule dürfen im Gebäude in der Bolzstraße in Kornwestheim bleiben. Andere Bewohner landen auf der Straße – und verstehen nicht warum.
Groß oder komfortabel ist das Zimmer im Dachgeschoss nicht, das Rolf Deuschle derzeit noch bewohnt. Doch der 50-Jährige war froh, dass er in den vergangenen drei Jahren eine bezahlbare Bleibe in Kornwestheim hatte. Nun ist der Facharbeiter erneut auf verzweifelter Wohnungssuche. Wie mehrere andere Nachbarn in dem Gebäude in der Bolzstraße 25 hat er die Kündigung erhalten. Damit bekommt Diskussionen um das Gebäude in der Kornwestheimer Weststadt eine weiter Dimension – erst ging es um Flüchtlingsunterbringung, dann gründete sich eine Bürgerinitiative und jetzt beschweren sich die Mieter
Eineinhalb Kilometer von ihrem Ausbildungscampus entfernt, betreibt die Berufsfachschule für Sport, Bewegung und Therapie ein Wohnheim für ihre auswärtigen Schüler. Die angehenden Sport- und Gymnastiklehrer erhalten dort bei Bedarf eine kostengünstige Unterkunft. Nach Angaben der Gluckerschule gibt es auf mehreren Stockwerken insgesamt 78 Zimmer. Küche, Toiletten, Duschen und Aufenthaltsräume müssen sich die Bewohner teilen.
Nur noch 14 Zimmer stehen zur Verfügung
Die Immobilie in der Bolzstraße 25 ist im städtischen Besitz. Im vergangenen Mai hat die Gluckerschule ihren Mietvertrag mit der Stadt gekündigt. Sie hat der Verwaltung mitgeteilt, dass sie über April 2026 hinaus nur noch einen geringen Bedarf an Zimmern haben werde und lediglich die 14 Zimmer im Dachgeschoss samt den Gemeinschaftsräumen anmieten wolle. Das ist in einer Sitzungsvorlage für die Gremien zu lesen.
„Hintergrund ist, dass wir unsere Schülerinnen und Schüler mittlerweile verstärkt aus dem näheren Umfeld beziehen“, heißt es seitens der Gluckerschule. Und weiter: „Da diese keinen Wohnheimplatz benötigen, ist der Bedarf an einer Anmietung des Objekts unsererseits nicht mehr gegeben.“
Die Stadt Kornwestheim sieht in dem aufgelösten Vertrag eine Chance, ihre Geflüchtetenquote aufzubessern. Ende des vergangenen Jahres wurde bekanntgegeben, dass das Gebäude zur Unterkunft umgenutzt werden soll. Einigen Nachbarn gefällt das nicht, sie gründeten die Bürgerinitiative Weststadt.
„Haus war fast immer voll belegt“
Noch ist das Gebäude aber bewohnt. Nicht nur von Schülern der Gluckerschule, sondern seit einigen Jahren auch von externe Personen wie Rolf Deuschle. Er konnte vor drei Jahren einziehen, als er dringend auf der Suche nach einem kostengünstigen Zimmer in Kornwestheim war. Nun seien die externen Bewohner aber plötzlich nicht mehr erwünscht. Er und die anderen hätten Kündigungen bekommen.
„Dabei wurden noch im November neue Mieter für eine befristete Zeit aufgenommen“, sagt der 50-Jährige. Es stimme zwar, dass die Zahl der Schülerinnen und Schüler zurückgegangen sei. „Trotzdem war das Haus fast immer voll belegt“, betont er. Er verstehe nicht, warum er und die anderen kurzfristig ausziehen müssen.
Rolf Deuschle steht nun vor der Herausforderung, bis Ende März eine neue Bleibe finden zu müssen. Er kritisiert nicht nur den Rausschmiss an sich, sondern auch dass er das Schreiben erst im Dezember, kurz vor Weihnachten, erhalten hat – als der Mietvertrag zwischen Schule und Stadt schon längst gekündigt worden war.
„Ich werde obdachlos, damit Obdachlose untergebracht werden.“
Rolf Deuschle, Mieter
Schon vor drei Jahren hat er sich auf die Warteliste der Städtischen Wohnbau Kornwestheim für eine bezahlbare Mietwohnung setzen lassen – bisher ohne Erfolg. Für sein 11 bis 12 Quadratmeter großes Zimmer im Wohnheim in der Bolzstraße bezahlt er aktuell 350 Euro warm. „Ich könnte mir bis zu 800 Euro warm leisten“, sagt er. Doch in diesem Preisrahmen sei es fast unmöglich, ein Zimmer in Kornwestheim und Umgebung zu finden.
Die Gluckerschule wollte eine aktuelle Anfrage zum Thema nicht beantworten. Zu internen Dingen äußere man sich nicht, heißt es. Zuletzt hatte die Schule mitgeteilt, die Kündigung des Vertrags mit der Stadt basiere auf „unternehmerischen Erwägungen“.
Infoabend zur Zukunft der Immobilie
Die Diskussionen um die Immobilie in der Bolzstraße 25 gehen also weiter. Wann der Plan der Stadt in die Tat umgesetzt wird und die ersten Geflüchteten aus der Ukraine und Obdachlose einziehen werden, ist noch unklar. Schon jetzt hinterfragt Deuschle jedoch die Sinnhaftigkeit: „Ich werde obdachlos, damit Obdachlose untergebracht werden.“
Auch die neu gegründete Bürgerinitiative Weststadt-Kornwestheim ist skeptisch – und wünscht sich eine andere Nutzung. Die Verantwortlichen der Initiative sind der Ansicht, dass sich das Gebäude nicht für die Obdachlosen- und Flüchtlingsunterbringung eignet. Um mit allen interessierten Einwohnern in den Dialog zu treten, lädt die Stadt für diesen Montag, 2. Februar, 18 Uhr, zu einem Infoabend in den Festsaal des Kultur- und Kongresszentrums Das K ein.