Noch steht der Hochbunker an der Talstraße leer. Foto: Jürgen Brand

Ein Wohnungsunternehmen will das Bauwerk neu nutzen und dort Wohnungen einbauen. Ein Galerist wollte dort eine Ausstellungsfläche und Wohnateliers schaffen, hat aber das Nachsehen – und verlässt die Stadt.

S-Ost - Die untere Talstraße im Stuttgarter Osten gehört sicher nicht zu den ­1-a-Wohnlagen in der Stadt – zu viel Verkehr, zu schlechte Luft, zu laut. Trotzdem soll es dort in noch nicht ganz absehbarer Zeit ganz besondere Wohnungen geben: in einem Bunker. Die Stadt hat den Hochbunker einem Unternehmen verkauft, „das bereits Erfahrungen in der Umnutzung von ehemaligen Hochbunkern in Wohnungen hat“, wie die Stadt mitteilt. Diese Entscheidung ist ein wesentlicher Grund dafür, dass Sandro Parrotta mit seiner Galerie Parrotta Contemporary Art in der Augusten­straße im Stuttgarter Westen die Landeshauptstadt verlassen wird. Er hatte sich ebenfalls mit einem Konzept für den Bunker beworben, das eine Mischung aus Galerie und Wohnateliers für Künstler vorsah.

Die Bunker gehören seit einem Jahr der Stadt

In Stuttgart gab es 47 sogenannte Schutzbauten. Dazu gehörten Mehrzweckanlagen wie beispielsweise die Tiefgarage am Hauptbahnhof, die in Zeiten des Kalten Krieges eine entsprechende Ausstattung mit Schutztoren und Betten erhalten hatte. Außerdem zählen zu den Schutzbauten Stollen, Tiefbunker und Hochbunker. Nachdem der Bund sein Schutzraumkonzept aufgegeben hatte, wird die Zahl der Schutzbauten bundesweit seit 2008 verringert. In Stuttgart sind seit gut einem Jahr alle diese Schutzbauten entwidmet und gehören der Stadt, die zumindest einige von ihnen nach und nach verkauft. Der Verein Schutzbauten Stuttgart informiert auf seiner Internetseite ausführlich über das Thema und bietet regelmäßig Führungen an.

Wie in anderen Städten werden auch in Stuttgart viele Bunker nicht geschleift (was nicht so einfach ist), sondern für andere Zwecke genutzt. So wird beispielsweise der Tiefbunker unter der Grünanlage an der Hackstraße beim Raitelsberg von Feuerwehr und Rotem Kreuz – wenn auch selten – für Übungszwecke genutzt. Und in dem Hochbunker in exponierter Lage in Steinhaldenfeldmitten in den Weinbergen in Bad Cannstatt sollen hochwertige Wohnungen entstehen.

Für das Galerie-Projekt hätte Parrotta mehr als eine Million Euro investiert

Der Hochbunker an der Talstraße entstand im Jahr 1942. Er hat eine Grundfläche von 470 Quadratmetern, besteht aus zwei Unter- und drei Obergeschossen und – eine Besonderheit – verfügt dank einer nahen Quelle über eine eigene Wasserversorgung. Im Zweiten Weltkrieg fanden dort bis zu 2250 Menschen Schutz vor den Luftangriffen. Die Zivilschutzbindung wurde vor zwei Jahren aufgehoben.

Der Galerist Sandro Parrotta war bereit gewesen, in sein Bunkerprojekt mehr als eine Million Euro zu investieren. Mit dem von einem Berliner Architekturbüro erarbeiteten Konzept wollte Parrotta nicht nur seiner Galerie eine neue Heimat geben, sondern Wohnen, Arbeiten und Ausstellen verbinden und das Quartier, das zu Gaisburg gehört, kulturell aufwerten. Die Atelierwohnungen sollten in den beiden Dachgeschossen entstehen, die Galerie darunter. „Das Kulturamt war hochinteressiert und hat sich dafür eingesetzt“, sagt Parrotta. „Das Konzept wurde von vielen Seiten befürwortet.“ Als aber das Wohnungsbauunternehmen doppelt so viel wie er geboten habe, habe er nicht mehr mithalten können. „Wenn das funktioniert hätte, wäre ich in Stuttgart geblieben“, sagt Parrotta. Stattdessen will er samt Galerie in absehbarer Zeit nach Köln umziehen, um dort ein anderes Projekt zu verwirklichen.

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