Gesa Pauer, Maren Munch, Vicky Schmidt, Florian Budnik (v.l.) und Kater Trotzki sitzen gerne zusammen im gemütlichen WG-Wohnzimmer. Foto: Julia Barnerßoi

Jedes Semester buhlen Studenten um die Plätze in den Wohnheimen und Wohnungen rund um die Universität Hohenheim. Meist kommen am Ende alle irgendwie unter. Zwei Besuche zeigen jedoch: Trotz Wohnungsnot wollen die Studenten keine Zweck-WG.

Hohenheim - Tobias Bodendorf kommt an diesem Mittag zum dritten Mal die Treppe in den ersten Stock hochgestiegen. „Ich habe noch Kräuter der Provence geholt“, sagt er. Sie sollen den Tortillachips-Auflauf verfeinern, den Maria Panzer und Ellen Zeh gerade zubereiten. Bodendorf wohnt mit zwei anderen Mitbewohnern unter den beiden Hohenheimer Studentinnen in dem freistehenden Haus an der Echterdinger Straße. Obwohl die zwei Wohnungen eigentlich getrennt sind, fühlen sich die fünf wie in einer großen WG. „Wir treffen uns oft zum Kochen, Teetrinken oder Feiern“, sagt die 22-jährige Ellen Zeh.

Die Chemie stimmt bei den fünf. Auch wenn sie sich nicht schon seit Jahren kennen. Die drei Köche dieses Mittags sind erst zu Beginn des Semesters eingezogen. Für Tobias Bodendorf ist es die erste WG-

Gemeinsam essen gehört für Maria Panzer, Ellen Zeh und Tobias Bodendorf (v.l.) dazu. Foto: Barnerßoi
Erfahrung. „Ich habe bisher in den Erdhügelhäusern gewohnt“, sagt der 23 Jahre alte Biologie-Student und meint das Studentenwohnheim an der Fruwirthstraße, das diesen Spitznamen trägt. Ellen Zeh und Maria Panzer kannten sich bereits, beide studieren Ernährungsmanagement. Sie hatten Glück bei der Wohnungssuche: Eine gemeinsame Freundin wohnte im Haus an der Echterdinger Straße und sagte ihnen, dass die obere Wohnung frei wird.

Ein klassisches Bewerbercasting

Ein ganz klassisches Bewerber-Casting gab es hingegen bei Vicky Schmidt und Florian Budnik. Sie sind zwei Mitglieder einer Sechser-WG im ehemaligen Bürgermeisterhaus an der Alten Dorfstraße in Birkach. „Wir hatten zu Semesterbeginn drei Zimmer neu zu besetzen“, sagt die 27-jährige Vicky Schmidt. „Im 30-Minuten-Takt haben wir Bewerber eingeladen“, erzählt die Studentin. Zwei der drei neuen Mitbewohner sitzen an diesem Abend bei Tee neben ihr und Florian Budnik im gemeinsamen Wohnzimmer: Maren Munch und Gesa Pauer. Letztere erzählt, dass sie sich sehr wohlfühlt in der neuen WG. Sie gibt aber auch zu, dass sie sich auch im Wohnheim beworben hatte. Zum einen, weil viele ihrer Kommilitonen dort wohnen. „Und so ein günstiges und fertig möbliertes Zimmer ist natürlich auch von Vorteil“, sagt die 23-Jährige.

Die Hohenheimer Wohnheimplätze des Studentenwerks sind immer besonders heiß begehrt und jetzt, zwei Monate nach Semesterbeginn, längst alle weg. „Wir mussten im September einen Bewerbungsstopp einlegen“, sagt Simon Leimig vom Studentenwerk. „Und selbst jetzt sind noch viele auf der Warteliste.“ 114 Studenten hoffen noch auf einen Wohnheimplatz. Günter Wörl hat hingegen nicht den Eindruck, dass nach Semesterbeginn viele Studenten keine Bleibe gefunden haben. „Aber ich kann es nicht mit letzter Gewissheit sagen.“ Er und die Kollegen von der Geschäftsstelle des Allgemeinen Studierendenausschusses (Asta) bieten eine Onlinebörse an; sie vermittelt zwischen Vermietern und Suchenden. Anfang der Woche gab es knapp 80 Angebote – von Plieningen über Birkach, Degerloch, Sillenbuch, Filderstadt, Echterdingen bis nach Nürtingen. Wenn nicht gerade das Semester beginnt, haben Suchende die Wahl zwischen durchschnittlich 140 Angeboten, sagt Wörl.

„Für eine Studenten-WG tut es das so“

Fernab vom Wohnheim sind die Fünfer- wie auch die Sechser-WG mit ihren freistehenden Häusern an ganz besondere Wohnobjekte für Studenten geraten. Zwar sind beide Häuser sanierungsbedürftig, „aber für eine Studenten-WG tut es das so“, sagt Maria Panzer aus der Plieninger Koch-WG. Der große Garten mache das allemal wett. „Im Sommer können wir immer draußen grillen“, sagt Tobias Bodendorf aus der Erdgeschosswohnung. Für die Birkacher WG hat sich der große Garten dagegen schon ein wenig als Fluch erwiesen. „Die Nachbarn hatten sich beschwert, weil wir den Rasen nicht ordentlich gemäht haben“, erzählt Florian Budnik, einer der wenigen in der WG, die berufstätig sind. Der Vermieter hat darum einen Gärtner beauftragt, den die WG nun bezahlen muss.

Außer dem Garten läuft in beiden WGs aber doch alles recht klassisch. Jeder hat sein Fach im Kühlschrank, es gibt einen Putzplan, und sonntagabends sitzen die Bewohner zusammen und gucken Tatort. Nur eines passt vielleicht nicht so ganz und macht andere Studenten sicher neidisch: Beide WGs haben eine Spülmaschine.

Auf den folgenden Seiten berichten unsere Autoren von ihren WG-Erfahrungen

Cedric Rehman – „L’Auberge Espagnole“

L’Augberge Espagnole

Männer-WG: Nichts ist schlimmer, als wenn Machismo auf Trotzköpfigkeit trifft. Von Cedric Rehman

Es hätte so schön sein können. Eine Altbauwohnung im Zentrum Valencias an den Torres de Cuart, den beiden Trutztürmen, die den Eingang zum Barrio Carmen bewachen. Das Carmen ist nicht Soho und Valencia nicht Barcelona. Aber für Valencias Erasmus-Studenten war das Kneipenviertel dennoch die zweite Heimat. Der Film „L’Auberge Espagnole“ hat die zweite Pubertät der Auslandsstudenten in Spanien auf die Kinoleinwand gebracht. Mein von der EU mitfinanzierter Selbstfindungstrip hatte aber eine miefige Note. Und das hatte mit der Altbauwohnung zu tun und ihren Bewohnern.

Man nehme einen Spanier, der am Wochenende in sein Pueblo verschwindet, die Wäsche mitnimmt, aber das dreckige Geschirr dalässt, das er in der Woche angehäuft hat. Man nimmt einen weiteren Spanier, der zufällig Sohn der Vermieterin ist, und der ein Hoheitsrecht für sich beansprucht: niemals einen Lappen in die Hand zu nehmen. Und dann ist da noch der deutsche Neuzugang, dem zwar dem Nationalklischee zufolge ein Ruf von Ordnung vor-auseilt, der aber darauf pfeift. Die beiden spanischen Mitbewohner mögen gehofft haben, dass der Deutsche schon putzen wird. Doch ihre Hoffnungen zerschlugen sich schnell. Wir spielten stattdessen das Spiel, wer den Putzstreik länger aushält. Ich habe selten verloren.

Eveline Blohmer – „Pailetten in der Waschmaschine“

Pailetten in der Waschmaschine

Tänzerinnen-WG: Mitbewohner, die man nie sieht, sollten zu denken geben. Von Eveline Blohmer

Zieht es den jungen Menschen nach dem Schulabschluss in die Ferne, ist die Wohngemeinschaft ein probates Mittel, schnell Anschluss an die Einheimischen zu bekommen. Ist dieser junge Mensch einer Kleinstadt und einem wohlbehüteten Nest entsprungen, kann die geteilte Wohnung darüber hinaus aufklärende Wirkung haben. So geschehen anno dazumal in Barcelona: Ich hatte ein WG-Zimmer in einer sehr schönen Wohnung in sehr guter Lage gefunden und hielt mich für die geborene Großstädterin. Der Vermieter, der einen Büroraum in der Wohnung hatte, war mir auch recht umgänglich erschienen.

Etwas spanisch, pardon, katalanisch kam es mir vor, dass ich von meinen sechs Mitbewohnern nie jemanden zu Gesicht bekam. Aber sie existierten, das bewies der variierende Inhalt des Kühlschranks. Eines Spätnachmittags traf ich dann tatsächlich auf zwei Frauen, die im Wohnzimmer lümmelten. Wir unterhielten uns, ich fragte sie, was sie beruflich machten. Sie seien Tänzerinnen, war die Antwort. Erst sehr viel später konnte ich mir das Grinsen der beiden erklären, mit dem sie auf meine geäußerte Begeisterung für das Ballett reagierten. In diesem Moment erschloss sich mir dann auch der direkte Zusammenhang zwischen ihrem Beruf und den Pailletten, die nach jedem Waschgang an meiner kleinstadtmädchenhaften Kleidung klebten.

Judith A. Sägesser – Männertränen zum Abschied

Männertränen zum Abschied

Züri-WG: Eigentlich wollte ich in meiner WG Schwyzerdütsch lernen. Doch daraus wurde nichts. Von Judith A. Sägesser

Ich werde die Zürcher Zeit niemals vergessen. Rechnerisch verbrachte ich nur ein Semester in der größten (und schönsten) Stadt der Schweiz, doch es hat sich länger angefühlt. Ich war dort zu Hause und nicht nur zu Gast. Im Osten Zürichs habe ich ein WG-Zimmer gefunden.

Zwei junge Männer haben mich aufgenommen, aber eigentlich waren wir ja zu viert, weil der Kumpel mehr da war als weg. Meine Mitbewohner dachten wohl, ich sei ne flotte Putze. Die Enttäuschung konnten sie gut kaschieren. Und wenn sie froh über meine Abreise gewesen sind, dann nur, weil ich sie beim Kartenspielen dauernd abgezockt habe. Denn beim Abschied flossen Tränen – Männertränen. Vorher gab es von ihnen hausgemachtes Zürcher Geschnetzeltes mit frischer Röschti. Röschti sind geraspelte Härdöpfu. Und Härdöpfu sind nichts anderes als Kartoffeln. Ich gebe zu, ich wollte in meinem Auslandssemester Schwyzerdütsch sprechen lernen. Denn verstehen tu ich’s dank meiner Herkunft mütterlicherseits schon immer. Aber dann haben mir meine WG-Kollegen von meiner Zimmervorgängerin erzählt, die dasselbe vorhatte. Und sie haben sich über den Versuch böse lustig gemacht. Also ist mir in der niedlichen Sprache höchstens aus Versehen mal etwas rausgerutscht. Und in der restlichen Zeit habe ich mich über das amüsiert, was sie ihr Hochdeutsch nannten.

Julia Barnerßoi – Schmutziges Geschirr im Bett

Schmutziges Geschirr im Bett

Schmuddel-WG: Als es einmal zum Himmel stank, wurden drastische Maßnahmen ergriffen. Von Julia Barnerßoi

Der Höhepunkt war eine Achter-WG bei München. Inklusive Katz und Hund. Für ein Praktikum musste ich aber nur zwei Monate dort ausharren, das war doch eine Nummer zu viel. Zu Höchstzeiten wohnten übrigens zehn Personen in der Kommune 17, wie sich die WG nannte. Falls falsche Gedanken aufkommen: Der Name war nicht Programm!

Die drei Jahre zuvor in meiner Vierer-WG in Konstanz habe ich dagegen sehr genossen. Wechselnde Mitbewohner haben den Horizont erweitert, die Premiumlage unserer Bude mitten in der Fußgängerzone hat immer für tolle Partys und viel Besuch gesorgt. Lediglich die Sauberkeit war mir stets ein Dorn im Auge. Obwohl wir immer drei Frauen und ein Mann waren, sah es nie so aus. Da wurde das randvolle Haarsieb in der Wanne mit spitzen Fingern rausgeklaubt und nach dem Putzen wieder reingelegt, es sauberzumachen wäre ja so ekelig. Der Ärger gipfelte einmal darin, dass wir einer Mitbewohnerin ihre seit Wochen ungespülten Töpfe ins Bett stellten. Aber so ist das wohl mit Putzplänen in WGs. Wer dran ist, hat zufällig immer keine Zeit.

Mit meinem aktuellen Mitbewohner, der mir allerdings etwas länger, im besten Fall für immer bleiben wird, ist das auch manchmal so. Mein Problem: Ihm kann ich schlecht schmutziges Geschirr ins Bett stellen – ich schlafe auch dort.

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