Die Stuttgarter Wohnungs- und Städtebaugesellschaft entwickelt Mehrfamiliengebäude in der Größe eines Einfamilienhauses. Sie passen zwischen alte Bauten und sind günstig – wie funktioniert das?
Die Stuttgarter Wohnungs- und Städtebaugesellschaft (SWSG) baut jetzt Einfamilienhäuser. Allerdings nur, was die Größe der Gebäude betrifft: In jeden zwölf auf zwölf Meter großen Wohnwürfel passen fünf Zweizimmer- und eine Einzimmerwohnung, also entsteht jeweils ein Haus für elf Menschen.
Gebaut werden sie auch nicht in einem Neubaugebiet auf der grünen Wiese, was unnötig viel CO2 verbrauchen und die Schaffung von Infrastruktur benötigen würde, sondern mitten in der Stadt. Und zwar auf Grünflächen zwischen schon stehenden Wohnriegeln aus den 1950er Jahren.
Nachverdichtung in der Stadt ist ein wichtiges Instrument zur Schaffung neuen Wohnraumes. Dachaufstockungen, die auf solchen alten Mietshäusern auch möglich wären, scheitern zuweilen an der Qualität des Bestands und öfter noch an alten Bebauungsplänen, die eine gewisse maximale Geschosshöhe vorgeben. Da wäre eine grundsätzliches Umdenken seitens der Entscheider in den Städten und Gemeinden vonnöten.
Die SWSG wollte nicht warten und hat ein Nachverdichtungs-Wohnmodul mit dem etwas spröde klingenden Namen „SWSG_EQ12“ entwickelt, das sich als eiermilchlegende Wohnwollsau versucht, um alle aktuellen ökologischen und gesellschaftlichen Erfordernisse der Zeit zu erfüllen: kleine Wohnungen anzubieten, die unterhalb der seit Jahrzehnten steigenden Pro-Kopf-Wohnfläche liegen, schnell gebaut, qualitativ mit Anspruch, ökologisch mit Wärmepumpe, PV-Anlage, Fassadenbegrünung (KfW Wert 40), in Holzhybridbauweise (zertifiziertes Fichtenholz aus Baden-Württemberg, Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Nordrhein-Westfalen) und gestalterisch ansprechend mit vertikalen Holzlamellenfassaden sowie vorgesetzten Balkonen.
Nachverdichtung in Stuttgart mit 220 Wohnungen
Und sozial geförderte Wohnungen sollen es sein, die mit neun Euro pro Quadratmeter auch noch bezahlbar bleiben. 220 solcher Ein- bis Zweizimmerwohnungen sollen von 2025 bis 2027 an sieben Standorten entstehen. Damit das so rasch funktioniert – und die Kosten um 30 Prozent reduziert werden können – sollten langwierige Planungsprozesse vermieden werden.
„Wichtig war uns hierbei“, sagt Samir M. Sidgi, der Vorsitzende der SWSG-Geschäftsführung, „dass wir keine Bestandsbauten abreißen müssen und dass kein neues Baurecht geschaffen werden muss.“ Die Bauten sollten so konzipiert sein, dass sie seriell einsetzbar sind, überall als Nachverdichtungsprojekte passen und die Mindeststandards auf Basis des Einfachen Bauens, des Gebäudetyps E, einhalten
Nicht nur in Stuttgart, auch in Heilbronn werden solche Modulbauten entstehen, die SWSG hat sich mit der Stadtsiedlung Heilbronn zusammengetan, sie wird in den nächsten Jahren an fünf Standorten insgesamt etwa 90 Wohnungen bauen. Sie starten mit fünf Würfeln, die sie bis Anfang 2026 realisieren wollen.
Los geht es in Stuttgart bereits im Sommer im Hallschlag mit fünf Modulbauten, die innerhalb von fünf Monaten gebaut und dann zwischen Wohnriegeln aus der Nachkriegszeit stehen sollen. Den Zuschlag nach einem Wettbewerb erhielt die Firma Nokera aus der Schweiz, das fertigende Werk ist in Magdeburg.
Nun ist beim Modulbau zwar auf der Baustelle kaum mehr Arbeit, was die Nachbarn freut. Doch dafür wird, wie Kritiker sagen, vor allem viel Luft innerhalb der vier Wände durch die Gegend gefahren, wenn vorgefertigte Wohnteile per LKW vom Werk zum Zielort gelangen. Zudem müssen die Lagerhallen entsprechend groß sein. Bei den Modulbauten von Nokera hingegen werden einzelne vollautomatisch vorgefertigte Teile – eine Wand wird laut Firma in 15 Minuten fertiggestellt – zur Baustelle gebracht und dort erst montiert.
Sozusagen in der Art eines Ikea-Schrankes, der in Einzelteilen geliefert und dann zusammengebaut wird, nur dass es sich eben um ein Haus handelt. Was die Schränke betrifft, die „heilige Kuh“ namens Dreimeterschrank-Stellfläche: dafür ist gesorgt in den kleinen Wohnungen, auch in der 36-Quadratmeter-Einzimmerwohnung, die jeweils im Erdgeschoss liegt, weil dort neben dem Eingang Platz für einen Technikraum vorgesehen ist.
Die Zweizimmerwohnungen messen 52 Quadratmeter – sozial gefördert werden könnten 60 Quadratmeter, bei Einzimmerwohnungen 47 Quadratmeter. Samir M. Sidgi: „Uns war es wichtig, nicht ans Limit zu gehen, sondern zu zeigen, dass gutes Wohnen auch auf weniger Quadratmetern möglich ist. Wenn die Wohnung gut geschnitten ist, merkt man kaum, ob es 52 oder 60 Quadratmeter sind.“ Zudem verringern sich mit weniger Quadratmetern der Mietpreis und die Heizkosten.
Umsetzbar ist dies auch dank des Grundrisses mit wenig Verkehrsflächen, den Martin Hasenmaile, Leiter Projektkonzeption bei der SWSG, maßgeblich mitentwickelt hat: Der Wohnungseingang ist mittig, also ist kein langer Flur nötig, um zu den Zimmern zu gelangen.
Offene Wohnbereiche
Neben dem Schlafzimmer mit bodentiefen Fenstern für genügend Licht und der besagten Dreimeterkleiderschrank-Wand gibt es einen offenen Wohnbereich, wie er auch in Einfamilienhäusern geschätzt wird. Neben der Couch passt dort auch noch ein Ess- und Küchenbereich hinein. Das bereits fertig eingerichtete Bad ist mit Waschmaschinenstellplatz geplant.
In den Mini-Abstellraum passen Dinge, die man nicht ständig sehen will. Keller sind aus Kostenspargründen nicht geplant, dafür findet sich auf dem Grundstück dann noch ein Fahrradstellplatz mitsamt kleinen Abstellräumen für jede Wohnung.
Sobald die Module stehen, werden die Altbauten im Hallschlag saniert, Mieter können dann zwischenzeitlich in den neuen Modulen unterkommen. „Sie können dann dort wohnenbleiben oder wieder zurück in ihre Wohnungen ziehen“, sagt Samir M. Sidgi. Und damit die alten Bewohner etwas davon haben, dass ihnen Grünfläche abhanden kommt und sie einige Zeit Baulärm erdulden müssen, soll der Außenbereich insgesamt landschaftsarchitektonisch aufgewertet werden, damit die Wohnqualität für alle steigt.
Info
SWSG
Die Stuttgarter Wohnungs- und Städtebaugesellschaft SWSG hat das Ziel erreicht, bis Ende 2024 rund 20 000 SWSG-Wohnungen im Bestand zu haben. von den 20093 Wohnungen sind mit 3606 die meisten Objekte in Bad Cannstatt, die wenigsten (75) in Plieningen. Für die Jahre 2025 bis 2027 sind 1409 Wohneinheiten geplant, darunter 220 Wohnungen in den Modulwürfeln, die im Hallschlag, Rot, Hausen Dürlewang und Mönchfeld entstehen sollen.