Dagistan Acar sucht für sich und seine Familie händeringend eine Wohnung. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Die Mieten in Stuttgart sind in den vergangenen Jahren um 7,2 Prozent gestiegen. Was macht das mit den Menschen hinter den Zahlen?

Stuttgart - Es sind Menschen wie Dagistan Acar, die den Zahlen im neuen Stuttgarter Mietspiegel ein Gesicht geben: 28 Jahre alt, gebürtiger Stuttgarter, Akademiker, guter Job in Böblingen, verheiratet, ein Kind (acht Wochen alt), 50 Quadratmeter Wohnfläche in einem Altbau in Stuttgart-Vaihingen, Kaltmiete 600 Euro – und mit dringendem Bedarf an einer neuen Bleibe. „Wir suchen seit zwei Jahren eine größere Wohnung“, sagt Acar und berichtet, „dass wir uns überall angemeldet haben“ – bei der Stadt, bei der städtischen Wohnungsbaugesellschaft SWSG, aber überall ohne Erfolg. Zuletzt habe er sich um eine Wohnung in Botnang bemüht. Wegen eines Geschäftstermins habe er kurzfristig nicht an der Besichtigung teilnehmen können, trotzdem habe er größtes Interesse signalisiert, aber von der SWSG eine Absage erhalten – „ohne Angabe von Gründen“. Inzwischen sei er so verzweifelt, dass er bereit sei, seine Not auch öffentlich kundzutun.

Acars Geschichte steht im Widerspruch zu den Zahlen, die der Stuttgarter Ordnungsbürgermeister Martin Schairer am Freitag bei der Präsentation des Mietspiegels 2019/2020 heranzieht, um zu beweisen, dass nicht alles schlecht ist in der Landeshauptstadt. „Laut der letzten Bürgerumfrage sind 82 Prozent der Befragten zufrieden mit ihrer Wohnung. Die, die ein Dach über dem Kopf haben, fühlen sich sauwohl in Stuttgart“, sagt Schairer.

Zweithöchste Steigerung seit 20 Jahren

Gleichzeitig muss der CDU-Mann aber mitteilen, dass das Wohnen in Stuttgart immer teurer wird. In den vergangenen beiden Jahren sind die Mieten in Stuttgart um 7,2 Prozent gestiegen. Über einen Zeitraum von zwanzig Jahren hinweg gesehen sei dies die zweithöchste Steigerung. Nur im Betrachtungszeitraum 2015/2016 seien die Mieten noch stärker gestiegen – nämlich um 7,7 Prozent. Beim letzten Mietspiegel, der vor zwei Jahren vorgelegt worden war, betrug die Steigerung 6 Prozent.Stuttgart ist ein teures Pflaster, das hat sich erneut bestätigt“, sagt Schairer.

Angelika Brautmeier beurteilt die Lage dramatischer. „Wohnen in Stuttgart wird nahezu unerschwinglich“, sagt die Geschäftsführerin des Stuttgarter Mietervereins und eröffnet ihren Blick auf die Zahlen: „Betrug die Durchschnittsmiete zu Beginn des Jahrzehnts noch 7,40 Euro pro Quadratmeter, so liegt sie inzwischen bei 9,60 Euro pro Quadratmeter. Das ist eine Steigerung um 30 Prozent in nur acht Jahren.“ Diese Werte zeigten, „dass der Mietmarkt aus den Fugen geraten ist“. Normalverdiener könnten sich Stuttgart nicht mehr leisten.

Es werden mehr Sozialwohnungen gebraucht

Dem widerspricht Klaus Lang deutlich. Er wolle die Steigerung um 7,2 Prozent nicht schönreden, sagt der Vorsitzende des Haus- und Grundbesitzervereins. Insgesamt halte er die Erhöhung aber für „moderat“. Von einer Explosion der Mieten könne jedenfalls keine Rede sein. Das wäre erst ab einer zweistelligen Steigerung der Fall gewesen. Dies sei den privaten Vermietern zu verdanken. 62 Prozent von ihnen hätten die Preise seit Einzug des Mieters nicht erhöht. „Dieses Ergebnis zeigt, dass die privaten Vermieter im Gegensatz zu den Gewerblichen und Wohnungsunternehmen die bestehenden Möglichkeiten zu Mieterhöhungen bei Weitem nicht ausschöpfen und deshalb nicht als Buhmann taugen“, so Lang. Klar sei aber auch, dass mehr Sozialwohnungen gebraucht würden. Hier sieht Lang die SWSG in der Pflicht. Von den rund 18 000 Einheiten der städtischen Wohnbaugesellschaft seien nur 7000 Sozialwohnungen. „Das ist zu wenig“, sagt Lang und fordert, dass die SWSG „auch ihre normalen Wohnungen günstiger anbietet“.

Dagistan Acar kann weiter hoffen

Dagistan Acar wäre derweil froh, überhaupt ein Angebot zu bekommen. Die Stadt bestätigt, dass seine Familie seit Oktober 2017 „zur Wohnraumvermittlung vorgemerkt“ sei. Die Wohnung in Botnang sei „das erste Wohnungsangebot für die Familie“ gewesen. Die SWSG habe gemäß den städtischen Richtlinien fünf Familien vorgeschlagen bekommen und sich am 11. Dezember für eine andere entschieden.

„Leider kann nur einer zum Zuge kommen“, schreibt auch die SWSG zum Fall Acar und bittet um Verständnis dafür, „dass wir die Gründe für unsere Entscheidung nicht in der Öffentlichkeit erläutern können“. Doch die Hoffnung muss Acar nicht aufgeben. „Sobald in der gewünschten Gebietskulisse wieder eine Dreizimmerwohnung frei wird, wird die Familie wieder ein Wohnungsangebot erhalten“, schreibt die Stadt auf Anfrage unserer Zeitung.

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