Andrea Lautenschlager-Clesle und Axel Clesle in ihrer Wohnung im Bischof-Moser-Haus im Stuttgarter Bohnenviertel. Foto: Max Kovalenko/Max Kovalenko

Betreutes Wohnen als ruhiger Zufluchtsort? Von wegen. Axel Clesle und seine Frau Andrea veranstalten in ihrem Bischof-Moser-Haus im Stuttgarter Bohnenviertel Balkonpartys mit Nachbarn und genießen das Leben, die Kunst – und Freundschaften.

Axel Clesle und seine Frau Andrea sitzen wie jeden Tag um diese Zeit im Café des Bischof-Moser-Hauses, einer Begegnungsstätte für ältere Menschen im Herzen des Bohnenviertels. Die beiden leben im Betreuten Seniorenwohnen. Und für sie ist das alles hier auch ein Atelier und eine Spielwiese. Hier schrieb der 71-jährige Axel Clesle etwa sein Stück „Manaus“, das vor ein paar Monaten Premiere im Theaterhaus feierte – aufgeführt von der inklusiven Theatergruppe Rapsoden aus Stuttgart und der Theatergruppe der Werkstätten Esslingen-Kirchheim. Regie führte seine Frau. Einer der Darsteller war ein gewisser Horst Holzbaur.

 

Vor gut 20 Jahren gründete Clesle, der Stuttgarter Künstler, Autor und Regisseur, das Sommertheater. Daraus entstanden der Verein Kulturinitiative Bohnenviertel und die Rapsoden. Clesles Ziel war es, die Probleme in dem sozialen Brennpunkt Bohnenviertel, das früher selber Rotlichtbezirk war und heute an diesen grenzt, mithilfe der Kunst, insbesondere der Theaterkunst, aufzuarbeiten und das Viertel zu beleben. Er ist hier bekannt wie ein bunter Hund.

Alex Clesle und seine Frau wohnen inzwischen seit drei Jahren im Bischof-Moser-Haus der Caritas. Es war ein Heimkehren, sagt er. „Seit 40 Jahren komme ich ins Bohnenviertel.“ Um zu arbeiten. Seine inzwischen verstorbene erste Ehefrau leitete das Café Brenner, das mitten im Kiez liegt.

Die Entscheidung, die Altbauwohnung an der Olgastraße zu verlassen, ist ihm und seiner zweiten Ehefrau leichtgefallen. „Es war schon toll dort, aber die Energiekosten waren der Wahnsinn“, sagt Clesle. Außerdem seien vier Zimmer auf 120 Quadratmeter angesichts der Wohnungsnot nicht mehr vertretbar. Er habe es als befreiend empfunden, sich zu verkleinern. 3000 Bücher gaben er und seine Frau weg. „Jeden Tag stellten wir einen großen Stapel zum Verschenken raus.“ Irgendwann auch die halbe Stereoanlage.

In der neuen Drei-Zimmer-Wohnung im Bischof-Moser-Haus finden sich nur noch ein Plattenspieler und unzählige LPs sowie Bücher von Autoren, die das Paar persönlich kennt. Und natürlich die eigenen Werke. „Ein paar Kochbücher haben wir auch behalten“, sagt Andrea Lautenschlager-Clesle und lacht. Sie ist mit ihren 60 Jahren die Jüngste im betreuten Wohnen, aber auch sie schätzt die Annehmlichkeiten. „Wir können hier im Café auch mal ein Mittagessen bestellen. Falls was passieren sollte, gibt es den Notfallknopf. Und vor allem bekommen wir täglich Programm geboten.“

Die Wohnungen sind bezahlbar

An der Programmgestaltung sind die beiden nicht unwesentlich beteiligt. Sie haben zusammen mit der Leiterin des Hauses, Heike Gerlach, eine Gesprächsreihe ins Leben gerufen. Eingeladen wurden bereits Politiker und Künstler wie der Krimi-Autor Wolfgang Schorlau und die grüne Landtagsabgeordnete Brigitte Lösch. Auch der Journalist Joe Bauer war schon da. Heike Gerlach ist froh darüber, zumal sie vor einer großen Aufgabe steht. Das Bischof-Moser-Haus soll sich von einer Begegnungsstätte mit vielen Kursangeboten zu einem Stadtteilhaus weiterentwickeln. Gerade im Zuge der Umstrukturierung des Bohnenviertels und der Leonhardsvorstadt – also im Angesicht der zwei ungleichen Gesellen Gentrifizierung und Armut – eine wichtige, anspruchsvolle Aufgabe. „Es muss hier“, sagt Gerlach, „auch weiterhin bezahlbare Wohnungen geben.“

Im Bischof-Moser-Haus kann sie dies dank des sozialen Wohnungsbaus bieten. „Die Bindung läuft 35 Jahre, so lange muss sich der Vermieter, das Stadtdekanat, an bestimmte Preise halten“, sagt Heike Gerlach. Die Mieten seien also entsprechend günstig. So zahlen Clesle und seine Frau für ihre 70-Quadratmeter-Wohnung inklusive Notknopf und Hausmeisterservice monatlich unter 800 Euro. In der Anlage, die sich um einen Innenhof gruppiert, gibt es rund 50 Wohnungen – wenige mit drei Zimmern, ein paar mit zwei, die meisten mit eineinhalb Zimmern. Die Wohnungen sind begehrt.

Ein fescher älterer Herr steuert im karierten Mantel und mit keckem kleinem Hut auf die Gruppe im Café zu. „Ich war gerade beim Arzt“, sagt der 86-jährige Horst Holzbaur mit sonorer Stimme, „er sagt, ich jammere auf höchstem Niveau.“ Holzbaur hebt kurz den Hut, und der Schalk lugt darunter hervor.

Holzbaur hat Clesle inspiriert

Die Drei eint nicht nur der Ort, an dem sie leben, sondern auch eine Freundschaft. Holzbaur hat Clesle zu „Manaus“ inspiriert. Holzbaur war einst Opernsänger, hat es aber nie auf die großen Bühnen dieser Welt geschafft. Auch nicht auf die des Teatro Amazonas im brasilianischen Manaus.

Für den Bau des Opernhauses wurden Architekten, Baumeister, Maler und Künstler aus ganz Europa engagiert. Der in Paris lebende Brasilianer Crispim do Amaral gestaltete das Innere, der Italiener Enrico Mazolani kümmerte sich um das Äußere. Die Decke der neobarocken Haupthalle schmückt das wunderbare Gemälde „A Glorificação das Belas Artes na Amazônia“ (Zum Ruhm der Schönen Künste in Amazonien) von Domenico de Angelis.

Holzbaurs Leben ist ein ähnlich kunterbuntes Allerlei, das sich am Ende zu einem faszinierenden Ganzen fügt. Aufgewachsen in Bad Cannstatt, besuchte er als Knabe den Kinderchor des Südfunks. Dieser finanzierte ihm später sein Studium zum Opernsänger, abbezahlen konnte Holzbaur seine Schulden durch diverse Studioaufnahmen.

Da seine Opernkarriere nicht so erfolgreich verlief wie gehofft und er nicht sonderlich viel verdiente, nahm er irgendwann das Angebot des Stuttgarter Plattenladens Radio Barth an, wo er wegen seiner großen Liebe zur klassischen Musik anheuerte. Innerhalb eines Jahres stieg er zum Abteilungsleiter auf. Dann ereilte ihn ein Angebot vom Kult-Plattenladen Disco Center. Also wechselte er nach München-Schwabing. Bei einem unbezahlten Amerika-Urlaub gefiel es ihm dann in Philadelphia so gut, dass er seinem Arbeitgeber nach München telegrafierte: „Bleibe noch länger.“ Die Antwort kam prompt: „Schade. Du bist gekündigt.“

Viertel ist Durchgangsort für Touristen

Es folgten Stationen auf der griechischen Insel Paros, wo Holzbaur eine Galerie eröffnete, im Stuttgarter Bohnenviertel, wo er einen Lampenladen führte, schließlich in Berlin. Holzbaur ist ein Lebenskünstler, ein Tausendsassa. Er braucht kein Manaus.

Seinen Lebensabend wollte er mit seinem krebskranken und pflegebedürftigen Bruder in Stuttgart verbringen. Bei der Suche nach einem Platz im Betreuten Wohnen stieß er auf das Bischof-Moser-Haus. „Ich stand auf der Warteliste. Jedes Mal, wenn ich in Stuttgart war, setzte ich mich hier in den Innenhof und habe mich dann bei Frau Gerlach gemeldet – bis ich vor zwölf Jahren zusammen mit meinem Bruder eine Eineinhalb-Zimmer-Wohnung bekam“, erzählt er.

Ein Teil des Bischof-Moser-Hauses. Foto: LICHTGUT

Holzbaur pflegte seinen Bruder dort bis zu dessen Tod vor drei Jahren. Seitdem ist er wieder mehr im Viertel unterwegs, das er so liebt. „Das Bohnenviertel ist ein Dorf in der Stadt“, sagt er. Man kennt einander, es gibt noch kleine Laden und Cafés – wenn auch nicht mehr so viele wie früher. Es sei wesentlich ruhiger geworden.

Auch von außerhalb kommen inzwischen weniger Menschen ins Viertel, es ist nicht mehr der Treffpunkt von Künstlern, Arbeitern, Intellektuellen, Trinkern, Diskutanten und Prostituierten. Eher ein Durchgangsort für neugierige Touristen. „Das Bohnenviertel hat trotzdem noch immer etwas Magisches“, sagt Heike Gerlach, die seit fast 30 Jahren im Bischof-Moser-Haus arbeitet.

Mag das Viertel ruhiger geworden sein, Horst Holzbaur ist es noch lange nicht. Zwei Balkonpartys hat er bereits gefeiert, zusammen mit den Clesles und vielen anderen Bewohnern. „Es ging ganz schön lange, und wir waren ganz schön laut“, erzählt er. Am nächsten Tag habe er sich bei seiner Nachbarin entschuldigt. „Das macht nichts“, meinte sie, „ich höre sowieso nicht mehr gut.“ Auch so ein Vorzug des betreuten Wohnens.