Ein Dachausbau hat viele Vorteile: Er schafft in Zeiten des Wohnungsmangels Raum in bereits Vorhandenem – eine Architektenfamilie zeigt ihre Maisonettewohnung im Stuttgarter Süden.
Ein bisschen fühlt man sich schon, als schwebe man über der Stadt, in dieser Maisonette-Dachgeschosswohnung im Stuttgarter Heusteigviertel. So scheint es nur folgerichtig zu sein, dass die Küche quasi eine Bordküche ist: Die Schubladen der Küchenfront sind ehemalige Einsätze für die Flugzeugtrolleys, in denen das Essen und die Getränke serviert werden. Das Gerüst dafür mit einer großen Anzahl an Leisten darin haben Astrid Kirchner und Felix Becker von einem Schreiner bauen lassen. „Diese Kombi aus Handwerkerleistung und Industrieprodukt fanden wir spannend“, sagt Becker.
Kirchner und Becker sind Architekten, sie haben im Jahr 2011 das studio 211 gegründet, ein Planungsbüro für Architektur und Innenarchitektur. Für einen Umbau eines ehemaligen Kirchenraums in eine Wohnung für eine Familie haben sie auch schon Auszeichnungen erhalten.
„Wir bearbeiten Projekte im Bestand von der Kernsanierung bis zur Innenarchitektur“, sagt Kirchner. Und in dieses besagte Objekt im Heusteigviertel – einen Dachausbau, den sie für ihren Vermieter geplant haben – sind sie gleich selbst eingezogen, zusammen mit den zwei Töchtern im Alter von neun und 13 Jahren.
Über den Wolken schwebt oder in einem Wolkenkuckucksheim lebt die Familie indes keineswegs. Statt auf teure und edle Materialien setzen die Architekten auf kluge und praktische Ideen, die deswegen aber nicht weniger ästhetisch sind. Sie verleihen der Wohnung eine sehr unprätentiöse, warme und vor allem lebendige Atmosphäre.
Auch hier gibt es glatte und glänzende Oberflächen, auch hier gibt es schicke Armaturen im Bad. Aber hier gibt es eben auch Macken in den Fachwerkbalken oder alte Türen, dessen neue Lackierung schon wieder Risse bekommt, weil das Holz sich nun einmal verzieht.
„Einfaches Bauen“ nennt sich das Konzept, das in Fachkreisen gerade ein großes Thema ist und den beiden Architekten sehr am Herzen liegt. Dadurch kann man Ressourcen sparen – und Geld. „Wir nutzen nicht nur günstige Materialien, sondern wir wollen in einem Altbau auch nicht alles geputzt und geschliffen wissen, das spart teuere Arbeitsstunden“, sagt Becker. Geschätzt habe die Dämmung des Daches zwei Drittel der Kosten ausgemacht, der Ausbau der Wohnung mit einer Wohnfläche von 115 Quadratmetern nur ein Drittel.
Viel Substanz erhalten
Das Dachgeschoss, das die vierköpfige Familie in dem von 1850/60 stammenden Haus seit zwei Jahren bewohnt, war zuvor keine abgeschlossene Wohnung, sondern eine Art offene Galerie, von der aus einzelne Personal- und Dienstzimmer abgingen. „Im Innenhof war früher eine Fabrik, im Erdgeschoss im Vorderhaus waren die Büros, also das Kontor untergebracht und im ersten Obergeschoss wohnte der Fabrikant“, sagt Astrid Kirchner. Dessen Bedienstete wiederum wohnten im Dachgeschoss.
Das Architektenpaar hat nun durch das Aufstellen einer Wand und das Einbringen einer Wohnungstür eine Wohnung daraus gemacht. Öffnet sich diese Tür, steht man im Flur auf einem alten Holzboden. Rechts und links gehen Zimmer ab, die nicht mit Türen voneinander getrennt sind.
Die alte Bühnentreppe, deren Geländer in einem gedeckten Rotton lackiert ist, führt in das obere Geschoss der Maisonettewohnung, schräg dahinter versteckt sich ein weiterer, durch eine Zimmertür abgeschlossener Raum. „Uns war es wichtig, viel an Substanz zu erhalten“, sagt Becker.
Beim Wohnzimmer, das rechts abgeht, sowie in der Küche linker Hand ist der Boden jeweils etwas erhöht. Man muss über eine Schwelle schreiten, um diese Räume zu betreten. „Das liegt unter anderem daran, dass die alten Böden hier sehr schräg und uneben waren“, sagt Becker.
Man habe sich entschieden, einen Schreiner einen Unterbau zimmern zu lassen, auf den ein matt glänzender, dunkelgrüner Linoleumboden kam. „Linoleum ist viel billiger als Parkett, es ist ein natürliches Produkt – und vor allem hat es direkten Bezug zur Geschichte des Gebäudes, denn Linoleum kam hier im Haus schon im Jahr 1900 zu Einsatz. Das bemerkten wir, als wir Bodenschichten freilegten und Linoleum rauskam, darunter hatte man eine Schicht Zeitungspapier gelegt – datiert von 1900“, sagt Kirchner.
Nicht einmal die Schmelzfuge zwischen den einzelnen Linoleumbahnen haben sie verschweißen lassen. „Wir wollten einfach probieren, ob das auch so geht – und es funktioniert. Man sollte nur keinen Wassereimer umkippen“, sagt Becker.
Sowohl das Wohnzimmer als auch die Küche sind jeweils in zwei Bereiche unterteilt. Das Wohnzimmer in einen – durch die hier platzierte rote Wandfarbe – dunkleren Teil, der von einer schwarzen Ledercouch und vom Fernseher und einer Spielkonsole beherrscht wird sowie in einen Homeoffice-Bereich, der gleichzeitig auch Bibliothek ist.
Möbelstücke wie eine Goofy-Sitzbank sind Hingucker
Strukturiert wird der Raum alleine schon durch die Fachwerkstreben, die sich die Decke entlangziehen und die zudem an den Dachschrägen den Raum abgrenzen. „Dort waren früher die Wände der einzelnen Personalzimmer“, sagt Becker. Die beiden Architekten ließen die Balken freilegen, die noch Markierungen des Zimmermanns und zudem die typischen Macken aufwiesen, die ins Holz geschlagen wurden, damit der Putz besser hält. „Wir haben beschlossen, das alles so zu belassen“, sagt Becker. So haben sie die Balken nur eigenhändig mit „einer riesigen Maschine abgebürstet“.
Unterhalb der großen Fenstern in der Dachschräge zieht sich eine horizontale Verkleidung aus weiß lasierten Multiplex-Birke-Platten entlang, die bis zum Boden reicht. Dahinter verbergen sich eine unverputzte Innendämmung aus Rotkalk, die Heizkörper sowie die Elektrik und Steckdosen. Eine so einfache wie effektive Maßnahme – Teil des einfachen Bauens. Einige auffällige Möbelstücke wie eine Goofy-Sitzbank oder ein Sessel aus Holz mit Aussparungen für Bücher sind bewusst gesetzte Hingucker.
Das Zimmer zur Linken ist die Küche sowie gleichzeitig auch das Esszimmer – hier fällt das Augenmerk zuerst auf den einfachen dunklen Esstisch in der Mitte. An der linken Seite befindet sich besagte Bordküche, die wiederum durch eine Stufe nach unten hin abgesenkt ist. „Darunter befindet sich ein Badezimmer, sodass wir – anders als in den meisten anderen Bereichen – hier keine Schallschutzanforderungen zu erfüllen hatten“, sagt Becker. Auch in diesem Raum gibt es die Holzverkleidung – es verbirgt sich sogar zusätzlich noch der Gefrierschrank dahinter.
Von diesem Raum aus gelangt man zudem in das Bad sowie in die Toilette. Neben der Weiternutzung der alten Treppe im Flur werden auch die vorhandenen Türen wieder eingesetzt. Die Sanitärräume sind mit einem blauem Linoleumboden ausgelegt. Der Ausbau des Bads erfolgte möglichst „budgetschonend unter Nutzung von günstigen Standardfliesen“, sagt Becker. Die blaue Verfugung, passend zur blauen Deckenfarbe, macht das Allerweltsprodukt zu etwas Besonderem. Ausgussbecken mit schwarzer Außenbeschichtung in Verbindung mit den schwarzen Armaturen schlagen eine Brücke zwischen rohen Balken, alten Türen und neuen Produkten.
Hier lassen sich Mädchenmorgenblütenträume spinnen
Erklimmt man die Treppe in das obere Geschoss, gelangt man in das Reich der beiden Mädchen. Vor den beiden rechts und links abgehenden Türen, die je nach Wunsch rot und gelb lackiert sind, ist ein offener gemeinsamer Raum – quasi der Schwesterntreff. Der Boden ist mit blauem Ziegenhaar-Schurwolle-Teppich ausgelegt – auch in den Zimmern der Mädchen, „der auch etwas für den Schallschutz macht“, wie Becker sagt. Auf diesem Teppich liegend und durch das Dachfenster in die Wolken schauend, lassen sich gewiss die schönsten Mädchenmorgenblütenträume spinnen. Manchmal braucht es nicht viel.