Begehrte Hanglage: Stuttarter Architekten konzipierten dieses vieleckige Einfamilienhaus in Wangen im Allgäu. Der Kern des Gebäudes ist aus Beton und die Hülle ist aus Holz. Das Dach ist mit naturbelassenen Aluminium-Schindeln gedeckt. Der Dachbalkon erlaubt Blicke in die Berge. Foto: Michael Schnabel

Wer in Hanglage lebt, darf sich über gute Aussichten freuen. Doch wie bebaut man so ein steiles Gelände? Stuttgarter Architekten konzipierten einen Bau so, dass er sich sanft an den Hügel schmiegt – Einblicke in ein Einfamilienfamilienhaus in Wangen im Allgäu.

Stuttgart/Wangen im Allgäu - Manchmal setzt ein Hindernis besondere Kreativität frei. Weil man länger nachdenken muss, wie man damit umgeht. Wie zum Beispiel baut man ein Haus auf einem extrem steilen Grundstück? Den Hang dem Haus anpassen oder das Haus dem Hang?

 

Indem man die Lage ausnützt und das Gebäude so konstruiert, dass es aussieht, als habe es geradezu gewünscht, sich an einen Hang anschmiegen zu dürfen – so wie das Zuhause einer Familie in Wangen im Allgäu. Entworfen wurde es von einer Architektengemeinschaft, Fabian Evers Architektur und Wezel Architektur, die, in Stuttgart ansässig, mit Hanglagen vertraut sind.

Aluminiumschindeln wie auf einer Berghütte

Von Weitem sieht man nur das Dach silbern leuchten. Biegt man in die Straße ein, steht man vor einem vieleckigen Bau aus Holz mit flachem Giebeldach und vielen verschieden großen Fenstern, der sich sanft in einen Hügel einpasst. Die in den Hügel gebaute begrünte Garage entdeckt man auf den zweiten Blick.

„Das Haus besteht aus einem Kern aus Beton und einer Hülle aus Holz, das Dach ist mit naturbelassenen Aluminium- Schindeln gedeckt“, sagt Fabian Evers, der das 2015 fertiggestellte Projekt maßgeblich betreut hat. „Es bekommt mit der Zeit eine Patina. Aluminium ist leicht und robust und nicht dramatisch teurer als eine herkömmliche Ziegeldeckung. Man verwendet es auch auf Berghütten.“ Passend, schließlich steht das Vieleck am Alpenrand.

Das Gebäude betritt man im untersten Geschoss und steht zunächst in einem kleinen Entree. Neben der Treppe (mit integriertem Stauraum) aus weiß lasierter Weißtanne führt eine Tür in den Hauswirtschaftsteil, damit ist der im Hügel versteckte untere Teil des Hauses gut genutzt. Rechts daneben geht’s in den Spiel- und Schlafbereich für die Kinder.

Imposanter Kamin aus Beton

Da der Bereich komplett abtrennbar ist, lässt er sich, wenn der Nachwuchs erwachsen ist, zu einer Einliegerwohnung machen. Es ist eine ziemlich schicke kleine Einheit: Die Mischung Beton und Holz in den Spiel- und Schlafräumen und viel Farbe im Badezimmer ist reizvoll. Hier hat man sich für einen Boden aus orangefarbener Epoxidharzbeschichtung entschieden, die Einbauschränke sind mit getöntem Glas in der gleichen Farbe beschichtet. Das Vorurteil, Beton wirke ungemütlich, ist widerlegt.

Der Mix aus Holz und Beton dominiert auch im oberen Teil des Domizils. Der offene Küchen- und Wohnbereich ist nur durch die Sitzbank neben einem imposanten Kamin aus Beton getrennt. Der Blick geht von der Küche auf eine grüne Wand, bepflanzt mit heimischen Gewächsen. Vom über Eck verglasten Wohnzimmer aus betritt man die große Terrasse und die Wiese, die leicht abfallend nach unten führt.

Abgesehen von der Terrasse versteckt sich im Dachgeschoss ein uneinsehbarer Balkon. Ein Rückzugsort mit Aussicht auf die Berge. „Die Mischung Holz und Beton gefällt uns, doch Beton als Außenfassade, was auch einmal angedacht war, ist uns dann doch zu krass erschienen“, sagt der Bauherr, der so bescheiden ist, dass er lieber ungenannt bleiben möchte. „Wir wollten ein besonderes Haus, aber nicht zu stark auffallen. Die natürlich verwitterte Holzfassade wirkt jetzt in der grünen Wiese sehr harmonisch.“

Sechs Jahre Vorbereitungszeit

Bei einem Rundgang sieht man dem Architekten und dem Bauherren – den fröhlich durchs Haus tobenden Kindern sowieso – an, dass sie glücklich sind mit dem Gebäude, das auch von einer Jury in dem Architektur-Wettbewerb „Häuser des Jahres“ (nachzulesen im gleichnamigen Buch aus dem Callwey Verlag) gelobt wird.

„Die besonderen Materialien und die sorgfältig geplanten Räume wissen wir immer noch sehr zu schätzen“, bestätigt der Bauherr. „Ein gewisser Gewöhnungseffekt tritt zwar ein, besonders nach einem Urlaub sind wir aber erneut begeistert und freuen uns, zu Hause zu sein.“ Den Spruch, das erste Haus baue man für den Feind, das zweite für den Freund und das dritte für sich selbst, kann er jedenfalls nicht bestätigen: „Wir haben viel Glück mit dem Rohbauer, der Zimmerei und dem Schreiner gehabt.“

Vielleicht ging alles gut, weil die Bauvorbereitungen lange gedauert hatten – sechs Jahre. Das ererbte Grundstück war Teil des großelterlichen Grundstücks. „Ich hatte mich bis dahin noch nicht sehr mit Architektur beschäftigt, aber es interessierte mich, also las ich Bücher, Zeitschriften, habe im Internet recherchiert etc.“, berichtet der Bauherr. Zur Ideenfindung waren er und seine Frau auch in Vorarlberg unterwegs. Die moderne Baukultur in Österreich, die Verwendung regionaler Materialien dort gefielen ihnen.

Ein Baumologe gab Ratschläge

Vor dem Bau war dann auch noch ein Baumologe gefragt. Der alte Baumbestand auf dem Grundstück hinter dem Haus sollte durch die Erdarbeiten am Hang nicht in Mitleidenschaft gezogen werden. „Der Baumologe konnte uns sagen, wie weit der Hang abgetragen werden kann, ohne das Wurzelwerk zu schädigen.“

In dem Wunsch, viele naturbelassene Materialien zu verwenden, auf eine Mischung aus schlicht und raffiniert zu achten, haben sich Bauherr und Architekt offenkundig gefunden. „Das polygonale Haus sieht von jeder Seite anders aus. Wir haben zwei Fensterarten verwendet, einmal großflächig und bündig zur Holzfassade und einmal spielerisch verteilt und innen liegend“, sagt Fabian Evers. „Durch die verschiedenen Fensterarten lassen sich die unterschiedlichen Zonen, öffentliche und private, von außen ablesen. Das Haus bekommt so einen lebendigen Charakter.“

Herumhängen im rot gefärbt Netz

Diese Verbindung von Funktionalität und spielerischer Offenheit ist auch im zweiten Kinderzimmer im oberen Stockwerk verwirklicht: Hier braucht man Mut, ein bisschen jedenfalls. Am Hochbett ist vertikal eine Sprossenleiter angebracht. Die klettert man hinauf, um sich fallen zu lassen – ins rot gefärbte Netz, das hier aufgespannt ist. Das nennt man die Raumhöhe von fünf Metern optimal ausnützen: Unten im Zimmer wird gespielt oder, wenn die Kinder größer werden, am Schreibtisch gelernt. Oben in den Netzen ist genug Raum, um zu schlafen, Spaß zu haben oder, auch im Wortsinn, herumzuhängen.

Die Konzeption dieses Raumes spiegelt jene des Hauses: im Detail durchdacht – mit Höhenunterschieden einfallsreich umgehend.