Von wegen dunkles, muffiges Reihenhaus: beim aufwändigen Umbau eines Reihenendhauses aus den 60ern setzte die Innenarchitektin Anne Prestel auf offene Raumgestaltung. Foto: Stefan Müller-Naumann

So wurde aus einem engen Häuschen aus den 1960er Jahren ein preisgekröntes, großzügiges Zuhause für eine vierköpfige Familie.

München - Kairos nennt man den günstigen Zeitpunkt einer Entscheidung, dessen ungenutztes Verstreichen nachteilig sein kann. In der griechischen Mythologie wurde Kairos als Gott personifiziert. Vielgötterei ist passé, Kairos noch aktuell, zumal bei der Suche nach einem Zuhause.

 

Anne und Martin Prestel hatten zwei Jahre lang immer wieder mal nach einem Haus geschaut. Doch schon vor drei Jahren war es in München so wie heute in vielen Großstädten – „Wenn ich jetzt manchmal ins Internet schaue, werden selbst für baufällige Gebäude horrende Preise aufgerufen“, sagt Anne Prestel.

Ein Haus in der teuersten Stadt Deutschlands

Ein bezahlbares Haus in der teuersten Stadt Deutschlands fand sie so: „Ich hatte gerade Zeit und entdeckte das Inserat im Internet.“ Die berühmte Stecknadel im Heuhaufen, es gibt sie also doch. Wenige Stunden später hatte die vermittelnde Bank das Objekt wieder aus dem Online-Angebot genommen, weil in kurzer Zeit Dutzende Anfragen eingegangen waren.

Und das, obwohl das Reihenendhaus von 1964 in München-Obermenzing schmal und klein wirkte, ja nachgerade hässlich. Ein Fremdkörper in der im 19. Jahrhundert als Gartenstadt entworfenen Siedlung. Die wurde im Westen der Stadt angelegt seit 1892 vom Architekten August Exter mit der Idee einer „Villen-Colonie“ für den „gehobenen Mittelstand“.

Der Plan damals: „Es ist nicht beabsichtigt, städtische Villen zu errichten. Jedes Haus soll nichts anderes sein wollen, als es ist: ein Landhaus. Nur dadurch ist es möglich, mit mäßigen Kosten jedem Haus eine gewisse Vollkommenheit in der äußeren Erscheinung zu geben.“ Trotz hoher Standardisierung in Grundriss und Bauart wurde jedes Haus im Erscheinungsbild individuell entwickelt – „mit großem Reichtum im Detail und fast liebevoller Ausführungsqualität“, sagt Anne Prestel.

Das Reihenhaus war hässlich, aber die Bausubstanz war gut

Längst ist Obermenzing nah an die Stadt herangerückt. Das Haus liegt an der Grenze zu München-Pasing. Doch Grün ist es hier immer noch ein bisschen (jüngst hat ein Bauer ein großes Feld verkauft, das nun mit einer Wohnanlage bebaut wird). Aber es gibt eben auch eine ICE-Bahnstation und einen eigenen Viktualienmarkt. „Man muss nicht wirklich nach München, wir haben hier alles“, sagt Anne Prestel.

Doch was tun mit einem Reihenhaus mit asbesthaltigen Platten an der Außenwand, Fliesenterrasse, Plastikwindschutz über der Eingangstür? Gut, wenn man weiß, was sich aus einem Mauerblümchen machen lässt. Anne Prestel ist Innenarchitektin, ihr Vater Architekt, er hatte die Baupläne und das Gebäude angeschaut und für gut befunden.

Heute strahlt das Haus in Weiß, dazu schicke Holzlamellen als Schiebe-Fensterläden. „Eine Fassade braucht ein Gesicht“, sagt Anne Prestel. Auch der Zaun und der überdachte seitliche Vorplatz aus demselben Material sowie die Läden werten die Häuserreihe auf.

Der alte Windschutz aus dem Baumarkt ist verschwunden. Und die horizontale Holzlatten-Optik der Fensterläden findet bei der Haustür eine konsequente Fortsetzung. Die Hausherrin öffnet die Tür und jeder, der Reihenhäuser kennt, darf staunen: statt eines dunklen schmalen Flurs – Weite und Licht.

Offenes Raumgefühl im Eingangsbereich

„Wir haben die Wand zwischen Flur und der sehr kleinen Küche herausgenommen“, sagt Anne Prestel. Die 1986 geborene Innenarchitektin hat ein Möbel entworfen, das beidseitig bespielbar ist. „Der Block sollte nicht raumhoch sein, damit man das offene Raumgefühl hat.“ Das bedeutet Stauraum auf der Flurseite und Küchenmöbel auf der anderen Seite. Ein Durchbruch in der Wand gibt die Sicht frei auf den Ess- und Wohnbereich bis in den Garten. Noch mehr Licht kommt in den Essbereich durch einen neuen Erker mit bodentiefen Fenstern.

Die Entstehungszeit des Gebäudes hat Anne Prestel mit bedacht, viele Um- und Einbauten in dem Haus wurden zurückgenommen. Die geschwungene Treppe mit dem jetzt wieder in Mode gekommenen Terrazzoboden durfte bleiben. Damals üblich waren auch tiefe Fenstersimse.

Also kam vors Fenster eine Bank, die zudem Stauraum für Kinderkram und Sitzmöglichkeiten bietet, auch wenn die Hausherren gerade eher weniger Zeit haben, im Fenster zu sitzen. Nach dem ein halbes Jahr dauernden Umbau, bei dem auch die Elektrik erneuert und Rohre neu verlegt werden mussten, kam der jüngste Sohn zur Welt.

Ein kinderfreundlicher Garten

„Wir wollen nicht ständig aufräumen, damit alles superschick ist“, sagt Anne Prestel. Das betrifft Innen- und Außenraum: Dort hat die Innenarchitektin eine Holzterrasse auf die alten braun-orangefarbenen Fliesen gelegt, eine grau gestrichene Nische an der Wand setzt einen eleganten Akzent. Das Grün drum herum ist kinderfreundlich: ein Hochbeet, Bambus, Schmetterlingsstrauch, Apfelbaum – und Rasenfläche zum Spielen. Am Zaun hat eine Landschaftsarchitektin zu neuen Büschen geraten. „Die alte Hecke war verholzt“, sagt Anne Prestel, „jetzt blüht in jeder Jahreszeit etwas hier.“

Klar war: „Bunt wird es hier schon durch die beiden Kinder.“ Daher ist die Gestaltung klar, geradlinig und farblich zurückhaltend. „Unser Wunsch war, es soll schlicht, langlebig und gemütlich sein.“ Die billigen Kunststofffenster wurden gegen Holzfenster eingetauscht, dazu passen die Böden aus Eiche geweißt, weiße Einbaumöbel, dezentes Graubraun an der Wand. Anne Prestel: „Je weniger Material man verwendet, desto freier ist man. Man schafft eine schöne Bühne für alles, was man gestalterisch vorhat.“

Dezente Farbgebung bei der Gestaltung

Die dezente Farbgebung setzt sich fort, Farbtupfer sind blaue Sternchen auf Weiß bei den Fliesen an der Wand in der Küche. „Die hatte ich schon seit Jahren auf dem Arbeitstisch liegen.“ Nicht jede Entscheidung sei so leicht gefallen. „Für sich selbst zu gestalten ist schwieriger, weil man keine Vorgaben vom Bauherren hat und aber weiß, wie groß der Markt ist, wie unendlich viele Möglichkeiten es gibt.“

Bei den baulichen Arbeiten hatte der Vater als Architekt einige Vorschläge. Etwa in einem Kinderzimmer die Gauben zu vergrößern, damit die Schrägen nicht so extrem sind. „Ich habe hier viel für meinen Beruf gelernt“, sagt Anne Prestel. Zugleich ist so ein Projekt auch eine gute Möglichkeit zu zeigen, was machbar ist.“

Die Innenarchitektin hat die Umbauten inszeniert

Gesehen wurde das auch schon und ausgezeichnet: mit dem German Design Award Special und dem Iconic Award vom Rat für Formgebung, eine Jury nahm den Umbau auf in die schönsten Interior-Designs 2018 (Callwey Verlag). Dazu kam eine Auszeichnung vom Bund Deutscher Innenarchitekten.

Eindruck gemacht hat dabei sicher auch die Entscheidung, Umbauten nicht zu verstecken, sondern zu inszenieren. „Alles aus Metall, Stahl ist schwarz“, sagt Anne Prestel, der Stahlträger im Erdgeschoss und das Schmuckstück, das vom Arbeitszimmer im ersten Stock unters Dach führt: eine Stahlspindeltreppe. Ein Rückzugsraum ist da oben entstanden mit Platz zum Lesen und Gitarrespielen.

Ein bodentiefes Fenster gibt den Blick frei auf Lindenbäume. Sohn Moritz ist begeistert von den Kränen, die er durch die neu angeordneten Dachfenster erblickt. Auf einem freien Feld in der Umgebung entsteht eine Wohnsiedlung. Um da ein neues Daheim zu finden, werden potenzielle Käufer und Mieter auch eines haben müssen: Kairos.