Die Besitzer des Hauses betonen den Charme des Hauses aus den 50ern mit Accessoires und Möbeln wie den Eames-Stühlen. Beim aufwändigen Umbau wurde auch neues Eichenholz-Parkett verlegt, Terrassentüren sorgen für deutlich mehr Licht im Ess- und Wohnbereich. Foto:  

Es muss nicht immer ein neues Haus vom Architekten sein: So wurde aus einem altmodischen Bau aus den 1950er Jahren ein zeitgemäß stilvolles Einfamilienhaus für eine vierköpfige Familie.

Darmstadt - Das Dach ist leicht vermoost, dafür sehen die Fensterblendläden und die Balkonverkleidung in Gelbgrau filigran und elegant aus. Das könnte das Haus sein, das eine Auszeichnung für die 30 schönsten Wohnkonzepte erhalten hat. Die Hausnummer stimmt, vor der Gartentür haben sich zudem die Architektin Bianca Lautenschläger-Haerlin und der aus Stuttgart stammende Innenarchitekt Ingo Haerlin eingefunden, die seit gut zehn Jahren in Darmstadt unter dem Firmennamen „Design in Architektur“ firmieren.

 

Sie sind mal wieder zu Besuch bei ihren Kunden Denise Annabelle und Martin Weber, die längst Freunde geworden sind, wie beide Paare sagen. „Wir haben ein Haus gekauft, und es gefällt mir gar nicht.“ Mit diesen Worten, erinnert sich Ingo Haerlin, habe Martin Weber den Erwerb eines Hauses aus den 50er Jahren in einem feinen Darmstädter Viertel nahe dem berühmten Jugendstilzentrum Mathildenhöhe verkündet.

Als müssten sie den neuen Besitzern Mut zusprechen, dass aus dem schmucklosen Bau etwas zu machen sei, versicherten die Haerlins ihnen, dass der Kauf ein guter gewesen sei. Ingo Haerlin: „ „Normalerweise werden solche Häuser vererbt oder gehen unter der Hand weg“, sagt Ingo Haerlin. „Die Qualität des Hauses stimmte, und der Grundriss hatte Potenzial.“

Die Familie wollte stadtnah leben

Was nicht immer der Fall ist bei Häusern aus der Nachkriegszeit. Für Möbel aus den 1950er Jahren werden in Antiquitätengeschäften unter dem Label „midcentury“ stolze Preise aufgerufen. Die Architektur hat es schwerer, in der deutschen Nachkriegszeit wurde oft billig gebaut – schlechtes Material und dünne Wände inklusive.

„Wir hatten erst daran gedacht, neu zu bauen oder eine alte Scheune umzubauen, aber die Lage und das Grundstück haben uns überzeugt“, sagt Martin Weber. Wie viele junge Familien heute wollte die Familie stadtnah leben, von ihrem Haus sind sie jetzt mit dem Rad in fünf Minuten in der Innenstadt. Die Maklerin, sagt Martin Weber, habe das Inserat nach vier Stunden wieder von der Homepage genommen, weil es derart viele Anfragen gegeben habe.

Die Webers schätzen zudem die 50er-Jahre-Ästhetik, sie wollten den ursprünglichen Zustand des mehrmals umgebauten Hauses wiederherstellen und an heutige Ansprüche anpassen. „Wir hatten den Webers drei Entwürfe präsentiert, unter anderem die Möglichkeit eines Neubaus gerechnet und waren froh, dass sie nicht abreißen und neu bauen, sondern sanieren wollten“, sagt Bianca Lautenschläger-Haerlin. „Es ist spannend, im Bestand zu arbeiten, mit zeitspezifischen Besonderheiten umzugehen und kreative Lösungen zu finden.“

Glamouröse Gästetoilette

Bis auf die Außenwände blieb nicht viel stehen. „Wir haben erst mal die groben Jungs vom Abbruchunternehmen losgelassen und alles, was markiert war, entfernen und abreißen lassen“, sagt Ingo Haerlin. Wände wurden eingerissen, Stahlbeton-Stützen eingebaut, Fenster versetzt, alle Leitungen neu gelegt, Heizkörperverkleidungen und Fensterbänke aufgearbeitet.

Auf die damals typischen kleinen Bäder hingegen wollten die Hausbesitzer gerne verzichten. Im Erdgeschoss befindet sich nun eine kleine, glamouröse Gästetoilette: anthrazitgrau gestrichen, matte Mosaikfliesen von Mosa und kupferne Vola-Armaturen, ein Kupfer-Handtuchhalter neben dem kleinen Waschtisch vom Schreiner – erhellt von auffälligen Leuchten. „Gerade in kleinen Räumen ist jedes Detail wichtig“, sagt Ingo Haerlin. Im ersten Stock ist ein großzügiges Bad mit Dusche und Badewanne untergebracht. In dem Stockwerk, wo sich auch Schlaf- und Kinderzimmer befinden, bringt ein bodentiefes Fenster am Ende des Flurs Helligkeit ins Geschoss.

Eine stimmige Farbwelt mit Grau- und Grau-Grün-Tönen sowie ein Eichen-Fischgrät-Parkett sorgt im Erdgeschoss für eine gemütlich warme Atmosphäre. „Der Schreiner hat sich da sehr viel Mühe gegeben und das Parkettmuster extra so angelegt, dass es von der Eingangstür aus W-förmig angeordnet ist – W wie Weber“, sagt Denise Annabelle Weber. In einem kleinen Anbau ist noch ein Rückzugsraum die kräftige, petrolfarben gestrichene Wand verschafft der olivgrünen Couch einen dramatischen Auftritt.

Sportlicher Zeitplan für die Sanierung

In der Küche trennte man sich von einer Wand. Koch-, Ess- und Wohnbereich gehen ineinander über, Terrassentüren geben gehörig Licht. Selbstredend sind die Esstisch-Stühle von Charles Eames und Hans J. Wegner aus den 50ern. Die Klassiker wurden kombiniert mit günstigeren Möbeln von Designfirmen wie Atelier Hausmann, Hay und Norr11. „Wir sind schon gestaltungsaffin“, sagt Denise Annabelle Weber, „aber wir haben zwei Kinder und einen Hund, und wir wollen hier ja leben und uns nicht wie in einem Museum fühlen.“

Manche Elemente aus der Zeit wiederherzustellen, sei allerdings schwierig geworden, sagt Bianca Lautenschläger-Haerlin. Der Kamin sollte, wie die Fensterbänke des Gebäudes, mit einer der damals gebräuchlichen Betonwerksteinplatten versehen werden, wurde aber erst nach mehreren Anläufen fertig.

Die Bauherren hatten überdies einen sportlichen Zeitplan für die Sanierung. Im Mai hatten sie das Haus gekauft, an Weihnachten wollten sie einziehen. Das klappte, es musste aber gehörig nachgearbeitet werden. „Die Wände im Erdgeschoss hatten regelrechte Dellen“, sagt Martin Weber, „das Bad haben wir noch einmal komplett neu machen müssen.“ Was zur Folge hatte, um halb fünf Uhr morgens aufzustehen, weil kurz danach das Bad von den Handwerkern besetzt war. „Irgendwann, als das Bad fertig war, fragte meine Tochter, wo denn die Männer seien, die bei uns lebten“, sagt Denise Annabelle Weber mit einem Lachen.

Schreckmoment vor dem Einzug

Einen Schreckmoment habe es noch mal vor dem Einzug gegeben, als sich auf dem Parkett plötzlich schwarze Flecken zeigten. Handwerker hatten während des Streichens der Wände das Schutz-Vlies falsch herum aufgelegt. „Das hat uns schlaflose Nächte gekostet“, sagen die Hausherren. „Man ist irgendwann in den irrsinnigsten Foren unterwegs.“

Ingo Haerlin nickt: „Man leidet da als Innenarchitekt mit und versucht zu helfen. Wir haben uns in technische und chemische Feinheiten eingelesen, damit das Parkett nicht gleich komplett abgeschliffen oder sogar komplett rausgerissen werden musste.“ Ob am Ende Oxalsäure half oder die Reaktion des Eichenholzes mit den Metallsplittern des Recycling-Abdeckmaterials einfach so nachließ – das Parkett wurde jedenfalls gerettet.

Inzwischen taugen derlei Pannen fürs heiter-schaurige Anekdotenerzählen. Auch Innenarchitektur-Auszeichnungen wie in „Best of Interior“ (Callwey Verlag), das „die 30 schönsten Wohnkonzepte“ feiert, sind eine schöne Bestätigung dafür, dass der Umbau des zunächst ungeliebten Hauses eine gute Idee war. Und die Webers haben wertvolle Erfahrungen in Sachen Auswahl der Handwerker gesammelt. Die dürften ihnen nutzen, wenn es irgendwann an den Ausbau des Daches geht.