Spricht man von teuren Mieten, denken die meisten Menschen automatisch an Großstädte wie München, Berlin oder auch Stuttgart. Doch die Entwicklung ist längst auch bei kleinen Städten angekommen, wie ein Beispiel aus dem Kreis Ludwigsburg zeigt.
Seit Tagen liefern sich einige Mitglieder der Facebook-Gruppe „Die Marbacher“ einen teils erbitterten Schlagabtausch. Begonnen hatte alles mit einem Post des Stadtrats Hendrik Lüdke. Zwei Anzeigen in der Marbacher Zeitung hatten seinen Unmut erregt. In jeder davon wurde eine Wohnung samt Garage mit Ladestation zum Erstbezug angeboten. Eine davon mit 107 Quadratmetern zur Kaltmiete von 1950 Euro, die andere mit 130 Quadratmetern zum Kaltmietpreis von 2350 Euro. Zieht man davon die heute üblichen 100 Euro für eine Garage ab, bleibt noch ein Quadratmeterpreis von 17,30 Euro.
Er habe das wegen des „exorbitant hohen Mietpreises“ gepostet, so Lüdke. Er sehe darin „ein starkes Symbol für die wachsende Ungleichheit in unserer Republik“, erklärt er, und weiter: „Da gibt es die Wohlhabenden, die diesen hohen Mietzins bezahlen können, und auf der anderen Seite die vielen, die trotz Full-time-Job nicht einmal netto so viel Geld monatlich verdienen, wie hier für die Wohnungen verlangt wird.“
Wuchervorwurf und Vermieter-Bashing
Der Vermieter liege nur knapp unter der Wuchergrenze, findet eine Nutzerin. Eine weitere befürchtet, die Wohnungen würden bald noch teurer. Und eine dritte fragt, wo bei manchen die Schamgrenze sei. Es fällt aber auch der Vorwurf von „Vermieter-Bashing“.
Laut Mietspiegel der Stadt Marbach liegt der ortsübliche Quadratmeterpreis zwischen stark elf und knapp 14 Euro. Allerdings, darauf weist die für den Mieterbund Kreis Ludwigsburg tätige Rechtsanwältin Andrea Martin hin: Darin sind nur Daten von Wohnungen enthalten, die bis 2021 errichtet worden sind. „Seither hat es jedoch eine heftige Inflation gegeben“, so Martin. „Dies hat natürlich auch auf die Mietzinsen erhebliche Auswirkung.“ Die zwischenzeitlich erheblich gestiegenen Baukosten dürften ebenfalls zur Preistreiberei beitragen. Darüber hinaus seien die beiden Wohnungen mit zwei Balkonen beziehungsweise Terrassen mit Garten, Einbauküchen und Ladestationen ausgestattet. „Hierfür wäre sicherlich ein Zuschlag gerechtfertigt.“
Emotionen kochen hoch
Den Vorwurf des Beinahe-Wuchers kann die Expertin auch nicht bestätigen. Von Mietwucher spreche man, wenn die die ortsübliche Vergleichsmiete um 50 Prozent überschritten werde und der Vermieter eine Notlage des Mieters ausnutze, um diesen überhöhten Mietzins verlangen zu können.
Auf den Immobilienportalen finden sich in Marbach mit seinen stark 15 500 Einwohnern aktuell weniger als zehn Mietangebote. Sie reichen von der Dreizimmerwohnung mit knapp 72 Quadratmetern für 750 Euro kalt bis zur Dreizimmerwohnung mit 59 Quadratmetern kalt für 850 Euro. In anderen Städten im Landkreis sieht es nicht besser aus. Ein Erstbezug in Bietigheim-Bissingen: 1570 Euro Kaltmiete für 111 Quadratmeter, in Markgröningen: 870 Euro für knapp 58 Quadratmeter.
Situation im ganzen Landkreis ähnlich
Generell, da sind sich Experten einig, fehlt es vor allem an bezahlbarem Wohnraum. Daran ist aber die Regierung nicht unschuldig, die in der Vergangenheit Sozialwohnungen verkauft hat. Ende 2020 gab es in Baden-Württemberg noch 54 093 davon. Zur Jahrtausendwende waren es noch mehr als doppelt so viele. Und auch wenn inzwischen neuer bezahlbarer Wohnraum gebaut wird, kann das den Verlust längst nicht auffangen.
Hinzu kommen immer höhere Auflagen der Politik vor allem für Neu-, aber auch für Bestandsbauten, die das Bauen ebenso wie den Gebäudeerhalt immens verteuern. Und wenn nur noch Spitzenverdiener sich Wohneigentum leisten können, wird auch nicht genügend preiswerterer Mietwohnraum frei. Wie stark der Unterschied zwischen geförderten und nicht geförderten Wohnungen sein kann, zeigt ein Mietangebot aus Ludwigsburg: Eine 76-Quadratmeter-Wohnung gibt es für 490 Euro – allerdings nur mit Wohnberechtigungsschein.
Auflagen der Politik und Baukosten treiben die Preise in die Höhe
Laut dem Eigentümerverband Haus und Grund sind die Mieten in den meisten Regionen seit 2015 zwar nicht billiger, aber für Lohnempfänger erschwinglicher geworden. Diese Aussage stützt sich auf die Feststellung, dass die Löhne in diesem Zeitraum im Schnitt um 14,2 Prozent gestiegen seien, die Mieten um weniger als 8 Prozent. Allerdings sagt auch der Verbandspräsident Kai Warnecke, dass Haushalte mit niedrigem Einkommen stark von Wohnkosten belastet seien. Das liege aber allein am Wohnungsmangel und den hohen Kosten energetischer Sanierungen.
Rechtsanwältin Andrea Martin bringt es auf den Punkt: „Die Nachfrage und das Angebot bestimmen auf dem freien Wohnungsmarkt den Preis, wie auch sonst in einer freien Marktwirtschaft, selbst wenn sie sich sozial nennt.“
Mietpreisbremse
In Baden-Württemberg gilt in 89 Kommunen mit besonders angespanntem Wohnungsmarkt noch bis zum 30. Juni 2025 eine Mietpreisbremse. Im Landkreis sind dies die Städte Ludwigsburg, Bietigheim-Bissingen, Kornwestheim und Möglingen. Die Bremse besagt, dass bei Wiedervermietung von Bestandswohnungen die ortsübliche Vergleichsmiete um höchstens 10 Prozent überschritten werden darf. Allerdings gilt sie nicht für Neubauten und auch nicht für umfassend modernisierte Wohnungen.
Mietendeckel
Das Bundesland Berlin hat versucht, mit einem Mietendeckel den Anstieg der Kosten zu begrenzen und zu hohe Mieten reduziert. Allerdings hat das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe den Mietendeckel gekippt. Der Bund als Gesetzgeber habe das Mietpreisrecht im Bürgerlichen Gesetzbuch (BGB) bereits abschließend geregelt.