Aus dunkel und verbaut wird luftig und hell: ein Besuch in dem von der Stuttgarter Architektin Anja Pangerl umgebauten Einfamilienhaus aus den 1980ern in Gerlingen. [Plus-Archiv]
Glanz und Elend liegen oft nah beieinander. Im Neuen Palais im Park Sanssouci in Potsdam zum Beispiel sollten Diener ihre Arbeit erledigen, ohne dass sich die Hausherren davon belästigt fühlen. Deshalb versteckt sich hinter einer Spiegeltür in der repräsentativen Marmorgalerie ein dunkles Treppenhaus mit schäbigen Wänden und Stufen.
Hier hasteten die Angestellten treppauf, treppab, um eine heiße Milch zu reichen oder andere Dienste zu versehen. Prächtige Treppen hingegen waren für die repräsentativen Auftritte der Herrschaften gedacht.
Das Neue Palais wurde 1769 fertiggestellt, rund 150 Jahre später steht die Innenarchitektin und Architektin Anja Pangerl von Blocher Partners aus Stuttgart auch in einem Gebäude mit zwei Treppen.
Einfamilienhaus mit zwei Treppen
Kein Schloss ist es, doch ein großzügiges Einfamilienhaus in Gerlingen, das sich eine geldadelige Familie (der Hausherr war ein Vorstandsvorsitzender, mehr soll nicht verraten werden) in den 1980er Jahren errichten ließ.
Anja Pangerl hat das Haus jetzt für die neuen Besitzer umgestaltet. Und: Die zwei Treppen sind geblieben. Anders als im Neuen Palais in Potsdam sind diese Treppen für alle betretbar, mehr noch, es sind für Showeinlagen geeignete Objekte.
Angefangen hat der Umbau aber anderswo. „Eigentlich wollten wir nur einen offeneren Küchen- und Essbereich“, sagt die Bauherrin bei einer Tour durchs Haus. Direkt nach dem Kauf 2009 hatte die Familie einiges modernisiert, aber die uneinheitliche Fußbodengestaltung, dunkelgrüner Schieferboden, teilweise Parkett und zum Teil verwinkelte Raumanordnungen schienen nicht mehr zeitgemäß.
Glückliche Bauherrin
„Durch Zufall hatte ich Jutta Blocher von Blocher Partners kennengelernt und von dem Renovierungsprojekt berichtet“, sagt die Bauherrin. In Gesprächen sei ihr und ihrem Mann rasch klar geworden: wenn umbauen, dann einmal, und zwar richtig. „Das Projekt ist im Kleinen geboren und etwa Großes geworden“, sagt die Bauherrin. Mit Kran für die Natursteinbodenplatten, mit Bagger im Garten. Während der neun Monate Umbauzeit bezog die vierköpfige Familie eine möblierte Wohnung im Stuttgarter Westen.
„Es war viel zu entscheiden und die Bauphase war natürlich anstrengend, aber je näher das Ende rückte, desto größer wurde die Freude. Ich würde es sofort wieder machen, weil es unglaublich schön geworden ist“, sagt die Bauherrin. Wer wollte widersprechen. Recht gibt ihr auch die Fachjury des Innenarchitektur-Preises „Best of Interior“, die das Projekt als eines der „50 schönsten Wohnkonzepte 2021“ ausgezeichnet hat.
Anja Pangerl sagt: „Ich habe schon beim ersten Besuch im Haus gesehen, es hat Potenzial. Es lohnt sich, mehr Innen- und Außenbezüge herzustellen, Blickbezüge in den Garten, größere Fenster in der Küche. Dazu haben wir sehr gut mit einem Architekten des Bauherren zusammengearbeitet. Das Haus war verbaut. Wir wollten, dass ein Kernelement bleibt, das von schönem Nussbaum ummantelt ist, drum herum wollten wir alles fließend anordnen.“
Kaum öffnet sich die Eingangstür, schaut man jetzt auf hellen Stein und aufs Gartengrün, staunt dann aber sofort über pastellfarbene Glasleuchten (die Lichtplanung hat Candela aus Stuttgart übernommen), die von der Decke herabhängen – und über die erste Treppe. „Diese alte Travertintreppe hatte Schwung“, sagt Anja Pangerl, „sie war aber nicht repräsentativ. Wir haben sie erhalten, wollten jedoch die Grundbewegung nach oben ausformulieren, eben mit einem Geländer aus patiniertem Messing.“ Ein Geländer wie eine Skulptur.
Ein großer runder Spiegel lenkt im Entree zudem den Blick auf eine eingezogene Wand. Dahinter verbirgt sich die Bibliothek, „Bücher sind uns wichtig“, sagt die Bauherrin, „aber wir müssen sie nicht herzeigen.“ Hinter der Bücherwand befinden sich private Räume, darunter ein Arbeitszimmer mit floraler Tapete an einer Wand und bodentiefen großen Fenstern und Schiebetüren geht in Richtung Garten.
Und ein Gästebad mit kupferfarbenem Waschtisch, rosa Bänkchen und einem Schrank mit gefärbtem Spiegel. Das ist schon fast wieder wie in Potsdam: hinter den Spiegeln verbirgt sich nämlich viel Platz – freilich nicht für Dienstbotentreppen, aber für Dinge des Alltags, die man braucht, aber nicht ständig sehen will.
Erst mal aber führt der Hausspaziergang dahin, wo der Umbau seinen Anfang nahm. Die Küche mit Einbaumöbeln und einer Arbeitsfläche mit auffällig gemasertem Stein geht offen über in den Essbereich mit großen Fenstern und Sitznischen.
Das Haus soll den Charakter der Hausherrn widerspiegeln
Bei den Möbeln hat Anja Pangerl beraten, sagt die Bauherrin.„Sie zeigte uns Stoffmuster, Stücke von den Materialien, hat alles gut erklärt. In der Küche zum Beispiel wäre ich selbst nie auf die Idee mit dem Riesentisch gekommen.“Der runde Esstisch in dunkel glänzender Lackfarbe ist auffällig und elegant.
Die restlichen Einbauten und Möbel sind zurückhaltender, denn die Bauherren besitzen viele Kunstwerke und die sollen wirken können. „Wir haben die Kunst gesichtet, die sehr farbenkräftig ist, und haben kleine Details in den Accessoires aufgegriffen und die Werke auch gemeinsam mit den Bauherren im Haus platziert“, sagt Anja Pangerl. „Es ist uns wichtig, dass die Familie sich in dem Haus wiederfindet und wohlfühlt. Mitbringsel, Kunst, Möbel können und sollen den Charakter der Hausherren widerspiegeln.“
Fließende Übergänge in dem Haus in Gerlingen
Küche, Ess- und Wohnbereich wurden geöffnet. Dunkle Holzeinbauten zwischen Küche und Wohnbereich bieten Stauraum, man geht entweder über den hellen Flur in den Wohnbereich mit Kamin und bodentiefer Fensterfront. Oder man geht vom Essbereich ins Wohnzimmer. Da kommt man dann an der zweiten Treppe vorbei. Eine schlichte Holztreppe mit Kunst an den Wänden.
Für Anja Pangerl keine Frage, dass auch diese Treppe erhalten bleibt. „Anders als die dominante, extrovertierte Wendeltreppe ist diese introvertiert, ermöglicht leises Nach-oben-Gehen. Wir haben sie klarer und puristisch gestaltet mit eingespannten Stufen und einer seitlichen Lichtinszenierung. Es ist auch ein Ort, wo man kurz hinsitzt und für sich sein kann. Das Haus soll nicht nur offen repräsentativ sein, sondern auch Rückzugsmomente haben. Das müssen nicht immer Zimmer sein, das können auch Zwischenorte wie so eine Treppe sein.“
Die Zimmer oben sind klar angeordnet, zwei Kinderzimmer links, rechts das Elternschlafzimmer mit begehbarem Schrank – und mit schickem Bad. „Das Bad war klein im Verhältnis zum riesigen Schlafbereich“, sagt Anja Pangerl. „Wir haben die Installationen nicht verändert, aber in den Raum eingebunden. Dazu haben wir die Dachfenster neu angeordnet, damit sie eine Symmetrie mit der Badewanne bilden. Gegenüber ist die vorgestellte Wand mit Waschbecken und dahinter die Dusche. Das Bad hat so unglaublich an Qualität gewonnen.“
Platz im Schlafzimmer ist außerdem für einen begehbaren Kleiderschrank mit einer schönen Nische ist auf der gartenzugeneigten Seite, praktisch und uneinsehbar. Eine kleine Treppe im Schlafzimmer führt bis unters Dach. Platz für Yogaübungen, vielleicht. „Ich habe noch nicht entschieden, was ich mit dem Raum mache“, sagt die Bauherrin. Schön, wenn in einem so elegant geplanten Gebäude immer noch Raum für Gedanken und Veränderungen ist.
Dieser Text erschien erstmals am 22.07.2022.
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