Wie Architekten wohnen: Thomas Finckh experimentiert mit Materialien und schafft so ein kostengünstiges und lichtdurchflutetes Einfamilienhaus in Esslingen.
Esslingen am Neckar - Direkt am Ende der Straße beginnt die Natur: Wilde Pflaumenbäume, ein Bach, Wiesen, dazwischen ein Gärtchen, in dem ein älteres Ehepaar schweigend Rasen mäht und Unkraut zupft. In dem Viertel auf der oberen Esslinger Halbhöhe, das ans Grüne angrenzt, herrscht architektonische Vielfalt, Ein- und Mehrfamilienhäuser aus den vergangenen Jahrzehnten mit Gartenzwerg und ohne, mit Sattel- oder Flachdach.
Und dazwischen das: ein futuristisch anmutender, schmaler, gläserner Kubus – heute verschattet durch Jalousien, es ist heiß draußen.
Der Hausherr Thomas Finckh steht einige Stufen weiter oben und winkt den Besuch hinein. Gitterroste, wie über der Wiese schwebend, damit die Natur darunter atmen kann, geht man Stufen den Hang hinauf und betritt - kein Laboratorium, sondern ein Haus.
Aber doch auch ein bisschen Forschungsstation, denn wenn ein Architekt für sich selbst baut, geht das, mit Material, mit Formen experimentieren - und mit einem eigentlich unbebaubaren Grundstück zurechtkommen.
Ein Haus auf einer ehemaligen Stichstraße
„Restgrundstück“ nannte sich das im Internet angebotene Grundstück, das günstig, weil handtuchschmal, war. „Ich dachte, wie sollen wir hier wohnen?“, erinnert sich die Bauherrin Kirstin Finckh und blickt mit einem Lachen den Bauherren – und Architekten – Thomas Finckh an. Der sagt: „Ich dachte, super Grundstück! Darauf können wir architektonisch reagieren. Das wird mein neues Zuhause.“
Sein Haus steht auf einer ehemaligen Stichstraße. Das ist also ein Beispiel für kluge Nachverdichtung in einem Ballungsraum. Als einst der Hügel über Esslingen am Neckar bebaut wurde, führten kleine Straßen von den schon erschlossenen Wegen hinauf zu weiter oben liegenden Grundstücken. Irgendwann bekamen die Häuser dort eine direkte Zufahrtsstraße, so geriet die Stichstraße zum verwilderten Restgrundstück. Mit dem keiner etwas anfangen konnte.
Thomas Finckh: „Man spricht ja jetzt im Zuge der Klimadebatte immer viel davon, dass Einfamilienhäuser nicht nachhaltig sind. Ich finde aber: erstens, wenn Einfamilienhäuser gut gebaut sind, bleiben sie lange erhalten und werden nicht so schnell durch neue ersetzt. Und zweitens ist es doch auch immer die Frage, wie groß der ökologische Fußabdruck ist.“
Weniger als 40 Quadratmeter pro Person
In dem Fall ist er 4,70 Meter breit, 14 Meter lang. Denn da zu den Nachbargrundstücken je 2,50 Meter Grenzabstand eingehalten werden müssen, war angesichts der 9,70 Meter breiten Straße mehr nicht machbar. Hier lebt auf 150 Quadratmetern eine vierköpfige Familie – das sind nicht mal 40 Quadratmeter pro Person, damit liegen die Finckhs unter dem Durchschnittsverbrauch von 47 Quadratmetern pro Person in Deutschland.
Und im Gartengeschoss ist sogar noch Platz für eine Einliegerwohnung mit Terrasse. Auf der es sich unbeobachtet sitzen lässt, weil sie sich hinter der Box für die Fahrräder geschützt liegt.
Keineswegs beengt fühlt man sich im Passiv-Energie-Haus, das sich quasi in den Südhang hineinschiebt. Drinnen ist es angenehm kühl, ganz ohne Klimaanlage, dank einer Geothermie-Wärmepumpe, die im Sommer kühles Wasser durch die Heizschlangen-Leitungen pumpt und den nur mit abgeschliffenem und hydrophobiertem Betonestrich versehenen Boden kühl hält. Brauchwasser wird für die Dusche verwendet. Man kommt mit rund 45 Euro Heizkosten pro Monat im Jahresdurchschnitt aus – inklusive Einliegerwohnung.
Helligkeit durch Licht und Polycarbonat
Helligkeit kommt ins Haus, weil die Nord-Süd-Traufseiten vollflächig mit Glas verkleidet sind. Die laborhafte Anmutung des Hauses ist der seitlichen Fassade geschuldet: an den Giebelseiten wurde experimentiert, sie wurden mit vollflächig transluzentem, hochdämmendem, sechs Zentimeter starken Polycarbonat verkleidet. Sie bringen Licht, aber verhindern unerwünschte Blicke von und zu den fünf Meter entfernten Nachbargebäuden.
Glas und Polycarbonat umhüllen also das Haus. Polycarbonat ist transparent, wärmeformbeständig und schlagzäh und hat sich auch nach einigen Jahren, in denen der Architekt hier schon lebt, bewährt – günstig ist es auch. Die Baukosten für das Haus blieben unter 300 000 Euro, sagt Thomas Finckh.
„Wir haben mit dem Statiker die Möglichkeiten eins minimalen Betonskeletts ausgelotet, damit wir durch das Polycarbonat und durch Sonnenschutz-Glas, das mit Innenrollos zu verschatten ist, möglichst viel Licht ins Haus bekommen.“
Steht man im zwei Meter schmalen und sieben Meter langen Jugendzimmer hat man ein luftiges Gefühl, weil die Seite eben nicht zubetoniert ist, sondern Licht einlässt. Thomas Finckh: „Der Raum ist längs zoniert. Zwischen Spiel- und Arbeitsplatz und dem Schrankbett lässt sich ein komplett verdunkelnder Vorhang zuziehen, da ergibt sich in der Schlafnische eine wohlige Höhlenatmosphäre.“
Offener Wohnraum
Neben den Kinderzimmern findet sich auf der Etage ein kleines Bad mit Dusche, um die Fassaden-Ästhetik auch nach Innen zu holen, sind die Badwände statt mit Fliesen mit dünnen Polycarbonatplatten verkleidet, auch die Duschwand besteht aus diesem Material.
Eine Stahltreppe aus weiß lackierten Stufen ohne Geländer führt hinauf ins Offene. Keine Wände außer der Fassade, an den Seiten sind Einbauschränke Wandverstärker, hinter einigen grifflosen Türen verbergen sich Betonstützpfeiler. Der Architekt sagt vergnügt: „Technikkundige Besucher wundern sich immer, warum das Haus nicht zusammenstürzt, aber wir haben die Pfeiler einfach hinter den Einbauten versteckt, um mehr Ruhe in den Raum zu bekommen.“ Der Blick nach oben geht bis unters Dach, auf der Wohnseite sind es sechs Meter bis zur Decke.
Schnörkellose Flächen
Der helle Boden, die weißen Einbauten und Möbel in Schwarz und Weiß verströmen Ruhe, „selbst die Schubladen sind hinter einer grifflosen Arbeitsplatte verborgen“, sagt Kirstin Finckh. „Griffe stößt man sich und sie stören die Optik der schönen glatten Fläche“, sagt Thomas Finkch, „und Farbe kommt durch das Leben ins Haus.“ Kissen, Accessoires, Blumen, ein bisschen Pink, ein bisschen Gelb, hellbraunes Farn auf einem Tisch.
„Wird das noch fertig?“, habe der Postbote am Anfang gefragt, erinnert sich die Hausherrin. Das ist das Haus natürlich schon fertig gewesen, aber eben ohne Putz außen und ohne Tapeten und Teppichboden innen: „Wenn ich irgendwo war, wo es viel Nippes und Dekoration gibt, bin ich über die Leere und Ruhe bei uns immer sehr froh, weil das entspannt“, sagt Kirstin Finckh, derweil ihr Gatte an dem chromblinkenden Gerät hervorragenden Kaffee zubereitet.
Die Treppe führt dann noch eine Etage weiter nach oben. Unterm Dach haben die Hausherren einen gemeinsam genutzten Schreibtisch, blicken von der Galerie hinunter in den Wohnraum, ein schmaler, mit Spiegelschränken versehener Ankleideraum - „suggeriert Breite und Größe“, sagt der Architekt - führt zum Schlafraum.
Blicke bis zur Burgruine Hohenneuffen
Eine Tür führt auf der anderen Seite ins Bad mit Lichtkuppel oben und Polykarbonatwand außen - alles in Weiß mit Chromarmaturen- mit bodengleicher Dusche und in der Mitte eine Badewanne, dahinter anschließend die Waschbecken. „Das haben wir uns von der Architektur in Japan inspirieren lassen, da baut man schon lange platzsparend, schon allein weil die Bevölkerungsdichte so hoch ist und die Quadratmeter entsprechend teuer.“
Und von dort geht es weiter – zurück zur Arbeitsplatz-Galerie. Hier können sie auf den Wohnbereich herunterschauen oder in die Ferne bis zur Burgruine Hohenneuffen. Vom Schlafzimmer aus geht der Blick in den Garten mit dem kleinen drei Meter langen Pool. Er ist exakt so breit wie das Haus, 4,70 Meter, ebenso breit ist das Poolhaus und die Lounge. Von dort aus kann der Architekt wieder zurück aufs Haus blicken.
Zahlreiche Auszeichnungen
„Wir wollten es auch hier ehrlich und einfach halten, haben für die Möblierung am Pool zum Beispiel dunkel gestrichene Euro-Paletten verwendet“, sagt Thomas Finckh. Die Stoffkissen sind hundekissentauglich, der Familienmops – schwarz selbstverständlich – ist auch ein Bewohner des Experimentierhauses.
Ein Gebäude, das zeigt, wohnlich, nachhaltig und günstig bauen ist durchaus machbar. Dafür gab es zu Recht zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Preis für Beispielhaftes Bauen der Architektenkammer Baden-Württemberg. Nachmachen? Ist durchaus im Sinne einer nachhaltigen, dabei entspannten Wohnkultur absolut erwünscht.
Lesen Sie hier aus unserem Plus-Angebot: Ein nachhaltiges, preisgekröntes Einfamilienhaus aus Holz in Stuttgart.
Info
Auszeichnungen
Für den Entwurf des Einfamilienhauses erhielt Architekt Thomas Finckh die Hugo-Häring-Auszeichnung des Bundes deutscher Architekten (BDA) und den Hugo-Häring-Landespreis des BDA, den German Design Award Spezial, den Best Architects in Gold, den „Häuser“-Award und den Preis für Beispielhaftes Bauen der Architektenkammer Baden-Württemberg.