Der Stuttgarter Architekt Thilo Holzer entwirft für eine sechsköpfige Familie in Backnang ein Haus mit Wohnhof, Dachterrasse und Ausblick auf die Stadtkirche.
Wieder und wieder ist er um das Grundstück herumgeschlichen. Höher und höher wuchs das Gras, wucherten die Sträucher im Garten des langsam verfallenden Häuschens aus den 1930er Jahren. Jahrelang stand es leer. Dann, eines Tages: eine kleine Anzeige in der örtlichen Tageszeitung. Haus in Backnang zu verkaufen, zehn Ar Größe, unverbaubare Sicht.
„Ich wusste wegen der Beschreibung sofort, das kann nur dieses Haus sein“, sagt der Bauherr eines Einfamilienhauses in einem am Hang liegenden älteren Wohngebiet von Backnang, der den Architekten loben, aber selbst lieber anonym bleiben will. Er bewarb sich gemeinsam mit seiner Frau und bekam den Zuschlag.
„Das Grundstück war ein Urwald. Mein Cousin ist Landwirt, er hat mir geholfen, und wir haben zwei Tage lang gerodet“, berichtet der Bauherr, während er auf der Terrasse seines Hauses steht. Keine Spur mehr von Dschungel, dafür ein gepflegter Rasen, eine noch junge hochstämmige Schirmplatane, Olivenbäumchen, Sträucher, Hortensien.
Haus mit Aussicht auf die Stadt
Unverändert schön ist der Blick auf den Backnanger Stadtturm und die Stiftskirche. Die Aussicht war für den Hausherrn auch ein Grund, weshalb er sich ausgerechnet für dieses 20 Meter schmale und 50 Meter lange Grundstück so sehr interessiert hatte. Das Paar hatte in einer Wohnung in Stuttgart gewohnt, doch die Familie wuchs und zog in ein kleines Haus nach Backnang. Doch nach einigen Jahren wurde auch dieses zu klein und sie suchte nach einem größeren Haus.
„Ich bin Backnanger und finde diese Aussicht wunderschön“, sagt der Bauherr. Das hatte auch Thilo Holzer, der Architekt des neuen Hauses zu beachten, was er gerne tat und ein großflächiges Fenster mit Sitznische im Wohnzimmer entwarf, von hier aus ist der Blick frei auf die Stadt samt Kirche.
Der Architekt allerdings hatte erst einmal Bedenken, den Auftrag anzunehmen, weil die Bauleitung von Stuttgart aus zeitintensiv schien. „Auf der Fahrt nach Backnang hatte ich überlegt, wie ich am freundlichsten absagen könnte“, sagt der Architekt und lächelt. Weil aber die Bauherren vom Fach waren und die Ehefrau die Bauleitung selbst übernahm, klappte es doch.
Die schmale Hausseite gibt sich mit der Holzfassade zugeknöpft, dafür ist die Freude umso größer, wenn man näher kommt und vor einem offenen Durchgang steht. Statt eine Garage ans Haus anzubauen oder extra zu stellen, hat der Architekt Thilo Holzer Garage und Haus miteinander komplett verbunden und unten geöffnet, so dass ein offener zusätzlicher Spiel- und Aufenthaltsort hinzugekommen ist – ein überdachter Durchgang zwischen den beiden Gebäudeteilen.
An heißen Tagen ist es ein Schattenplätzchen mitsamt Kinderschaukel. Und falls bei Gartenfesten einen warmen Sommerregen gibt, finden hier Tisch und Stühle Platz, sodass draußen weiter gefeiert werden kann. Im Prinzip wie ein bäuerliches Eindachhaus, wie man sie im Schwarzwald oder in Vorarlberg kennt, bei dem Stall und Wohnteil unter einem Dach vereint sind, nur dass die Familie im „Stall“-Trakt Fortbewegungsmittel statt Kühe untergebracht hat.
Sportliche Bauzeit
„Dieses Eindachhaus-Prinzip hat uns gleich zugesagt. Auch weil’s vom Durchgang einen Eingang in einen Hauswirtschaftsraum gibt, dann kann man Einkäufe direkt auspacken und dort versorgen und muss damit nicht durchs Haus laufen, genauso wie schmutzige Kinderschuhe direkt hier gereinigt werden können. Wir lieben unseren Hof und die Idee dahinter und dafür braucht man eben einen guten Architekten“, sagt die Hausherrin. „Und wir hatten außerdem auch Glück beim Bau, wir hatten ausschließlich gute Handwerker“.
Die Bauzeit betrug zehn Monate, sportlich war auch der Einzugstermin, der nur wenige Tage vor dem Geburtstermin des vierten Kindes lag. „Das war knapp, aber die Handwerker waren toll.“ Und die Nachbarn waren eine Hilfe, die nicht nur einmal etwas zu essen herüberbrachten, wie die Bauherrin berichtet.
Das Haus ist mit vorvergrauendem Lärchenholz ummantelt, weil die Bauherren das Material schätzen und weil so auch das Garagentor sich optisch so verstecken lässt, dass es wie eine Tapetentür wirkt und nicht als Fremdkörper sichtbar ist.
Im oberen Geschoss ist dank dieses Entwurfs so nun auch Platz genug für die große Familie, der lange Flur bietet dank passgenauer 1,5 Meter hoher und 60 Zentimeter tiefer Einbauten viel Stauraum, auf der einen Seite sind die Zimmer für die vier Kinder untergebracht.
Wegen der Einschnitte ins Satteldach ist eine Dachterrasse entstanden, zu der es von jedem Zimmer aus einen Zugang gibt. „Dank der bodentiefen Fenster wirken die kleinen Räume zudem hell und die Schrägen wegen des Satteldachs sind so kaum spürbar.“ Und von der Treppe aus linkerhand zur Stadtseite hin haben die Eltern ihr eigenes Reich mit eigenem Bad. „Uns war es wichtig, dass wir oben einen eigenen Rückzugsraum haben“, sagen die Bauherren.
Wie in vielen Familien findet das Leben ohnehin hauptsächlich unten im Wohnbereich statt. Hier trifft Beton auf Holz. Und ein geglätteter Estrichboden hält viel Leben aus, die Holzeinbauten und die Lichtplanung mit besonderen Leuchten und indirektem Licht machen das Zuhause behaglich.
Einbauten bieten viel Stauraum
Der Wohnraum ist offen und großzügig gestaltet. An die anthrazitfarbene Küche schließt sich eine Eichenholz-Sitzbank an, die rückwärtig als Raumteiler dient, denn ein paar Stufen weiter unten ist der Wohnbereich mit einem offenen Kamin und den besagten Sitznischen. „Wir haben den Wohnbereich etwas abgesetzt, um so noch mehr Raumhöhe zu gewinnen“, sagt Thilo Holzer.
Seitlich entlang der kompletten Wand im Erdgeschoss sind 75 Zentimeter tiefe Einbauregale eingepasst – jede Menge Sitz- und Spielfläche.
Geheizt wird mit einer Wärmepumpe (es ist ein KfW55-Effzienzhaus), demnächst unterstützt durch eine Photovoltaik-Anlage. „Dann sind wir zu 80 Prozent autark“, sagt der Bauherr. „Und durch die viele Sonne, die von Süden her ins Haus fällt, ist der Boden auch im Winter warm. Ab März haben wir die Heizung aus“, fügt die Bauherrin hinzu.
Die bodentiefen Fenster und Schiebetüren, die bei Hitze durch Jalousien verschattbar sind, führen auf die Gartenterrasse . Das lange Warten aufs Traumgrundstück in der alten Heimat hat sich gelohnt und aus einem verwunschenen Garten wurde ein Familienwohntraum.