Jürgen Freys Wohnung ist in vielerlei Hinsicht besonders. Im 16. Stock des Marstall-Centers hat er sich eine Bleibe eingerichtet. Wie lebt es sich, wenn man aus dem Bett über Ludwigsburg blicken kann?
Ludwigsburg - Jürgen Frey blickt aus dem Fenster. „Der Marktplatz, das ist mein Hof, und das Blühende Barock ist mein Garten. Und ich muss nicht mal Rasen mähen“, sagt er mit großer Geste. Von seiner Wohnung aus kann er anderen dabei zusehen, wie sie das übernehmen. Der 65-Jährige wohnt im Marstall-Center in Ludwigsburg, im 16. Stockwerk und damit in rund 50 Metern Höhe. Und bemerkenswert ist nicht nur die Aussicht, die Jürgen Frey jeden Tag aufs Neue genießt. Auch die Wohnung selbst ist eine Attraktion für sich. Denn sie ist irgendwie anders. . .
Jürgen Frey ist gebürtiger Bad Cannstatter, ist in Kornwestheim aufgewachsen und hat auch dort sein Abitur gemacht. Nach seiner Zeit bei der Bundeswehr – er war in Ludwigsburg stationiert – studierte er in Heidelberg Realschullehramt. Als Sport- und Religionslehrer zog es ihn schließlich nach Bönnigheim, wo er 35 Jahre lang bis zu seiner Pensionierung arbeitete und auch wohnte.
Als er zum ersten Mal die Aussicht genoss, konnte er nicht mehr widerstehen
Wie er zu der Wohnung im Marstall-Center kam, in aller Kürze: Als im Jahr 2012 seine Eltern kurz nacheinander verstorben waren, wollte er die Einnahmen aus dem Hausverkauf in eine Immobilie stecken. Und als er erst einmal in der Wohnung im 16. von 17 Stockwerken stand und hinabblickte auf Bärenwiese, auf Residenzschloss, auf B 27 und Salonwald, da war es um ihn geschehen. Im Dezember 2012 kaufte er die Bleibe. Die bestand damals lediglich aus einem Zimmer und das Marstall-Center war noch weit von seinem aktuellen, schnieken Aussehen entfernt. Egal: Nach einigem Hin und Her – zusätzlicher Kauf einer Bleibe im zehnten Geschoss, Trennung von seiner Frau, Tod eines Nachbarn, Ausbau der bisherigen Wohnung auf drei Zimmer – lebt Frey nun fast ganz oben und gefühlt in einer Mischung aus Junggesellenbude und Kneipe.
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„Seit drei Jahren sieht die Wohnung aus wie jetzt“, sagt er. An den Wänden hängen Fotos und Poster, vornehmlich von Udo Lindenberg und fast alle selbst aufgenommen. Neben der Eingangstür prangt zudem ein großformatiges Bild von Schlagzeuglegende Carl Palmer – Frey ist selbst Drummer. Flipper und Tischkicker dürfen nicht fehlen, eine Schaukel hängt mitten in der Bude an einem knapp vier Meter langen Eisenträger. „Den haben wir zu zehnt durchs Treppenhaus hier hochgetragen“, erinnert er sich, „immer vier Stockwerke, dann Pause.“ Ausgemusterte Turnkästen und Barhocker unterschiedlichster Bauart dienen als Sitzgelegenheiten, ein Einkaufwagen im Schlafzimmer als Wäschekorb. Und überall stehen Musikinstrumente.
Jürgen Frey organisiert Konzerte in seinen eigenen vier Wänden
Denn Musik, sie macht einen großen Teil in Jürgen Freys Leben aus. In Bönnigheim hat er in zwei Coverbands gespielt, mit der Gruppe Drecksglomb hat er schon drei CDs aufgenommen. Er ist Gründungsmitglied des Bönnigheimer Kulturfensters – und Jürgen Frey organisiert selbst Konzerte. In luftiger Höhe. In seiner Wohnung. Diese Gigs heißen dann auch schlicht „Wohnungskonzerte“, und zu ihnen passt das Kneipenflair perfekt. Zweimal gab es das bisher, die Premiere war im Frühjahr 2019. „Das läuft über einen Mailverteiler“, sagt Frey, der in der Künstler- und Kulturszene nach wie vor bestens vernetzt ist. Wenn es der Verlauf der Coronapandemie zulässt, will er mit den Konzerten in seiner Wohnung auch weitermachen. Was die Nachbarn dazu sagen? „Das geht schon“, sagt Frey. Im 17. Stock gibt es noch zwei Wohnungen, aber keinen Aufzug mehr. „Man sieht sich ab und zu auf der Treppe.“
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Bis wieder ein Auftritt in aller Intimität stattfinden kann, hat Jürgen Frey aber wahrscheinlich noch etwas Zeit, die sagenhafte Aussicht zu genießen. Damit das wirklich in allen Lagen möglich ist, hat er sich etwas Schlaues ausgedacht: sämtliche Möbel – Sofa, Wohnzimmertisch mit eingebautem, selbstproduziertem Carambolage-Brettspiel, selbst das Bett – sind um gut einen halben Meter erhöht. „So kann ich gleich morgens aus dem Fenster schauen, obwohl ich noch nicht einmal aufgestanden bin“, sagt er und grinst. Ihm ist auch vollkommen egal, wenn das Wetter mal schlecht ist. Allein der beeindruckende Blick auf eine herannahende Regenfront entschädigt schon für ein paar Tropfen. Und so ein Einkaufszentrum nur ein paar Meter unter sich zu haben, ist ja auch irgendwie praktisch. „Ich kann in Hausschuhen meine Besorgungen erledigen und mit dem Einkaufswagen direkt vor meinen Kühlschrank fahren“, sagt Jürgen Frey und freut sich. Altersgerecht sei die Wohnung also auch noch.
Es gibt viele Vorteile – aber auch einige Nachteile, mit denen Frey leben muss
Nur seine starke Höhenangst, die habe er für all das überwinden müssen. „Anfangs stand ich auf dem Balkon und musste mich festhalten“, gesteht er – im Wissen, dass er auch mit ein paar Nachteilen klarkommen muss: „Mit Baulärm ist immer zu rechnen, es ist nie wirklich ruhig.“ Außerdem kämen auch manchmal Jugendliche verbotenerweise auf das Flachdach. „Aber inzwischen kenne ich meine Pappenheimer“, sagt Frey, „ich sage dann: Los, macht eure Fotos und dann verzieht euch wieder. Und nehmt euren Müll mit!“