In Stuttgart fehlen laut einer Studie des Pestel-Instituts altersgerechte Wohnungen für die steigende Zahl von Ruheständlern. Oberbürgermeister Frank Nopper sagt: „Wir wollen und brauchen zukünftig mehr seniorentaugliche Wohnungen“.
Stuttgart kommt in die Jahre – und ist auf das Wohnen der älteren Menschen nicht vorbereitet: Die Baby-Boomer, also Menschen, die zwischen 1950 und 1964 geboren wurden, gehen bis 2035 in Rente. Dann werden in Stuttgart rund 110 800 Menschen im Ruhestand sein. Das geht aus einer Regional-Untersuchung zum Senioren-Wohnen hervor, die das Pestel-Institut gemacht hat.
Die Wissenschaftler des Forschungsinstituts warnen: „Der Wohnungsmarkt in Stuttgart ist mit der neuen Rentnergeneration der geburtenstarken Jahrgänge komplett überfordert. Es fehlen Seniorenwohnungen“, sagt Matthias Günther, der Leiter des Pestel-Instituts. Schon jetzt gebe es einen massiven Mangel an altersgerechten Wohnungen. „Das wird sich in den nächsten Jahren allerdings noch enorm verschlimmern. Oder anders gesagt: Stuttgart rast mit 100 Sachen auf die graue Wohnungsnot zu“, so Matthias Günther.
Stuttgart wird in zwanzig Jahren rund 23 800 Seniorenwohnungen brauchen
Günther nennt konkrete Zahlen: So gibt es aktuell rund 302 700 Haushalte in Stuttgart. In 27 Prozent davon leben Senioren. „Bereits heute braucht Stuttgart rund 18 000 Wohnungen für die älteren Menschen, die nicht mehr gut zu Fuß sind. Doch diese Seniorenwohnungen gibt der Stuttgarter Wohnungsmarkt bei weitem nicht her“, sagt Matthias Günther. Für 2045 ermittelt die Untersuchung bei den benötigten Seniorenwohnungen sogar einen deutlichen Anstieg: So wird Stuttgart in zwanzig Jahren für rund 23 800 Seniorenhaushalte Wohnungen brauchen, die zum Leben im Alter passen.
Auf Anfrage unserer Zeitung äußert sich Oberbürgermeister Frank Nopper zu den fehlenden Seniorenwohnungen. Er bestätigt den Mangel: „Wir wollen und brauchen zukünftig mehr seniorentaugliche Wohnungen“. Allerdings werde „bereits seit einigen Jahren mit einem städtischen Programm „barrierefreies und altersgerechtes Wohnen“ in Bestandswohnungen gefördert. Damit soll unseren Seniorinnen und Senioren ein längerer Verbleib im gewohnten Umfeld ermöglicht werden.“
Zudem habe man sich im Jahr 2024 mit der Stuttgarter Wohnungswirtschaft und mit sozialen Trägern darauf verständigt, „gemeinsam mehr für altersgerechtes und barrierefreies Wohnen zu tun“. Stuttgart, so Nopper, sei „überdies Mitglied des WHO-Netzwerks „Age-friendly Cities“ und verfolge „seniorenfreundliche Stadtquartiers-Konzepte“.
Auch die Stuttgarter Wohnungs- und Städtebaugesellschaft (SWSG) betont, man begegne „ dem Thema Wohnen im Alter offensiv“: Die SWSG habe sich per Selbstverpflichtung zur Schaffung von mehr altersgerechten Wohnungen bekannt, sagt Saskia Bodemer-Stachelski, Sprecherin der SWSG. „Die baurechtliche Vorgabe durch die Landesbauordnung, nach der bei Wohngebäuden mit mehr als zwei Wohnungen die Wohnungen eines Geschosses barrierefrei erreichbar sein müssen, übertrifft die SWSG bei Neubauprojekten seit Jahren.“
Insgesamt zählen laut Bodemer-Stachelski 830 barrierefreie Wohnungen zum Bestand der SWSG. Davon sind rund 450 als Seniorenwohnungen ausgewiesen. Diese umfassen Wohnungen mit und ohne Betreuung sowie mehrere Senioren-WGs. Rund 5200 SWSG-Wohnungen sind über einen Aufzug barrierefrei erreichbar.
Dennoch hat Stuttgart generell mit 26,6 Prozent den geringsten Anteil an Aufzügen in Wohnhäusern in Deutschlands Metropolen; München liegt mit 50,5 Prozent an der Spitze, hat eine Studie von Hundt Consult und Terragon gemeinsam mit dem Immobilienportal Immoscout24 ergeben, bei der 418 deutsche Städte untersucht wurden.
Darüber hinaus nehme die SWSG bedarfsgerechte Anpassungen der Wohnung und des Wohnumfelds nach den individuellen Situationen betroffener Mieterinnen und Mietern vor, um Barrieren im Bestand zu reduzieren. „Bei diesen individuellen Wohnungsanpassungen verzichtet die SWSG auf eine Mieterhöhung“, sagt Bodemer-Stachelski.
Allerdings ist schon heute bei rollstuhlgerechten Wohnungen der Bedarf in Stuttgart akut– nur 2,4 Prozent der aktuell verfügbaren Wohnungen erfüllen wirklich alle wesentlichen Kriterien von barrierefreiem Wohnraum. Und nur zehn Prozent aller Wohnungen sind barrierefrei zu erreichen, hat das Statistische Bundesamt errechnet.
Was sind eigentlich Seniorenwohnungen?
Für die kommenden Jahre sieht die SWSG den Bau weiterer Seniorenwohnungen und -WGs vor, beispielsweise bei den beiden großen Neubauprojekten an der Böckinger Straße und im sogenannten Teilgebiet 6 im Hallschlag. Zwischen 2025 und 2028 sind weitere rund 1500 Wohnungen geplant, die über einen Aufzug zugänglich sind, und etwa 400 zusätzliche barrierefreie Wohnungen.
Doch was ist überhaupt eine Seniorenwohnung? Seniorengerecht oder altersgerecht heißt nicht, dass die Wohnung komplett frei von Barrieren ist, sondern es ist ein gesetzlich nicht definierter Begriff, der nicht selten lediglich als Verkaufsargument genutzt wird.
Auch die Begriffe „barrierearm“, „schwellenarm“ und „barrierereduziert“ sind nicht näher definiert. Mit etwas Glück findet man in einer solchen Wohnung einen Aufzug, einen Treppenlift oder eine bodengleiche Dusche vor. Vielleicht handelt es sich aber auch nur um eine Erdgeschosswohnung mit wenigen Stufen.
Aufschlussreicher ist der Begriff barrierefrei in Bezug auf eine Wohnung. Für eine solche Wohnung sind genaue Kriterien definiert. So müssen etwa die Bewegungsflächen in Fluren und Wohnungen 1,20 Meter auf 1,20 Meter betragen, die Türen müssen mindestens 80 Zentimeter breit und 2,05 Meter hoch sein und sich leicht öffnen und schließen lassen, das WC muss mindestens 70 Zentimeter tief und 46 bis 48 Zentimeter hoch sein und die Dusche muss über rutschhemmende Bodenbeläge sowie eine niveaugleiche Gestaltung zum angrenzenden Boden haben. Zusätzlich zu den aufgelisteten barrierefreien Merkmalen muss eine rollstuhlgerechte Wohnung weitere Anforderungen erfüllen.
Von städtischer Seite aus wird der Mangel also eingeräumt, doch, so das einhellige Credo, tue man bereits alles, um ihm Herr zu werden. Andreas Hofer, Intendant der IBA `27, betrachtet die Lage etwas anders. „Wir sind jetzt an einem Punkt, an dem wir die Dinge grundsätzlich überdenken müssten – wir brauchen eine neue Idee“, sagt er.
Dahingehend sieht er die Bundespolitik in der Pflicht: „Vielleicht schaut die neue Bundesregierung ja mal mit Sorgfalt auf das Problem.“ Und dieses Problem sei vor allem, dass „wir heute sehr viel teuerer bauen als früher – und die Preise für die Wohnungen explodieren. Auch die Mietpreise sind damit unbezahlbar.“
Für Hofer ist der Mangel an Wohnraum für Senioren ein strukturelles Problem: „Wir haben hundert Jahre Familienwohnungen gebaut. Es gibt davon riesige Bestände, etwa in Stuttgart-West. Was willst Du da machen?“Allerdings ist es seiner Ansicht nach in der Stadt weniger problematisch als auf dem Land, mit den ganzen 150-Quadratmeter-Einfamilienhäusern, die inzwischen oft nur noch von ein oder zwei Personen bewohnt sind.
Neben altersgerechten Sanierungen sei deshalb auch Neubau wichtig: „Viele Bauherren bauen aber nur drei Geschosse, weil sie sich einen Aufzug sparen wollen, der ab dem vierten Geschoss Pflicht ist. In der Schweiz ist das anders, ab fünf Wohnungen müssen alle barrierefrei zugänglich sein“, sagt Hofer, der aus Zürich stammt.
Das Rentenalter ist nicht 1:1 in fehlende Wohnungen zu übersetzen
Die Zahlen des Pestel-Instituts seien mit Vorsicht zu genießen, auch wenn ein Mangel an Seniorenwohnungen unstrittig sei: „Nur zwei Prozent der über 80-Jährigen sind geheingeschränkt. Darum ist es schwierig, den tatsächlichen Wohnungsbedarf zu schätzen, das Rentenalter ist nicht 1:1 in fehlende Wohnungen zu übersetzen.“
Zudem sei das Wort Seniorenwohnungen nicht mehr zeitgemäß. „Man spricht heute von universal design, das meint Wohnungen, die in einem gewissen Sinn barrierefrei sind. Auch Familien schätzen solche Wohnungen. So gesehen, das sage ich eigentlich immer, sind die Wohnungen der IBA zu 100 Prozent barrierearm.“ Es gebe bei den Projekten aber auch rollstuhlgerechte Wohnungen, „wir haben ja alles dabei, Pflege und betreutes Wohnen, oft werden diese von sozialen Institutionen geleitet“.
Flexible Nutzung
Das „heiße Ding“ sind laut Hofer Cluster-Wohnungen, ein Wohnungstyp, bei dem mehrere private Wohneinheiten mit Bad sich um Gemeinschaftsräume gruppieren, die unmittelbar an die Wohneinheiten anschließen. So sollen sowohl private Rückzugsräume als auch Flächen zur offenen gemeinschaftlichen Nutzung angeboten werden. „Solche Wohnungen können als studentische Wohnungen, aber auch als etwa Mehrgenerationen-Wohnungen genutzt werden. Da kann dann etwa das Besucherbad rollstuhlgerecht gemacht werden“, sagt Hofer.
Ein jüngeres IBA-Projekt beschäftigt sich ganz dezidiert mit dem Wohnen im Alter. Auf der Korber Höhe in Waiblingen liegt eine ab den 1970er-Jahren entstandene Großsiedlung. In den Hochhäusern leben noch heute zahlreiche Bewohnerinnen und Bewohner der Gründungsphase – in heute viel zu großen Wohnungen, da die Kinder längst aus dem Haus sind.
Nun sollen vier Gebäudegruppen aus je drei hohen Häusern am Rande der Korber Höhe auf der grünen Wiese entstehen. Während in den oberen Geschossen unterschiedliche Wohnformen, vom barrierefreien Wohnen über Pflege-WGs bis zu Mikroappartements oder Clusterwohnen angeboten werden, öffnen sich die ebenerdigen Erdgeschosszonen für das ganze Quartier.
Damit verbindet sich die Hoffnung auf einen Generationenwechsel: ältere Bewohner ziehen in die neuen Häuser in gewohnter Umgebung, dadurch werden im Bestand Wohnungen für junge Familien und weitere Bewohner frei. Natürlich gibt es auch hier Widerstand, der Anstoß ist das Bauen auf der grünen Wiese. „Wenn die Familien aber ins Umland ziehen müssen, wird noch viel mehr Fläche für Einfamilienhäuser versiegelt“, sagt Hofer. Einen Tod muss man sterben.