Wohnen im Alter Mehr Geld für Altenwohnungen

Von Sven Hahn 

Selbst wenige Stufen können mit einem Rollator schon zum Problem werden. Wohnungen für Senioren sollten daher möglichst keine Barrieren aufweisen. Foto: Eva Herschmann
Selbst wenige Stufen können mit einem Rollator schon zum Problem werden. Wohnungen für Senioren sollten daher möglichst keine Barrieren aufweisen. Foto: Eva Herschmann

Der Mangel an alten gerechten Wohnungen wird, einer aktuellen Studie zufolge, im Südwesten bis auf eine knappe halbe Million Wohnungen anwachsen. Um dem entgegen zu steuern fordern Experten nun eine Verdopplung der Fördermittel, mit denen Wohnungen altersgerecht umgebaut werden können.

Stuttgart - Ältere Menschen sollen die Möglichkeit haben, möglichst lange in ihrer angestammten Umgebung und damit in ihrer Wohnung zu bleiben. Doch was, wenn diese Wohnung nicht auf die Bedürfnisse von Senioren ausgelegt ist? Das ist kein Einzelfall, denn der Mangel an altersgerecht umgebauten Wohnungen ist enorm. Nach den Zahlen einer aktuellen Prognos-Studie fehlen im Südwesten bereits heute rund 220 000 Wohnungen für Senioren – bis zum Jahr 2040 werden es knapp 500 000 sein.

Diese Zahlen zeigen, wie schwierig es wäre, den Wohnungsbedarf einer älter werdenden Gesellschaft allein über Neubau zu decken. Zum Vergleich: Die Landeshauptstadt Stuttgart mit ihren rund 620 000 Einwohnern verfügt über einen Wohnungsstand von etwas mehr als 300 000 Einheiten.

Daher fordern mehrere Experten nun deutlich mehr Mittel, mit denen der Umbau des Wohnungsbestands für Senioren gefördert werden kann. Thaddäus Kunzmann, der Demografiebeauftragte des Landes Baden-Württemberg, und die Landesverbände von Haus und Grund in Baden und Württemberg haben zu diesem Zweck eine ungewöhnliche Allianz geschmiedet. Gefordert wird eine Verdoppelung des Programm der Kreditanstalt für Wiederaufbau, kurz KfW, zum altersgerechten Umbau von Wohnungen von heute 75 Millionen Euro auf dauerhaft 150 Millionen pro Jahr. „Die Verdoppelung ist notwendig, da die Mittel regelmäßig zur Jahresmitte ausgeschöpft sind“, erklärt Kunzmann.

Ein Tabuthema wie Tod und Testament

Zudem werden Investitionen in den altersgerechten Umbau häufig hinausgezögert. „Ein Stück weit handelt es sich um ein Tabuthema, ähnlich wie Tod und Testament“, sagt Haus-und-Grund-Landeschef Ottmar Wernicke. „Niemand denkt gerne daran, was sein wird, wenn man sich nicht mehr selbst versorgen kann oder nicht mehr mobil ist.“ Der badische Landeschef Jürgen Schrader fügt an: „Viele Vermieter wollen älteren Mietern keine Erhöhungen mehr aufbürden, die diese nicht mehr bezahlen können.“ Aus Angst, auf den Kosten für den Umbau sitzen zu bleiben, würden die Investitionen daher oft gescheut.

Ulrike Scherzer, Professorin der Universität Stuttgart am Institut für Wohnen und Entwerfen, unterstreicht die Bedeutung der Initiative: „Es ist extrem wichtig, dass ältere Menschen in ihrer angestammten Umgebung bleiben können.“ Und: „Es geht nicht nur um das reine Wohnen, sondern um die vielfältigen Nutzungsgewohnheiten und gewachsenen sozialen Bezüge in einer gewohnten Umgebung.“ Die Wohnung sei über Jahrzehnte Seelenheimat und Lebensraum geworden.

Scherzer erklärt zudem, dass eine Lösung des Problems über barrierearmen Neubau nicht machbar erscheint. „Rein von der Menge her betrachtet, ist das nicht sehr realistisch. Es wurden 2017 in Deutschland lediglich rund 265 000 neue Wohnung gebaut“, sagt sie. Angesichts der drohenden Zahl von einer knappen halben Million fehlender Wohnungen allein in Baden-Württemberg eine vergleichsweise kleine Größe. Und: „Die neuen Wohnungen, die dann idealerweise altengerecht gebaut sind, können sich alte Menschen oft gar nicht leisten“, so Scherzer.

Senioren ziehen nach Polen, um Pflegekosten zu sparen

Beim Umbau des Bestands setzt Scherzer ihre Hoffnungen ebenfalls weniger auf die kleinen privaten Vermieter sondern auf große Bestandshalter. „Genossenschaften etwa, die ihren Mitglieder ein lebenslanges Wohnrecht einräumen, haben ein großes Interesse, ihren Bestand seniorengerecht aufzustellen“, sagt sie.

Robert Göötz, Immobilienwissenschaftler an der Hochschule Nürtingen-Geislingen (HfWU) fügt hinzu: „So viele Pflegeplätze wie wir als Gesellschaft eigentlich benötigen, können wir in Pflegeeinrichtungen gar nicht bauen.“ Dieser Umstand habe zur Folge, dass man die Pflege zunehmend in die heimischen vier Wände werde verlagern müssen. „Dazu müssen die Wohnungen aber entsprechend umgebaut werden, wo dies möglich ist“, sagt der Wissenschaftler. Es bleibe angesichts des enormen Bedarfs gar nichts anderes übrig.

Auch Göötz betont, dass es für Rentner angesichts der steigenden Immobilienpreise zudem immer schwerer wird, in Ballungsräumen entsprechenden Wohnraum zu finden und zu halten: „Einen alten Baum verpflanzt man nicht, heißt es so schön. Leider gilt aber auch, dass der alte Baum es sich leisten können muss, am angestammten Platz bleiben zu können.“ Und: „Wir kennen bereits Umzüge von Senioren an die polnische Grenze oder nach Polen, weil dort Leben und Pflege preiswerter sind.“

Auf Anfrage nach dem Bedarf in Stuttgart heißt es aus der Pressestelle der Landeshauptstadt: „Leider gibt es dazu keine aktuellen Zahlen.“ Der Gemeinderat habe die hohe Bedeutung des Themas aber erkannt und daher ein Förderprogramm für behinderten- und altengerechtes Wohnen beschlossen. Das Programm sieht für 2018 und 2019 jeweils 500 000 Euro vor, um den barrierefreien Umbau von bestehendem Wohnraum in Stuttgart zu fördern.

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