Thomas Ebinger will Verständnis für anderen Kulturen wecken. Foto: Ines Rudel

Flüchtlingslager auf der Balkanroute hat der Kemnater Pfarrer Thomas Ebinger besucht. Im Rahmen der Wochen gegen Rassismus berichtet er von seinen Erfahrungen.

Menschen, die jahrelang auf der Flucht sind, hat der Kemnater Pfarrer Thomas Ebinger bei seiner vierwöchigen Reise auf der Balkanroute in Bosnien und Kroatien getroffen. Das hat den Theologen für die Nöte der Geflüchteten sensibilisiert, die er als Pfarrer für Asyl und Migration im evangelischen Kirchenbezirk Bernhausen betreut. Im Rahmen der Internationalen Wochen gegen Rassismus in Ostfildern hält der Theologe am Dienstag, 28. März, um 19.30 Uhr im evangelischen Gemeindehaus in Kemnat einen Vortrag über seine Erfahrungen. Auch die Städte Nürtingen und Kirchheim bieten im Rahmen der bundesweiten Aktionswochen ein Programm an.

 

Was bewog den Kemnater Pfarrer, der auch für die Medienarbeit im Bezirk zuständig ist, zu der vierwöchigen Reise? „Die Kultur der Menschen kennenlernen, die zu uns flüchten und die Hilfe suchen“, das war für den Theologen eine wichtige Motivation. Mehr als 330 000 Menschen sind nach seinen Worten allein 2022 über die Westbalkanroute in die Europäische Union gekommen. Kroatien gehört seit Anfang 2023 zum Schengenraum, in dem man ohne Grenzkontrollen reisen kann. Unter anderem besuchte Ebinger das Flüchtlingscamp Lipa in Bihać. Auch in Zagreb und Sarajevo bekam er Einblicke von Flüchtlingshelfern.

International vernetzte Hilfe

Organisiert wurde der Einsatz von der Organisation Hilfe konkret, für deren Arbeit die Gäste des Abends spenden können. Diesen Verein betreut der Theologe Johannes Neudeck, den Ebinger bei der gemeinsamen Arbeit am pädagogisch-theologischen Zentrum in Birkach kennengelernt hat. Der international vernetzte Theologe Neudeck hat zum Sommer 2021 eine Stelle für missionarische und diakonische Aufgaben in Kroatien und Bosnien-Herzegowina übernommen, die durch Spenden finanziert wird. „Seine Arbeit wollte ich unterstützen und mit anpacken“, sagt der Kemnater Pfarrer. Bei handwerklichen Arbeiten mit den Menschen ins Gespräch zu kommen, das habe ihm gefallen.

In den Fängen von Schleusern

Aus den Erfahrungen habe er viel gelernt. Die Bedingungen, unter denen die Menschen in den Flüchtlingscamps leben, haben Ebinger betroffen gemacht. „Viele von ihnen sind durch die Erfahrungen der Flucht traumatisiert.“ In Bosnien ende die Reise für viele zunächst, weil sich die Europäische Union abschotte und die Grenzen schließe. Viele versuchten aber dennoch zu flüchten. Sie gerieten in die Fänge vom Schleusern, die ohne jede Rücksicht auf die Menschen ihre Dienste anböten. Betroffen zeigt Ebinger das Foto eines Kiosks in Bosnien, in dem sich die Menschen mit Ausrüstung für ihre Flucht eindecken. Da gibt es Jacken, Seile oder Kekse. Die Flucht sei für viele ein Geschäft.

Betroffen spricht Ebinger von Kindern und Erwachsenen, die jahrelang auf der Flucht sind und keine Chance bekommen, sich in eine Gesellschaft zu integrieren. Viele ziehe es nach Italien, weil sie da bessere Chancen sähen, Asyl zu bekommen. „Dann schlagen sie sich etwa in Rom als fliegende Händler durch.“ Dass da Kinder auf der Strecke bleiben, die keine Chance bekommen, Wurzeln zu schlagen, das macht ihn traurig.

Medizinische Hilfe gebe es zwar, doch hat er viele Menschen gesehen, die mit ihren Sorgen alleine gelassen werden. Dieses Problem beobachtet Ebinger auch bei den Menschen, die es nach Deutschland geschafft haben. Psychologische Betreuung zu bekommen, das sei für sie auch in Ostfildern schwer. Was es bedeutet, auf der Flucht sein Leben zu riskieren, oder von der Familie getrennt zu werden, das hat der Pfarrer in vielen Gesprächen erfahren. Eine Übersetzungsapp hat die Kommunikation über bestehende Sprachgrenzen hinweg möglich gemacht. Seine Begegnungen und Erfahrungen hat der Pfarrer in einem Reiseblog und in einem Video aufgezeichnet. In der Video-Dokumentation kommen die Menschen zur Sprache, die sich in Projekten um die Menschen kümmern, die ins Land kommen.

Menschen nicht ausgrenzen

Das Wort „Rassismus“ benutzt Ebinger ungern. Ihm ist es ein Anliegen, Menschen nicht auszugrenzen, weil sie einer bestimmten Gruppe angehören. Wie das in der Gemeindearbeit gelingen kann, müsse man täglich erproben. Beim Kemnater Forum im Rahmen der Wochen gegen Rassismus möchte er darüber ins Gespräch kommen, wie die Integration von Menschen anderer Kulturen in die Gesellschaft gelingen kann. „Wir müssen miteinander sprechen.“ Dass das im Miteinander der Religionen klappt, haben dem evangelischen Theologen Aktionen mit Muslimen gezeigt, etwa für die Erdbebenopfer in Syrien und in der Türkei.

Das Reiseblog des Kemnater Medienpfarrers Thomas Ebinger ist auf seiner Homepage zu finden: https://thomas-ebinger.de/ueber-mich