„Playboy“-Gründer Hugh Hefner (im Bild mit seiner Frau Crystal Harris) wie auch Porfirio ­Rubirosa und vor ihnen die Dandys und vor diesen kein Geringerer als Casanova – sie alle haben sich trotz ihrer Unzulänglichkeiten unermessliche Verdienste um die Emanzipation des modernen Mannes erworben. Foto: dpa

Der Playboy wechselt die Frauen öfter als seine Hemden, fährt schnelle Autos und darf auf keiner Party fehlen. Doch gibt es den klassischen Ladykiller überhaupt noch? Wir haben uns auf Spurensuche begeben.

Der Playboy wechselt die Frauen öfter als seine Hemden, fährt schnelle Autos und darf auf keiner Party fehlen. Doch gibt es den klassischen Ladykiller überhaupt noch? Wir haben uns auf Spurensuche begeben.

Stuttgart - Der Mann war das, was man früher in bunten Blättern als unverschämt gut aussehend bezeichnete. Perfekter Scheitel, tadellose Kleidung, dunkler Teint. Eine Figur, wie gegossen für einen Smoking. Und dann dieser kalte Blick eines Jägers und Verführers, dem die bezauberndsten Frauen seiner Zeit nicht widerstehen konnten. Porfirio Rubirosa war ein Bild von einem Mann und hätte in den 60ern locker als „James-Bond“-Darsteller anheuern können. Doch der Sohn eines Generals der Dominikanischen Republik hatte es nicht nötig, sich mit der Fiktion zufriedenzugeben. Der Beau fand bereits im Leben seine Traumrolle: Rubirosa verkörperte den klassischen Playboy wie kein Zweiter.

Das Schicksal meinte es gut mit Rubirosa. Verdienstarbeit war ihm fremd, materielle Sorgen kannte er nicht. Rubirosa hatte durch Geburt und die frühe Heirat mit der 16-jährigen Tochter des Diktators Rafael Trujillo die Freikarte zur Glitzerwelt der Schönen, Reichen und Mächtigen bekommen. Rubirosas Schwiegervater schickte ihn als Diplomat nach Europa, wo er sich weniger mit der schwerfälligen Politik als mit den leichten Dingen des Seins beschäftigte: Autorennen, Poloturniere, Affären. Nach der Scheidung von Trujillos Tochter Flor de Oro entwickelte sich Rubirosa zum Schreck aller Ehemänner: keine Party, kein Stehempfang, kein Rock war vor ihm sicher.

1942 folgte die Ehe mit der französischen Filmdiva Danielle Darrieux; fünf Jahre später ehelichte Rubirosa die 300-Millionen-Dollar-Erbin Doris Duke (für ganze sieben Monate­); 1953 vermählte er sich mit Barbara Hutton (damals 40), der Erbin des amerikanischen Kaufhaus-Familienunternehmens Woolworth. Eine Ehe, die immerhin 16 Monate lang hielt. Nach Hutton wendete sich Rubirosa wieder der jüngeren Generation zu, wieder war es eine französische Schauspielerin: Odile ­Rodin. Rubirosa heiratete die 19-Jährige vom Fleck weg, nachdem er sie auf dem ­Titelblatt der Zeitschrift „Paris Match“ entdeckt hatte.

Inbegriff des weltgewandten polyglotten Mannes

Für ihn gab die talentierte Odile Rodin ihre vielversprechende Schauspielkarriere auf, was leichtsinniger klingt, als es möglicherweise war. Denn Rubirosa konnte nicht nur nehmen, er war auch jemand, der viel zu geben hatte. „Solange ich verheiratet war, war ich ziemlich treu“, verriet Rubirosa in einem Interview mit der Starjournalistin Oriana Fallaci.

Doch wichtiger als die eheliche Treue war den Frauen, die dem Ladykiller verfielen, dessen Status und Allgegenwart. Rubirosa war der Inbegriff des weltgewandten polyglotten Mannes, der die Spielregeln auf dem gesellschaftlichen Parkett wunderbar beherrschte und alles und jeden zu kennen schien. Gleichgültig, ob man sich bei den Kennedys zum Abendessen traf oder in der Silvesternacht in Havanna kurz vor dem Einmarsch von Castros Truppen mit Champagner auf das alte Regime anstieß – Rubirosa wusste stets, wie er das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden konnte.

Dabei war er unverbindlich und handelte politisch opportun. Der Gesandte des kleinen Karibikstaats hatte kein Problem ­damit, mit Nazis, Diktatoren und Mördern am selben Tisch zu sitzen. Schließlich starb Porfirio Rubirosa, wie es sich für einen Playboy seiner Klasse gehörte: mit überhöhter Geschwindigkeit und ziemlich stilvoll.

Am Morgen des 6. Juli 1965 raste Rubirosa nach einer schlaflosen Nacht mit einem Ferrari 250 GT im Bois de Boulogne in Paris gegen einen Baum. Im Nachruf der Deutschen Presseagentur war der nicht zu überprüfende Satz zu lesen: „Inoffiziell spricht man von 235 Lebensgefährtinnen, die (er) . . . glücklich gemacht hat.“

Ein neues Männerideal entstand nach Rubirosas Tod

Viele, die Rubirosa unglücklich gemacht hat, waren erleichtert. Endlich war der Parasit gestorben, der Nichtsnutz und Frauenverächter. Die 60er Jahre waren die Zeit der Studentenunruhen. Der Feminismus konnte Erfolge verzeichnen, ein neues Männerideal entstand in linksliberalen Kreisen: das des verständigen, zärtlichen, verantwortungsvollen Mannes, der das andere Geschlecht respektiert und nicht zum Sexualobjekt degradiert. Playboys wie Rubirosa, Gunter Sachs und vor allem Hugh Hefner waren die Erzfeinde der Feministinnen, ­Relikte einer untergehenden patriarchalischen Welt. Auch der Münchner Autor und Journalist Andreas Zielcke hat seine Rubirosa-Biografie mit dem Titel „Der letzte Playboy“ versehen, so als sei der Typ Mann, der nur spielen will, seit dem besagten Julimorgen 1965 ausgestorben.

Ist er das wirklich? Mag sein, dass die Wirklichkeit Zielcke recht gibt. Allein der Begriff Playboy wirkt antiquiert, man denkt da an diesen greisen Mann im Morgenmantel, der einst das gleichnamige Männermagazin erfunden hat, umringt von einem Dutzend halbnackter Blondinen mit rosa Puscheln am Po.

Doch Hugh Hefner wie auch Porfirio ­Rubirosa und vor ihnen die Dandys und vor diesen kein Geringerer als Casanova – sie alle haben sich trotz ihrer Unzulänglichkeiten unermessliche Verdienste um die Emanzipation des modernen Mannes erworben. Die Pariser Philosophin Beatriz Preciado hat vor zwei Jahren ein lesenswertes Buch zum „Playboy“-Imperium des Verlegers Hugh Hefner geschrieben, in dem sie die altfeministische These von der Unterdrückung der Frau durch den Mann konterkariert.

Männermagazin „Playboy“als Anleitung zum urbanen Alleinsein

Ohne den frauenfeindlichen Part zu verharmlosen, analysiert Preciado in „Porno­­topia­“ Hefners Erfindung einer heterosexuellen Junggesellenwelt bis ins kleinste Detail. Noch in den 50ern war es normal, dass die Ehefrau zu Hause das Regiment führte. Kleiderschrank und Küche gehörten zum Hoheitsgebiet der Frau. Dem Mann blieben nur die Garage, der Grill und der Rasenmäher. Oder die Kneipe. Die Geschlech­ter­sphären waren sauber getrennt. Der Mann sollte ernähren, beschützen – und zeugen.

Dann, 1953, gab der junge Journalist die erste Ausgabe des „Playboy“ heraus und ­befreite seine vom heimischen Herd abgeschirmten Geschlechtsgenossen vom Diktat der Frau. Die erste Nummer enthielt ein aufklappbares Blatt mit einem Foto, auf dem ausgerechnet Marilyn Monroe für damalige Verhältnisse recht freizügig posierte. Hefner zog gegen die Institutionen der Ehe und des trauten Familienlebens der Vorstädte ins Feld, lautet die Hauptthese von Beatriz ­Preciado, was im prüden Amerika der 50er Jahre eine ungeheure Provokation darstellte. Der „Playboy“ sei zu Beginn nicht nur ein Schmuddelheft voll nackiger Bunnys gewesen, sondern vor allem eine Anleitung zum urbanen Alleinsein. Mit Hefner habe der moderne Playboy gelernt, schreibt Preciado, wie er sich von der Hausfrau und Mutter emanzipieren und den häuslichen Raum ­erobern könne.

Deshalb entwarf Hefner eine Stadtvilla, ein Penthouse für einen Junggesellen („Playboy-Mansion“) aus Stahl und Glas, das in Chicago tatsächlich gebaut wurde. Das war eine Mischung aus Büro und Bordell, mit einer automatisierten Küche. Stolz war Hobbyarchitekt Hefner auf einen Ultraschallgeschirrspüler, der „den Lippenstiftrand auf den Gläsern der vergangenen Nacht entfernt“. Das Herzstück war allerdings ein rotierendes, mit Telefon sowie einer Fernbedienung für Kaffeemaschine, Toaster und Fernseher ausgestattetes Riesenbett. Die Botschaft? Ein Playboy ist autonom, er braucht weder eine Mutter noch eine Ehefrau, am wenigsten eine Hausfrau, die ihm am Feierabend ein Süppchen kocht. Kirchenvertreter, konservative Politiker und Frauenrechtlerinnen bildeten eine seltene Allianz und liefen Sturm gegen dieses Monument der Sünde.

Besinnung auf traditionelle Werte gefordert

Heute ist alles anders. Zumindest scheint es so. Ein Mann kann heute tun und lassen, was er will, heißt es. Doch wehe, er weicht ab vom Kurs. Ab einem gewissen Alter wird so ein Mann in die bürgerliche Pflicht genommen, er sollte Karriere machen, heiraten, sich fortpflanzen, einen Kombi fahren, die Garage abbezahlen. Die Demografie will es so, sagt die Politik. Die konservativen Kräfte im Westen haben sich nach Jahrzehnten der Libertinage wieder zusammengerauft und fordern mit Nachdruck eine Besinnung auf traditionelle Werte. Männer ohne Familienfoto auf dem Schreibtisch und Bauspar­vertrag im Regal stehen im Verdacht. Selbst ein George Clooney muss irgendwann einmal „liefern“, sonst gilt er als schwul.

Wen wundert es daher, dass die meisten großen Jungs, die mächtig unter gesellschaftlichem Tugenddruck stehen, heimlich ihre Helden bewundern, Playboys der alten Schule, welche die Frauen wie ihre Hemden wechselten. Wie wäre sonst der weltweite Erfolg einer amerikanischen Fernsehserie wie „How I Met Your Mother“ zu erklären als mit dem Hinweis auf den wichtigsten, von Neil Patrick Harris verkörperten Charakter. Seine Figur des Barney Stinson ist die Karikatur eines Playboys, ein schlagfertiger Womanizer, der nichts so sehr liebt wie seine Anzüge. Ganz zu schweigen von der auch im deutschen Fernsehen beliebten Serie „Two And A Half Men“, in der ein notorischer Ladykiller regelmäßig Millionen vor die Bildschirme lockt. Mag sein, dass einiges übertrieben ist, ein Klischee. Doch gerade unserer immer prüder werdenden Welt würde die Wiederauferstehung des Playboys guttun, ein paar Männer mehr, die ihren Weg gehen, Spaß haben. Egal, was die Frauen, die Kirchen oder die Politik von ihnen denken.

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