Die Arbeitnehmervertretung des Herstellers von Haushaltswaren in Geislingen hat sich mit der Geschäftsführung auf einen Interessenausgleich geeinigt. Die bislang nur mündlich erzielte Übereinkunft sieht einen Kündigungsschutz für Mitarbeiter bis Ende 2030 vor.
Beinahe ein Jahr ist vergangen seit einem Town Hall-Meeting in Geislingen mit Vertretern von WMF. Es war der 24. Oktober, als CEO Oliver Kastalio den Mitarbeitern verkündete, dass Stellen aus der Buchhaltung nach Warschau verlegt und dass das Consumer-Geschäft und die Zentralfunktionen aus dem Tarifvertrag der IG Metall herausgelöst werden sollen. Die Pläne setzten viele Mitarbeiter unter Schock. Kastalio und die Groupe SEB ernteten dafür Enttäuschung und teilweise Wut, da sich viele Mitarbeiter über eine Verschlechterung der Arbeitsbedingungen beschwerten.
Tarifbindung hat weiterhin Bestand
Nun nähert sich der Jahrestag dieser Ankündigung und hinter dem Betriebsratsvorsitzenden Metin Dogan und seinen Kollegen liegen mehrere Monate voller intensiver Gespräche mit der Geschäftsführung. „Wir stehen jetzt kurz vor dem Abschluss eines Interessenausgleiches“, sagt Dogan. „Wir rechnen damit, dass die Einigung Ende Oktober schriftlich festgehalten wird. Wir haben uns aber bereits mündlich auf die Rahmenbedingungen geeinigt.“
Natürlich hätte er gerne alle Stellen in Geislingen behalten, doch Metin Dogan sieht nach langen Verhandlungen auch Teilerfolge. Die Bereiche Consumer (organisiert den Vertrieb) und Business Unit (Konsumgeschäft) sowie die Shared Services (Zentralfunktionen, wie die Buchhaltung) bleiben mindestens bis zum 31. Dezember 2025 im Anerkennungstarifvertrag der Metall- und Elektroindustrie. Sollten in diesem Tarif beispielsweise die Löhne erhöht oder eine Vier-Tage-Woche eingeführt werden, käme das auch den WMF-Mitarbeitern zugute, erklärt Dogan. Außerdem hat man sich mündlich auf einen Kündigungsschutz bis zum 31. Dezember 2030 geeinigt. „Die Kollegen wollten diese Sicherheit unbedingt“, erklärt Dogan. Von diesem Kündigungsschutz sollen auch die Tochterfirmen Silit, Kaiser-Backformen, Prolog-Dornstadt und die Messerfertigung Hayingen profitieren.
Vertrauenspersonen der WMF hatten beklagt, dass der Werkschutz verkleinert, dass Nachtschichten und Wochenendarbeit wegfallen und rund 400 000 Euro eingespart werden sollen. Doch „der Werkschutz bleibt, wie er ist“, berichtet Dogan.
Ein anderes Streitthema ist die Arbeit in der Buchhaltung, die von Geislingen nach Warschau wandern soll. Zur Erinnerung: In der polnischen Hauptstadt soll ein gemeinsames Shared-Services-Center aus der Buchhaltung der Groupe SEB Deutschland und Teilen der WMF-Buchhaltung entstehen. Oliver Kastalio hatte vor einem Jahr versprochen, dass man allen Geislingern, „die nicht nach Warschau wollen, eine neue Stelle in Geislingen anbieten wird“. Wie Metin Dogan jetzt erklärt, wird es nicht nur eine Stelle sein, die den Mitarbeitern angeboten werden soll, sondern gleich drei – und diese sollen „gleichwertig oder höherwertig“ als die bisherige sein. „Der Betriebsrat achtet darauf“, verspricht er. Doch eines sei auch klar: Für Angestellte aus der Buchhaltung sind teilweise auch Umschulungen nötig, Einarbeitungen sowieso. Wie fühlen sich die Mitarbeiter, die davon betroffen sind? „Wenn man jahrelang etwas anderes gemacht hat, tut sich natürlich jeder schwer“, antwortet Dogan. Wer keines der drei Angebote annehme, bekomme von der Geschäftsführung eine Stelle zugeordnet, abhängig davon, wo etwas frei sei.
Metin Dogans Blick richtet sich nun auf Ende Oktober, wenn der Interessenausgleich schriftlich unterzeichnet werden soll. Er spricht davon, dass man um Verträge kämpfen müsse und betont gleichermaßen, dass man als Belegschaft um seine Rechte kämpfen müsse. Geschenkt werde einem nichts. Das gelte heute und in der Zukunft.
Die alte WMF ist Geschichte
Zu den jetzigen mündlichen Vereinbarungen sagt er, dass „Inhalte immer fair für die Belegschaft sein müssen, da muss auch die Geschäftsführung mal was schlucken“. Dass viele Mitarbeiter bedauern, was mit dem Geislinger Traditionsunternehmen in den vergangenen Jahren geschehen ist, versteht er. „Wir sind nicht mehr die WMF, die eigenständig ist“, sagt er, „wir sind in der Hand der SEB.“ Am Ende der anstehenden Veränderungen soll die Integration des Geislinger Unternehmens in die Groupe SEB vollständig abgeschlossen sein. Dogan weiß, dass die „WMF ab 2024 nicht so aussehen wird wie heute“, aber er hofft, dass nach Jahren der Veränderungen endlich Ruhe einkehren wird.
WMF geht in der Groupe SEB auf
Gründe
Als WMF-CEO Oliver Kastalio im Oktober 2022 die Pläne für eine Umstrukturierung des Unternehmens präsentierte, betonte er, dass die Neuorganisation nötig sei, da der Markt schwierig geworden sei und sich das Kaufverhalten der Verbraucher geändert habe. Die Groupe SEB wolle den Vertrieb in Geislingen neu organisieren, um dort Kräfte zu bündeln.
Arbeitsplätze
„Wir werden mehr Stellen aufbauen als verlagern“, sagte Kastalio vor einem Jahr. Im Consumer-Bereich sollen in Geislingen 114 neue Arbeitsplätze geschaffen werden, im Gegenzug werden in Frankfurt Stellen abgebaut. In der Buchhaltung verliert Geislingen 38 Stellen an Warschau. Der erste Teil der Buchhaltung soll Anfang 2024 auswandern, der zweite Teil ein Jahr später. Durch die Umstrukturierungen will man weitere 28 Stellen in Geislingen abbauen, womit der Standort insgesamt um 48 Arbeitsplätze stärker werden soll.