Einer der deutschen Teamärzte bei der WM: Tim Meyer. Insgesamt gehören rund 30 Personen dem DFB-Betreuerstab an. Klicken Sie durch unsere Bildergalerie und finden Sie heraus, wer sich um welche Belange kümmert. Foto: Getty

Der Countdown läuft. Am 12. Juni beginnt in Brasilien die Fußball-Weltmeisterschaft. In unserer Serie stellen wir bis zum Anpfiff eine ganz besondere Elf vor. Heute: der Abwehr-Chef.

Stuttgart - Es gibt ja nicht wenige Experten, die davon Abraten, den privaten Urlaub mit Geschäftlichem zu verbinden. Aber wenn sich’s doch so sehr anbietet . . .

Im vergangenen Jahr jedenfalls bereiste Tim Meyer (46) Brasilien, drei Wochen lang war er unterwegs – und es wäre ja geradezu töricht gewesen, wenn er seine Eindrücke nicht auf der dienstlichen Festplatte abgespeichert hätte. Schließlich ist der Medizin-Professor in diesem Sommer erneut in Brasilien, in diesem Fall dann rein beruflich. Meyer ist einer der Ärzte der deutschen Fußball-Nationalmannschaft und sagt vor der am 12. Juni beginnenden WM in Südamerika: „Ich kenne die Bedingungen vor Ort.“

Das kann nur ein Vorteil sein, schließlich ist das, was die deutschen Spieler in Brasilien erwartet, nicht unbedingt alltäglich. Meyer sagt zwar über die klimatischen Bedingungen: „Das ist nichts, was die Spieler nicht schon einmal hatten.“ Hitze und Luftfeuchtigkeit unterscheiden sich jedoch von den heimischen Gegebenheiten,weshalb der Mediziner auch sagt: „Man muss sich darauf vorbereiten und sich anständig akklimatisieren.“

Meyer wacht über diese Prozesse, schließlich ist er mit dafür verantwortlich, dass die Profis möglichst gesund und leistungsfähig durch das Turnier kommen. Er ist der Mann, der über die Abwehrkräfte der Spieler wacht – soweit möglich. „Vor der Einreise“, sagt der quasi Abwehr-Chef nämlich, „kann man wenig machen.“ Außer, sich auf Eventualitäten vorzubereiten.

Einer der Ansprechpartner für Löw

Da war der Uni-Professor aus Saarbrücken mehr gefordert als vor den anderen Turnieren. Wegen der Größe des Landes und den unterschiedlichen klimatischen Bedingungen war die sorgfältige Quartierwahl je nach Auslosung besonders wichtig. „Das entscheidet natürlich der Bundestrainer“, sagt Meyer, „er holt sich aber neben anderen Personen auch bei mir Input.“

Schließlich ist es der Arzt, der auch die Möglichkeiten der medizinischen Versorgung checkt. 15 Kilometer vom deutschen Quartier entfernt befindet sich eine Klinik, Meyer war dort, hat mit den Kollegen gesprochen und die Geräte begutachtet. In der Teamunterkunft selbst liegt es hauptsächlich am DFB-Koch, auf lebensmittel­hygienische Standards zu achten. „Da ist Hygiene weitestmöglich gewährleistet“, sagt Meyer. Auch, weil bereits ein Trinkwassergutachten erstellt worden ist. Der Arzt hat zudem die Spieler über die Gefahr von Infektionen informiert und die Möglichkeit einer Impfung aufgezeigt. Die Vor-Leistungen sind damit weit­gehend abgeschlossen. Die Herausforderungen aber werden nicht kleiner.

Die heißen Temperaturen sind dabei das eine. „Natürlich spielt man lieber bei 20 als bei 30 Grad“, sagt Meyer, der seinen Schützlingen in Brasilien vor allem dazu rät, auf ausreichend Flüssigkeitszufuhr zu achten, entsprechende Kleidung zu tragen, und für Kühlung zu sorgen. Das größere Problem stellt die hohe Luftfeuchtigkeit dar.

„Das Problem liegt darin, dass sie das Schwitzen behindert“, sagt Tim Meyer, der erklärt: „Bei trockener Luft schwitzt man effektiver – und Schwitzen ist eben die beste Temperaturregulation.“ Auch da helfen Meyer seine Erfahrungen: 2002, als er erstmals bei einem Turnier dabei war, hätten in Japan und Südkorea ähnliche Bedingungen geherrscht wie nun in Brasilien. Damals meisterte das deutsche Team die Herausforderung sehr gut und spielte am Ende überraschend das Finale gegen Brasilien (0:2).

Die psychische Ebene entscheidet

Das Endspiel ist auch in diesem Jahr das Ziel der DFB-Elf. Die Unterschiede zwischen den Topteams sind mittlerweile aber marginal – weshalb viel darauf ankommt, welche Mannschaft die Turnier-Belastungen am besten wegstecken kann. „Da dies nicht die reine Physiologie betrifft, kann man Spieler medizinisch kaum auf solche Belastungen vorbereiten“, sagt Meyer über seine Rolle, die auch das Anti-Doping-Management und die Leistungsdiagnostik umfasst.

Zudem berät er die Spieler, damit sie ausreichend schlafen, gut regenerieren und sich gesund ernähren. Die Orthopäden kümmern sich mit den Physiotherapeuten um die Verfassung der Profis. Aber Meyer weiß auch: „Die Belastung einer WM unterscheidet sich in erster Linie auf psychischer Ebene.“ Der Fokus der Öffentlichkeit, die Zeitverschiebung, die langen Reisen, ein anderer Kontinent – „all diese Faktoren sind für sich allein genommen nicht das Problem“, sagt Meyer, „aber sie addieren sich“. Weshalb seit 2006 auch Sportpsychologe Hans-Dieter Hermann zum Team gehört. „2002 habe ich ­naiverweise mal gesagt: Die psychologische Betreuung machen wir doch mit“, erinnert sich Meyer, „das würde ich heute nicht mehr sagen.“ Mittlerweile sind Spezialisten für jeden Bereich Standard.

Standard ist mittlerweile auch das ­Mitwirken von Tim Meyer, der in diesem Jahr seine vierte WM als Teamarzt erleben wird. „Alle Turniere waren vom Charakter her unterschiedlich“, sagt er und versichert: „Es entwickelt sich zwar eine gewisse Routine, der Abenteuerfaktor aber ist nicht weg.“ Vor allem nicht, wenn’s nach Brasilien geht.

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