Die Handball-WM zehrt an den Kräften: Halbfinalist Deutschland muss in 17 Tagen zehn Spiele bestreiten – das ist Wahnsinn. Foto: dpa

Keine Frage: Die Begeisterung rund um die Weltmeisterschaft ist riesig. Dennoch sollten die Handballer nicht den Fehler begehen, die eigenen Schwächen zu übersehen.

Stuttgart - Wille und Widerstandsfähigkeit, Bodenständigkeit und Bescheidenheit, Fairness und Fannähe, Tempo und Teamfähigkeit, Respekt und Rasanz – es findet sich derzeit kaum ein Medium, das nicht mit Lust und Leidenschaft auflistet, was Fußballer von Handballern lernen könnten, wenn sie denn nur wollten. Einerseits hat der Handball diese Würdigung natürlich völlig verdient, weil die Werte, für die er steht, nun endlich von einem Millionenpublikum wahrgenommen werden. Andererseits ist offensichtlich, dass auch Zeitungen, Radiosender und TV-Anstalten auf den WM-Zug aufspringen, die den Handball sonst links liegen lassen und in ein paar Wochen, nur um ein Beispiel zu nennen, lieber wieder Spiele der Fußball-Regionalliga übertragen als den THW Kiel oder die Rhein-Neckar Löwen.

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Bei aller Begeisterung für die weltmeisterlichen Auftritte der Wolffs, Wienceks und Wiedes ist es deshalb nur aufrichtig, eine zweite Frage zu stellen: Was kann der Handball eigentlich vom Fußball lernen? Und das ist gar nicht so wenig.

Drei bedeutungslose Duelle am letzten Spieltag der Hauptrunde

Wer (wie der Autor) eine dreistellige Euro-Summe ausgegeben hat, um den letzten Spieltag der deutschen Hauptrundengruppe in Köln live zu erleben, musste sich veräppelt vorkommen: Der sportliche Wert der drei Duelle tendierte gegen Null, da fast alle Entscheidungen schon vorher gefallen waren. Die zweite Garde, die Bundestrainer Christian Prokop zumeist aufs Feld schickte, tat beim 31:30-Sieg gegen Spanien zwar alles dafür, um das Publikum zu unterhalten, doch was die ebenfalls schon fürs Halbfinale qualifizierten Franzosen gegen Kroatien zeigten (20:23), war fast schon peinlich. Der Motor des Titelverteidigers lief gerade noch auf Standgas, was nur zeigte: Die Handball-WM benötigt einen anderen Modus, der nicht nur weniger komplizierter ist, sondern auch spannender. Dramatik in der Endphase eines Turniers garantieren nur K.-o.-Spiele, am besten schon ab dem Achtelfinale. Wie bei einer Fußball-WM.

Deren Terminplaner nehmen sich zudem die Zeit, den Kickern genügend Regenerationsphasen zu gewähren. In der Vorrunde liegen fünf, sechs Tage zwischen den Partien, danach in der Regel immer noch zumindest vier. Wer bei der Handball-WM ins Halbfinale kommt, hat innerhalb von 16 oder 17 Tagen zehn (!) Spiele. Ein Wahnsinn, der auch noch zu Wettbewerbsverzerrungen führt – weil es immer wieder vorkommt, dass ein Team an zwei aufeinanderfolgenden Tagen spielen muss, während der Gegner (wenigstens) einen Tag Pause hatte. Im Fußball ein völlig undenkbares Szenario.

Die Handballer müssen ihre Werte bewahren

Die Handballer zeigen bei der WM, welche Kraft in ihnen und ihrer Sportart steckt. Dass sie echte Typen sind, die nichts umhaut. Für ihre Funktionäre muss es nun allein darum gehen, diese Werte zu bewahren. Mit allen Mitteln. Und natürlich auch der Cleverness, von anderen zu lernen. Der Fußball wäre sicher nicht so populär, wenn er alles falsch machen würde.

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