Kolumne zur WM 2018 Warum England ein Erfolg zu gönnen wäre

Von Gunter Barner 

Harry Kane und das englische Team zeigten im ersten Spiel bei der WM 2018 eine gute Leistung. Foto: AP
Harry Kane und das englische Team zeigten im ersten Spiel bei der WM 2018 eine gute Leistung. Foto: AP

Auf der Insel hat alles begonnen – und ihr erstes Spiel bei der WM 2018 in Russland konnten die Fußballer aus England auch erfolgreich bestreiten. Reicht es dieses Mal zum ganz großen Wurf?

Stuttgart - Ich bin dem englischen Fußball zu Dank verpflichtet. Er hat insgeheim meine beruflichen Schritte gelenkt. Womöglich wäre ich Baggerfahrer geworden, Schildkröten-Dompteur oder Testesser für Katzenzungen.

Als kleiner Junge kauerte ich jedenfalls in fiebernder Erwartung vor einem kleinen Schwarzweiß-Fernseher, als England gegen Deutschland spielte. Samstag, 30. Juli 1966, 15 Uhr, Londoner Wembleystadion, das WM-Finale. Es war ein bedeutender Tag: Es gab Kartoffelchips und eine Libella.

So sicher wie die Bank von England

Zu den Bildchen in meinem Sammelalbum hatten sich in den Wochen vor der Weltmeisterschaft faszinierende Geschichten gesellt. Von großen Namen und noch größeren Spielen. „In England“, erzählte mein Vater mit wichtiger Miene, „wurde der Fußball erfunden.“ Und wohl auch, weil es aus erzieherischer Sicht so gut passte wie der Ball in den Torwinkel, referierte er über Fair Play, Kameradschaft und Anstand. Ich bewunderte Jack und Bobby Charlton, den genialen Bobby Moore und ganz besonders den Schlussmann Gordon Banks. Er war auf dem rechten Auge blind, aber sein Tor, sagten die Erwachsenen, sei trotzdem so sicher wie die Bank von England. Die deutsche Mannschaft dagegen zählte irgendwie schon zu unserer Familie: Uwe Seeler, Siggi Held, Wolfgang Weber, Wolfgang Overath, Franz Beckenbauer, Hans Tilkowski, Lothar Emmerich und Trainer Helmut Schön, der immer so guckte, als hätte ihm der DFB das Gehalt nicht pünktlich überwiesen. In den Tagen vor dem Endspiel waren sie alle meine Verwandte.

Vielleicht nahm ich das Wembley-Tor von Geoff Hurst zum 3:2 in der Verlängerung deshalb so persönlich, weil ich zum ersten Mal zu spüren glaubte, was Ungerechtigkeit bedeuten kann. Nach dem Schlusspfiff jedenfalls schluchzte ich jämmerlich und versprach meinem Vater, dass ich mal Nationalspieler werde. „Und dann gewinnen wir das Endspiel gegen England.“

Gereicht hat es nur bis zum rechten Läufer in der örtlichen A-Jugend und zum Kapitän der Schulmannschaft. Der Jugendauswahltrainer bestätigte mir zwar eine gute Technik, aber das Sprintvermögen einer Wanderdüne. Weshalb ich lernte, einigermaßen zügig über das zu schreiben, was ich liebe: den Sport und den Fußball.

Paul Gascoigne im falschen Bus

Ich vermute, dass es mit der Lust auf Revanche so ist, wie mit der ersten großen Liebe: Man denkt noch immer daran, leidet aber nicht mehr darunter. Die Engländer jedenfalls taten mir leid, als sie 1990 im WM-Halbfinale in Turin nach dem verlorenen Elfmeterschießen (4:5 ) gegen Deutschland wie nasse Hunde vom Spielfeld schlichen. Paul Gascoigne, der wegen einer gelben Karte das Finale ohnehin verpasst hätte, stieg mit Tränen in den Augen versehentlich in den deutschen Mannschaftsbus. Und saß dort tief in seine Gedanken versunken, bis ihm Jürgen Klinsmann auf die Schulter tippte: „Sorry, Paul!“

Während der Europameisterschaft 1996 in England sind mir die „three lions“ und ihre Fans dann regelrecht ans Herz gewachsen. Freundlich, korrekt, total fußballverrückt und mit Badehose in der Sauna sitzend. Very british eben. Der Taxifahrer kannte alle deutschen Spieler und vor dem altehrwürdigen Wembleystadion winkte aus einem Rolls-Royce ein weißer Handschuh und grüßte ein lindgrüner Hut. Drinnen sangen 90 000 aus voller Brust: „God save the Queen.“ Wieder war im Halbfinale gegen Deutschland Schluss, wieder im Elfmeterschießen (6:7). Den entscheidenden Elfer verschoss Gareth Southgate, der heutige Coach.

Mein Herz gehört der deutschen Elf, meine Sympathie den Engländern, dem Land in dem alles begann. Immer nur Inspector Barnaby, liebe Sportsfreunde, das kann es doch noch nicht gewesen sein.

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