Die Fans leben es vor: Die US-Fußballer gehen entschlossen ins Gruppenfinale Foto: Getty

Die US-Amerikaner überraschen bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien. Für den Basketballtrainer der MHP Riesen Ludwigsburg, John Patrick, kommt das nicht von ungefähr.

Die US-Amerikaner überraschen bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien. Für den Basketballtrainer der MHP Riesen Ludwigsburg, John Patrick, kommt das nicht von ungefähr.
 
Stuttgart - Herr Patrick, sind Sie auch im Fußballfieber?
Natürlich. Vor kurzem war ich noch in Japan unterwegs. Da bin ich extra um 4 Uhr morgens aufgestanden, um das zweite Gruppenspiel der Brasilianer gegen Mexiko anzuschauen.
Das überrascht. Von einem Basketballtrainer aus den USA hätte ich eine andere Antwort erwartet. Meistens haben ja Basketballer nichts mit Fußball am Hut.
Bei mir ist das anders, ich liebe diesen Sport. Ich habe neun Jahre lang gekickt. Von der dritten bis zur elften Schulklasse war ich im Fußballteam eines Clubs in Washington – und spiele heute noch im privaten Kreis mit großer Begeisterung.
Mit der gleichen Begeisterung schauen Sie auch die WM in Brasilien und die starken Auftritte der US-Boys?
Ja, und ich muss zugeben: Ich bin ein echter Jürgen-Klinsmann-Fan. Allerdings nicht erst, seitdem er Nationaltrainer der USA ist, sondern auch schon davor. Ich habe ihn bereits als Spieler und Trainer der deutschen Nationalmannschaft bewundert. Und was er bislang mit dem US-Team auf die Beine gestellt hat, ist herausragend. Er lebt der Mannschaft den Erfolg vor: mit seinem Enthusiasmus, seiner Energie am Spielfeldrand, seiner Führungskraft und seiner mutigen Art, neue Wege zu gehen.
Dennoch hat Jürgen Klinsmann in den USA auch viel Kritik einstecken müssen.
Obwohl er bisher nichts falsch gemacht hat.
Aber er hat Ihre Landsleute desillusioniert, indem er kurz vor der WM gesagt hat, dass sein Team nicht in der Lage sei, den Titel zu holen.
Was vermutlich jeder, der ein bisschen Ahnung vom Fußball hat, so unterstreichen würde. Qualitativ hat das Team nicht die besten Spieler der Welt. Trotzdem wollen wir Amerikaner so etwas nicht hören, wir glauben immer an das Unmögliche. Wir lieben diese Geschichten, wenn sich ein Außenseiter, ein absoluter Underdog, gegen eine Übermannschaft durchsetzt.
Wie 1980 bei den Olympischen Winterspielen in Lake Placid, als die US-Eishockeynationalmannschaft die Großmacht Sowjetunion im Finale besiegte.
Genau, das war so ein Schlüsselerlebnis, das sich in das kollektive Gedächtnis der Amerikaner eingebrannt hat. Alles ist im Sport möglich, wenn man es nur wirklich will und alles dafür aus sich herausholt. Ich bekomme heute noch Gänsehaut, wenn ich mich an das sogenannte „miracle on ice“ erinnere.
Was bei der WM mal wieder auffällt, ist der Teamspirit, mit dem die US-Amerikaner in den Gruppenspielen gegen Ghana und Portugal aufgetreten sind. Woher kommt der?
Ich glaube, dass dabei die USA als Schmelztiegel vieler Nationen, Religionen und ethnischer Gruppen eine entscheidende Rolle spielen. Das mag sich zwar merkwürdig anhören, aber in den Vereinigten Staaten spielen in einer Sportmannschaft Herkunft, Sprache oder Weltanschauungen keine Rolle. Es gibt nur ein gemeinsames Ziel: den Erfolg. Und der kann nur erreicht werden, wenn alle geschlossen an einem Strang ziehen. Das weiß jeder. Wenn Sie in den USA zum Beispiel irgendwo in einer Mannschaft mitspielen wollen, egal ob Fußball, Basketball, Baseball oder Eishockey, sind Sie stets herzlich willkommen – vorausgesetzt, Sie sind mit vollem Engagement, Einsatz und Enthusiasmus dabei. Die Leistung kommt dann von alleine.
Passend dazu heißt der Slogan der Klinsmann-Truppe in Brasilien auch „One Nation, one Team“ – ein Land, ein Team. Eine Anspielung auf die Liebe fürs Vaterland. Ist Sie bei den US-Sportlern denn mehr ausgebildet als bei anderen Nationen?
Das ist schwer zu beantworten. Ich bin jedenfalls kein Freund von zu viel Patriotismus. Bei mir finden Sie auch keinen Sternenbanner am Auto. Deswegen finde ich den Slogan nicht so geeignet. Zu viel Patriotismus endet irgendwann in Nationalismus – und der hat im Sport nichts verloren.
Dennoch ist offensichtlich, dass die Siegermentalität der US-Sportler eine besondere ist. Woran liegt das?
Meiner Meinung nach beginnt das schon in der Kindheit. Die Kleinen bekommen in den USA das Streben nach Erfolg im Sport viel früher eingeimpft als etwa in Deutschland.
Das müssen Sie erklären!
Ich will Ihnen ein Beispiel nennen. Hierzulande hat ein Kind im Fußball das große Ziel, mal Bundesliga-Profi oder Nationalspieler zu werden. In den USA ist das ein wenig anders. Ein Elfjähriger träumt in den Staaten natürlich auch von der großen Karriere. Zunächst peilt er aber ein Zwischenziel an: ein College-Stipendium. Dafür muss er von Anfang an alles geben, im Training, im Wettkampf oder in den vielen Camps, die in den Ferien veranstaltet werden. Denn die Kinder in den USA haben schon in jungen Jahren gelernt, dass sie mit einem Stipendium ihren geliebten Sport am besten ausüben können.
Aber nicht nur, weil sie dann genügend Zeit während des Studiums für Basketball, Baseball oder Eishockey haben . . .
. . . nein, auch weil das komplette Studium von der Universität oder dem College finanziert wird. In Stanford kostet beispielsweise ein vierjähriges Studium 300 000 US-Dollar (Anm. der Red. rund 221 000 Euro). Für Sporttalente, die ein Stipendium erhalten, ist es kostenfrei. Sie müssen nichts bezahlen. An der Uni oder am College werden sie dann von den besten Trainern betreut. Ein ungemeiner Anreiz. Deshalb beobachten Jugendliche ihre Sportart, die Wettbewerbe und die Konkurrenten ganz genau. Sie verinnerlichen ihren Sport. Das Vereinssystem in Deutschland gibt diese Möglichkeiten nicht her. Hierzulande durchlaufen die Kinder allenfalls Auswahlmannschaften, aber eine Ausbildung, ein Studium ist – im Gegensatz zu den Gegebenheiten in den USA – nur ­selten an die sportliche Weiterentwicklung gekoppelt.
Sie selbst kamen in den Genuss eines Basketball-Stipendiums.
Und es war ideal. Jeder Tag war durchgetaktet. Es war immer genügend Zeit für mein Studium in Bürgerlichem Recht und den Sport. Zudem hatten wir spitzenmäßige Trainingsbedingungen, weil auch sehr viel Geld in die College-Teams fließt. Ein Beispiel: In Kentucky hat das dortige College-Basketballteam der Männer einen Saisonetat von 35 bis 40 Millionen US-Dollar (etwa 25,6 bis 29,3 Millionen Euro). Finanziert wird es über Gönner und Sponsoren. Aber auch über die Einnahmen aus dem Verkauf von TV-Übertragungsrechten. Die Rechte für das größte Amateur-Turnier, das March Madness, hat die College-Organisation kürzlich für 10,8 Milliarden US-Dollar (knapp 7,9 Milliarden Euro) bis 2024 an vier Fernsehsender verkauft. Daraus können Sie erkennen, welches finanzielles Potenzial im College-Sport steckt.
Noch mal zurück zum Fußball: Was können weitere Erfolge der US-Auswahl bei der WM in Ihrer Heimat bewirken?
Sie haben schon ziemlich viel bewirkt. Ich bin der Meinung, dass aus den „Big 4“, den vier herausragenden Sportarten in den USA, also Baseball, Basketball, American Football und Eishockey, künftig die „Big 5“ werden. Soccer wird bald dazugehören. Die Auftritte von Jürgen Klinsmanns Kickern haben, soweit ich das von hier beurteilen kann, in meiner Heimat einen Riesenschub ausgelöst. Die Euphorie ist riesig, die Spiele werden von vielen Millionen im Fernsehen und beim Public Viewing verfolgt. Fußball in den USA ist auf einem guten Weg.
Wo schauen Sie die Partie zwischen Deutschland und den USA an diesem Donnerstag an?
Ich werde mit meinem Sohn wahrscheinlich zum Public Viewing nach Ludwigsburg ­gehen.
Und welcher Mannschaft drücken Sie die Daumen?
(Lacht) Da bin ich als Ludwigsburger Basketballtrainer sehr regional gepolt. Ich bin für die Mannschaft mit dem Mann aus ­Botnang an der Spitze.
Also für die USA.
Ja, auch wenn ich trotz der guten Spiele nicht davon ausgehe, dass sie gewinnen ­werden.
Ein Tipp, wie geht das Spiel aus?
Ich hoffe auf ein 3:3. Dann wären beide Teams im Achtelfinale – und das würde mich am meisten freuen.
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