Shkodran Mustafi, Christian Atsu (Ghana.re.): als Nachzügler zur WM Foto: dpa

Selbst Experten wussten nichts von ihm. Jetzt spielt Shkodran Mustafi bei der WM für Deutschland. Aber so ganz fehlerfrei klappt das noch nicht. Der für den jungen Spieler erstaunlichste Aspekt an der Geschichte hat übrigens mit WG-Genosse Miro Klose zu tun.

Selbst Experten wussten nichts von ihm. Jetzt spielt Shkodran Mustafi bei der WM für Deutschland. Aber so ganz fehlerfrei klappt das noch nicht. Der für den jungen Spieler erstaunlichste Aspekt an der Geschichte hat übrigens mit WG-Genosse Miro Klose zu tun.

Santo André - Es gibt ja viel zu bestaunen für Shkodran Mustafi in diesen Tagen, alles ist neu, auf alles muss er sich irgendwie ­einstellen, ohne groß anzuecken. Was ihn aber am meisten erstaunt, ist weder sein WM-Debüt im Auftaktspiel gegen Portugal mit dem direkten Duell gegen den Weltfußballer Cristiano Ronaldo noch die Aussicht, dass er im dritten Gruppenspiel gegen die USA an diesem Donnerstag (18 Uhr MESZ/ARD) in Recife erneut zum Zuge kommen kann.

Es ist die Begegnung mit Miroslav Klose. Denn dieser Klose ist mit seinen 36 Jahren gerade mal drei Jahre jünger als sein Vater Kujtim. „Das ist doch verrückt, oder? Auch Miro konnte es nicht glauben, dass er fast mein Vater hätte sein können. Stattdessen ist er jetzt mein WG-Partner.“ Im Teamquartier Campo Bahia wohnen beide unter einem Dach, der Herbergsvater Klose (133 Länderspiele) und sein junger Zögling Mustafi (drei Länderspiele), den alle nur Musti nennen.

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Einen größeren Gegensatz gibt es nicht im deutschen Team, und ein größeres Märchen auch nicht wie das vom Aufstieg des Shkodran Mustafi (22), der einen verrückten, weil turbulenten Sommer erlebt. Es war ja schon eine Überraschung, dass Bundestrainer Joachim Löw den Verteidiger in Diensten von Sampdoria Genua im März für das Länderspiel gegen Chile in Stuttgart aus dem Hut zauberte. Shkodran wer?, fragten selbst Fußballkenner, was Mustafi nachvollziehen kann: „In Italien bin ich ein bisschen zum Fanliebling gereift, in Deutschland bin ich Mister Unbekannt“, sagt das in Bad Hersfeld geborene Talent.

Das liegt daran, dass er mit 17 Jahren aus der Jugend des Hamburger SV in den Nachwuchs des FC Everton gewechselt war. Weil er dort kaum zum Einsatz kam, ging er vor zweieinhalb Jahren nach Genua, wo er mit Sampdoria in die Serie A aufstieg. Beim DFB durchlief er von der U 16 bis zur U 21 alle Jugend-Auswahlteams. Mit der U 17 gewann er 2009 an der Seite von Mario Götze und Marc-André ter Stegen den EM-Titel. Deshalb hatte ihn auch Joachim Löw stets auf dem Radar, trotz der geografischen Entfernung nach Italien.

Trotzdem war nicht unbedingt zu erwarten, dass Shkodran Mustafi mit ins Trainingslager nach Südtirol durfte – eher schon, dass Löw, wie es dann auch geschah, ihn bei der Nominierung seines endgültigen WM-Kaders aussortierte. Dass er dennoch in Brasilien dabei ist, ist eine jener Wendungen, die in keinem Drehbuch stehen. Am Abend vor dem Abflug verletzte sich Marco Reus im letzten WM-Test gegen Armenien so schwer, dass er für die WM ausfiel. Löw rief bei Mustafi an und erwischte ihn im nordhessischen Bebra – in einer Autowerkstatt, wo er seinen Wagen richten ließ.

„Komm nach Frankfurt, du fliegst mit nach Brasilien“, sagte Löw. Minuten später hatte Mustafi den Urlaub auf Ibiza, den er mit einigen Kumpels geplant hatte, abgesagt – und ab ging es zum Flughafen. „Das war alles so hektisch, das musste ich erst mal verkraften und verstehen“, sagt Mustafi.

Er ist darüber hinweggekommen, auch wenn sein erster WM-Auftritt gegen Portugal etwas wackelig wirkte und sein zweiter im Zeichen seines Patzers stand, mit dem er gegen Ghana das Gegentor zum 1:1 verschuldete. Dennoch hofft er nun gegen die USA auf seinen vierten Länderspiel-Einsatz, den dritten bei dieser WM.

Dass Mustafi in Miroslav Klose einen prominenten Fürsprecher hat, schadet seinem weiteren Fortkommen bestimmt nicht. Mustafi hat rund 50 Spiele in der italienischen Serie A bestritten. „Ich habe Musti oft gesehen, und ich muss sagen: Er ist zu Recht hier“, sagt Klose, „für mich macht er in der Defensive bei Sampdoria den Unterschied, er ist der Eckpunkt in der Abwehr.“ Ein Trumpf des Sohnes albanischer Eltern, der neben Albanisch fließend Deutsch, Englisch und Italienisch spricht, ist seine Vielseitigkeit. Er hat alle Defensivpositionen schon einmal bekleidet. Ein weiterer Vorzug ist seine sportliche Vergangenheit. „In England habe ich mich körperlich weiterentwickelt“, sagt er, „und in Italien ist die taktische Schule hinzugekommen.“

Englische Athletik gepaart mit italienischer Disziplin: Für einen Innenverteidiger gibt es kaum eine bessere Empfehlung. Wenn er jetzt noch Stockfehler wie gegen Ghana zu vermeiden lernt, könnte es was werden mit der großen Karriere.

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