Wütende Proteste von WM-Gegnern in São Paulo – während der Weltmeisterschaft soll es solche Szenen nach dem Willen der brasilianischen Regierung nicht geben. Foto: dpa

Der Countdown läuft. Am 12. Juni beginnt in Brasilien die Fußball-Weltmeisterschaft. In unserer Serie zur Fußball-WM 2014 der Stuttgarter Nachrichten stellen wir bis zum Anpfiff eine ganz besondere Elf vor. Heute: der Sicherheits-Chef.

Rio de Janeiro - Im Grunde könnte die Vorfreude auf ein friedliches Fußballfest in den kommenden Wochen ja kaum größer sein. Eine WM im fußballverrückten Brasilien – und dann noch ohne die drohende Gefahr eines Anschlags islamistischer Terroristen. Denn: Diese Art von Terror, die bei der WM 2006 in Deutschland oder bei den Olympischen Spielen 2012 in London befürchtet worden war, spielt in ganz Lateinamerika bislang so gut wie keine Rolle. Die Herausforderungen bezüglich der Sicherheit sind dennoch beträchtlich. Andrei Augusto Passos Rodrigues soll sie meistern.

Bereits der Confed-Cup im vergangenen Jahr stand im Zeichen massiver Proteste der Bevölkerung. Es waren alles andere als beruhigende Bilder, die von Brasilien aus in die Welt gingen – Rodrigues soll nun dafür sorgen, dass sich die Geschichte bei der WM nicht wiederholt. Nach dem Confed berief Staatspräsidentin Dilma Rousseff den heute 48-Jährigen ins Amt des „außerordentlichen Staatssekretärs für die Sicherheit von Großveranstaltungen“. Aus gutem Grund.

Rousseffs Vertrauen in den zurückhaltend auftretenden Bundespolizisten ist groß – 2010 war er ihr Chefleibwächter während des Wahlkampfs. Schon damals überließ er nichts dem Zufall, nun arbeitet er ebenso sorgfältig. Ein Beispiel: Mit einer Flotte unbemannter Drohnen wird er das Spektakel aus zehn Kilometer Höhe überwachen.

Rodrigues
„Das ist ein enorm wertvolles Sicherheitsinstrument“, sagt der Sicherheits-Chef. 

Auch ohne die Terrorgefahr mit religiösem Hintergrund ist die Herausforderung, während der WM die Sicherheit von Teilnehmern, Gästen und Einheimischen zu garantieren, eine riesige Herausforderung. Da sind die riesigen Distanzen im Austragungsland, da ist die Kriminalität in den Megastädten São Paulo und Rio de Janeiro, da sind gewaltbereite Demonstranten. Ein ­besonders Augenmerk legt Rodrigues auf gewaltbereite Fans aus dem Nachbarland Argentinien.

Die gefürchteten „barras bravas“ aus Argentinien, die wie kriminelle Vereinigungen organisiert sind und die eigenen Funktionäre erpressen, sind jedenfalls nur schwer kontrollierbar. Gegen den Clubpräsidenten von San Lorenzo, ganz nebenbei der Lieblingsverein von Papst Franziskus, gab es ­zuletzt Morddrohungen. Sein Vergehen: Er versagte den Ultras seine Unterstützung bei ihrem WM-Projekt.

In Argentinien war eine Debatte darüber entbrannt, ob den gefürchteten Hooligans die Ausreise nach Brasilien verboten werden soll. „Wir stehen mit den Sicherheitskräften aus allen teilnehmenden Ländern in Kontakt“, sagt Rodrigues. Doch auch in der Heimat gibt es Probleme.

Sogenannte Black Blocks, die sich unter die meist friedlichen Proteste der WM-Gegner mischen, machen Passos Rodrigues Sorgen. Die meist ganz in schwarz gekleideten und vermummten Aktivisten haben in São Paulo und auch in Rio zuletzt häufiger für Chaos und Angst gesorgt – und selbst so manch friedlich gesinnten Demonstranten von einem Protest abgehalten. Mit einer Heerschar von Polizeikräften will Rodrigues die Probleme in den Griff kriegen.

Schon jetzt bevölkern ungewöhnlich viele und ebenso nervöse Sicherheitskräfte die Copacabana in Rio. Allein im Bundesstaat Rio soll eine Armee von 20 000 Polizisten für ein Gefühl von Sicherheit sorgen. Ob sie die auch garantieren können, steht auf einem anderen Blatt.

Das größte Problem bleibt dabei die ganz normale Alltagskriminalität in Brasilien. Die umstrittenen Befriedungsaktionen der Spezialkräfte in Rio de Janeiro (UPP) haben in den vergangenen Jahren zahlreiche Favelas von Drogengangs befreit. Die umstrittenen Aktionen waren zuvor angekündigt, meist verließen die Gangs die Viertel, ohne dass ein Schuss fiel. Und trotzdem sind die Kriminalitätsraten in die Höhe geschossen.

Der Hintergrund: Weil das einträgliche Geschäft mit dem Drogenhandel im angestammten Viertel nicht mehr möglich war, verlagerten die Gangs ihre Deals auf andere Schauplätze oder sattelten gleich auf Straßenräuber um. Der TV-Sender Globo berichtete zuletzt von einem Anstieg der Kriminalitätsrate von über 40 Prozent in Rio de Janeiro. Polizisten weisen Touristen am Strand schon jetzt darauf hin, die mitgebrachte Kamera möglichst nicht aus der ­Tasche zu ziehen.

Der Erfolg der WM hängt auch von der Arbeit von Passos Rodrigues ab. Gelingt es ihm, das Großereignis weitgehend sicher und ohne große Zwischenfälle über die Bühne zu bekommen, dürfte das auch die eigene politische Karriere beflügeln. Die Wiederwahl von Präsidentin Dilma Rousseff gilt im Falle einer erfolgreichen WM sowieso als sicher. Zurücklehnen könnte sich Andrei Augusto Passos Rodrigues aber auch dann nicht: 2016 kommt Olympia nach Rio.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: