Auf dem Sprung zur Weltmeisterschaft: Mittelfeldspieler Christoph Kramer. Foto: Bongarts

Lars Bender ist verletzt, Sami Khedira und Bastian Schweinsteiger suchen ihre WM-Form. So rückt für die Position im defensiven Mittelfeld unversehens ein Nobody ins Blickfeld: Wenn nicht alles täuscht, kann Christoph Kramer schon die Koffer für Brasilien packen.

St. Leonhard - Es kommt nicht alle Tage vor, dass Joachim Löw ohne Not einen Einblick in seine geheimsten Gedanken gewährt. Eine Woche hat der Bundestrainer noch Zeit, bis er am 2. Juni seinen endgültigen 23-Mann-Kader für die WM preisgibt. Letztes Nominierungskriterium ist das Länderspiel tags zuvor gegen Kamerun. Tatsächlich hat Löw am Montag einen Teufel getan und enthüllt, welche drei Spieler er aus seinem vorläufigen Aufgebot streichen wird. Dafür hat er in ungewohnter Deutlichkeit über einen Spieler referiert, den er auf alle Fälle mitzunehmen gedenkt. Einen Mann, den Fußballdeutschland bisher nur vom Namen her kennt: Christoph Kramer (23), von Bayer Leverkusen an Borussia Mönchengladbach ausgeliehen und dort auf Anhieb zum Stammspieler gereift. „Seine WM-Chancen sind gut, einfach gut“, sagte Joachim Löw über das Talent auf der Sechser-Position und ging ins Detail: „Er ist laufstark, ballsicher, belastbar, immer anspielbar und defensiv zweikampfstark. Mein Eindruck von ihm ist absolut positiv.“

Das ist viel Lob für einen, der sich in der vorletzten Saison beim VfL Bochum noch durch die zweite Liga geackert hat. Und was sagt der Vielgepriesene selbst? Christoph Kramer sagt über seine Perspektive, im ersten Gruppenspiel am 16. Juni gegen Portugal womöglich auf Cristiano Ronaldo zu treffen, den er am Samstag noch im Champions-League-Endspiel vorm Fernseher bestaunt hat: „Wenn eines im Sport nichts zu suchen hat, dann ist es Angst.“ Ohnehin habe er Ronaldo am Samstag nur ganz kurz gesehen: „So ungefähr von der 115. Spielminute an.“ Davor, soll das eher geringschätzig heißen, war Portugals Superstar ja abgetaucht gewesen.

Ganz schön kess, dieser Junge, der viele Facetten und so viel zu erzählen hat. Oder besser: zu schreiben. Normalerweise notiert er das, was er erlebt, in ein schwarzes Büchlein, denn Christoph Kramer pflegt ein Hobby, das für einen Fußballprofi ziemlich altmodisch ist: Er führt Tagebuch. Darin hält er alles fest, „was man normalerweise über die Jahre vergisst, aber so kann ich das später alles mal nachlesen“. Das Dumme ist nur, dass er seit Wochen nicht mehr zum Schreiben kommt. Es prasselt einfach zu viel auf ihn ein.

Und es wird nicht weniger werden. Es war ja schon eine dicke Überraschung, dass er es überhaupt in den 30-Mann-Kader geschafft hat. Beim Testspiel gegen Polen hatte er noch dem Perspektivkader angehört, den Joachim Löw notgedrungen bilden musste, weil die meisten seiner Stammkräfte noch bei ihren Vereinen in der Pflicht standen. Kramer spielte stark, und weil Löw gut daran tat, angesichts der Verletztenliste mit Khedira, Schweinsteiger und Philipp Lahm die Defensivzentrale zu stärken, verdrängte Kramer den Augsburger Offensivmann Andre Hahn aus dem erweiterten Kader – worüber er selbst am meisten überrascht war: „Ich hatte keine Ahnung, dass der Bundestrainer seinen 30-Mann-Kader noch umschmeißen kann.“ Gegen Polen sei sein „absoluter Traum, einmal für die A-Mannschaft auf dem Platz zu stehen“, in Erfüllung gegangen, mehr wollte er zunächst gar nicht. Jetzt freut er sich, „dass es zehn Tage weitergeht“, zehn Tage bis zur finalen Nominierung, die für ihn nach der Verletzung und dem WM-Aus von Lars Bender zum vorläufigen Höhepunkt seiner Blitz-Karriere werden dürfte. „Ich habe mir vorgenommen, mir nicht künstlich Druck aufzubauen und die Zeit im Trainingslager einfach zu genießen, ohne Hintergedanken“, sagt Kramer, der sich zunächst als „Streichkandidat Nummer eins“ gesehen hat. Nun darf er davon ausgehen, dass sein Name auf der Liste stehen wird, die Bundestrainer Löw nächsten Dienstag an den Weltverband Fifa schicken lässt. „Er hat seine Chance genutzt“, hat Löws Assistent Hansi Flick schon dieser Tage gesagt.

Genutzt hat er sie auf seine typische Art – als Marathonmann der Liga. Das auffälligste Merkmal dieses Christoph Kramer ist das immense Laufpensum, das er Spiel für Spiel abspult: 13 Kilometer im Schnitt, so viel wie kein anderer Bundesliga-Profi. Voller Wertschätzung ordnet ihn Lucien Favre, sein Trainer in Mönchengladbach, als „Box-to-Box-Player“ ein, als einen, der das ganze Gelände vom einen Strafraum (Box) zum anderen beackert. „Ob das immer so sinnvoll ist, sei mal dahingestellt“, sagt Christoph Kramer, was reichlich kokett klingt – jetzt, wo er genau dafür die Bestätigung von höchster Stelle bekommen hat. Der „hohe Aktionismus“, den er sich selbst bescheinigt, ist ja zunehmend zielführend, wie seine Aktionen ist auch seine Karriere immer geradliniger geworden. „Ich will immer helfen“, sagt Kramer über sich und sein Spiel, „deshalb will ich auf dem Platz überall dabei sein.“

Demnächst ist er wohl auch auf einigen Plätzen in Brasilien dabei.

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