Die argentinische Nationalmannschaft kommt am 2. Juni 1974 in Stuttgart an - mehr Eindrücke vom WM-Jahr 1974 in unserer Bildergalerie! Foto: Kraufmann

Man muss es mit der Dankbarkeit nicht übertreiben, schon gar nicht beim WM-Finale am Sonntag, aber die Argentinier haben sich um Stuttgart verdient gemacht. Denn eine argentinischen Nacht im Sommer 1974 veränderte die Stadt: Da verschmeckten die Stuttgarter den Spaß am Feiern.

Stuttgart - Man kann sich das heute nicht mehr vorstellen. Aber damals im Jahre 1974 war eine Fußball-WM eine ziemlich gemütliche Veranstaltung, das Wort Event war damals noch nicht erfunden. Public Viewing beschränkte sich auf einen Blick im Fernseher eines Schaufensters, und wenn sich der Schwabe vergnügte, fegte er das Trottoir, putzte das Auto und kurbelte den Bürgersteig hoch.

So waren die Stuttgarter auch nicht sonderlich euphorisch, als der Deutsche Fußball-Bund verkündete, man wolle vier WM-Spiele in Stuttgart austragen. Im Gegenteil. Was das wieder kostet?!, stöhnte man. 24 Millionen Mark sollte man fürs Auffrischen des Neckarstadions ausgeben, zu viel für die Schwaben. Das Volk erzwang einen Bürgerentscheid, doch der scheiterte, und so sah man im Juni 1974 im 73 000 Menschen fassenden Stadion die Spiele von Polen gegen Argentinien, Italien und Schweden sowie das Duell Italien gegen Argentinien. Karten dafür gab’s genug, am 15. Juni schlug Polen Argentinien mit 3:2 durch drei Tore von Gregorz Lato – vor 31 500 Zuschauern.

Wie überhaupt die Argentinier um Mario Kempes sportlich wenig Eindruck hinterließen, anders als zwei argentinische Qualitätsimporte. Unvergessen ist Juan Manuel Fangio, Formel-1-Weltmeister auf den Mercedes-Silberpfeilen. Und Weltmeister José Basualdo kickte von 1989 bis 1991 für den VfB. Seine Vorgänger von 1974 sorgten indes nur abseits des Platzes für Aufregung.

Die Mannschaft logierte im Holiday Inn in Sindelfingen. Einer der Spieler soll dort ein Zimmermädchen vergewaltigt haben. Zum Prozess kam es nicht, die Polizei ermittelte wegen sexueller Beleidigung, es erging kein Haftbefehl. Flugs setzten die Argentinier den mutmaßlichen Übeltäter in den Flieger nach Hause. Damit war der Fall für die Justiz erledigt.

Ganz andere Wellen schlug hingegen die argentinische Nacht. Der damalige Verkehrsdirektor Peer-Uli Färber hatte sich vorgenommen, die Stadt bestens zu präsentieren. „Die Gäste sollen nicht denken, Stuttgart sei ein verschlafenes Provinznest“, sagt er und organisierte die langen Nächte auf dem Schillerplatz. Jede Nacht eine Hommage an die Gäste. Und so bat man zur italienischen Nacht mit Heino, zur polnischen Nacht und zur schwedischen Nacht mit den Fischer-Chören. Doch alles begann mit der argentinischen Nacht, bei der die Zigeunerinsel und Jaime Torres, das Ballett von Santiago Ayala, die Grünen Funken, die Fuchsrainer und Grubers Pop-Show-Sextett auftraten. Das liest sich aus heutiger Sicht nicht sonderlich prickelnd, doch Zehntausende strömten in die Innenstadt und genossen es, bis 2 Uhr früh im Freien feiern zu dürfen. Ohne daran zu denken, dass man am nächsten Morgen wieder schaffen musste.

Die Klettpassage wurde damals gerade gebuddelt – ohne Proteste –, die Vereinigten Hüttenwerke standen damals noch zwischen Eberhard- und Hauptstätter Straße, die Königstraße war noch keine Fußgängerzone, der Schlossplatz keine Liegewiese, und die Innenstadt keine Feierzone. Draußen hocken in der Kneipe war unbekannt, man hätte ja vom Nachbarn beim Müßiggang ertappt werden können.

Doch die argentinische Nacht lockte die Stuttgarter aus der Reserve. „Die Stadt schien in ein neues Sommerkleid geschlüpft zu sein“, schrieb ein Chronist, „zeigte sich traumhaft verwandelt.“ 60 000 Menschen kamen. Und der Schillerplatz „schien verzaubert und durch die weichen Klänge der argentinischen Charango plötzlich um Tausende von Meilen nach Süden gerückt zu sein“. Doch so ganz konnte der Schwabe nicht aus seiner Haut. Weil der Liter Bier 3,50 Mark kostete, bruddelten die Einheimischen, dass sei ja teurer als auf dem Volksfest. Doch nach dem Leeren des Kropfs war wieder Platz für ein Bier, die Wirte jubelten über einen Umsatz von zwölf Millionen Mark. Und nach Hause gingen die Menschen auch nicht. Um Mitternacht treibe es den Schwaben ins Bett, lautete die Prognose von Färber. Damit lag er daneben, die langen Nächte dauerten bis in den Morgen.

Und wer weiß, vielleicht gibt es am Sonntag ja eine lange deutsche Nacht.

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